Doch wie findet das Angebot sein Publikum? Tagung zur Lage in der Region

Kultur ist für alle da

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Wolfgang Barth ist Veranstaltungsleiter der Bürgerhäuser Dreieich, wo er bis zu 170 Veranstaltungen im Jahr organisiert.

Frankfurt ‐ Angesichts leerer Kassen und harter politischer Verteilungskämpfe gerät die Kultur immer stärker in Bedrängnis. Ihre Förderung wird zwar als vornehme, nicht aber als besonders dringliche Aufgabe der Politik angesehen. Der Deutsche Städtetag warnt bereits vor einem „kulturellen Kahlschlag“. Und Kulturstaatsminister Bernd Neumann hat vor wenigen Tagen in einer öffentlichen Aussprache im Bundestag darum gebeten, bei zukünftigen Sparrunden die Kultur zu schonen. Von Denis Düttmann

Der Unterstützung von Kulturinstitutionen und Künstlern haftet stets ein Hauch von Luxus an - die Subventionen werden gemeinhin als Leistungen wahrgenommen, die wünschenswert, jedoch nicht unbedingt notwendig sind. Gerade vor dem Hintergrund, dass nur ein kleiner Teil der Bevölkerung die kulturellen Angebote überhaupt wahrnimmt, muss sich Kulturpolitik stets vorwerfen lassen, Gelder von unten noch oben zu verteilen, die Minderheit des Bildungsbürgertums mit den Mittel der Mehrheit zu subventionieren. Somit geraten kulturelle Einrichtungen immer stärker unter Rechtfertigungsdruck - um ihre Daseinsberechtigung zu unterstreichen, müssen sie sich neue Zuschauerschichten erschließen und ihr Angebot einem breiteren Publikum öffnen.

Methoden und Strategien einer modernen Kulturvermittlung diskutierten nun im Theaterhaus Frankfurt Experten aus Kulturbetrieb, Politik und Verwaltung auf Einladung der „KulturRegion FrankfurtRheinMain“.

„Wir brauchen eine bessere Vermittlung zwischen Kultur-Produktion und -Rezeption“, forderte Wolfgang Schneider, Direktor des Instituts für Kulturpolitik der Universität Hildesheim. Es gelte deutlich zu machen, dass Ausgaben für Kultur kein reiner Konsum, sondern vielmehr Investitionen in die Entwicklung der Gesellschaft seien. Insgesamt gebe die öffentliche Hand bundesweit rund acht Milliarden Euro für die Kultur aus. Er herrsche jedoch ein grobes Missverhältnis zwischen der Förderung von Kulturproduktion, die den Großteil der Gelder einstreiche, und der Kulturvermittlung, die nur relativ wenig abbekomme. Vorbildlich nannte Schneider das Programm „Audience Development“ des britischen Arts Council: Öffentlich finanzierte kulturelle Einrichtungen sind dort dazu verpflichtet, ihr Publikum durch spezielle Angebote zu pflegen und neue Zuschauer hinzu zu gewinnen. Die Ergebnisse der regelmäßigen Evaluationen entscheiden dann über die zukünftige Vergabe der Steuermittel. Auch den kulturellen Schulranzen hält der Professor für eine gute Idee: So erhalten Schüler in Norwegen Gutscheine für kulturelle Einrichtungen. „Das rückt die Angebote ins Bewusstsein und senkt die Zugangsschwellen“, sagte Schneider. Kulturvermittlung müsse künftig als integraler Bestandteil der Kulturproduktion verstanden werden, forderte der Wissenschaftler. Dem müsse auch in der Ausbildung von Kulturschaffenden und Kulturmanagern Rechnung getragen werden.

Von der mühsamen Arbeit an der Basis berichtete Wolfgang Barth, Veranstaltungsleiter der Bürgerhäuser Dreieich. Bei seiner Arbeit geht es nicht um das humanistische Bildungsideal, sondern um eine kulturelle Grundversorgung. Rund 170 Veranstaltungen organisiert Barth pro Jahr und ist dabei allein verantwortlich für das Programm und die Buchung der Künstler, aber auch die Bestuhlung der Mehrzweckhalle. „Ich habe es mit einem Publikum zu tun, das niemals ein Staatstheater besuchen würde“, sagte Barth. Kulturvermittlung bestehe für ihn deshalb vor allem im direkten Gespräch mit den Zuschauern. „Wir bieten vor den Gastspielen Einführungsvorträge an“, erklärte Barth. „Das ist vor allem bei kontroversen Stücken wichtig, sonst laufen Ihnen die Leute davon.“ Zudem organisiert der kommunale Veranstaltungsleiter Workshops für Kinder zur Vor- und Nachbereitung des Theaterbesuchs. „Ein Problem in den Schulen und Kindergärten ist die fehlende Theatersozialisation der Lehrer und Erzieherinnen - das müssen wir durch eigene Angebote auffangen“, so Barth.

Johanna Kiesel, Kulturreferentin in Eschborn, reagiert auf die Defizite bei den Pädagogen mit Fortbildungsangeboten. Externe Referenten erläutern dabei kindliche Rezeptionsprozesse, stellen aktuelle Trends der Szene vor und diskutieren mit den Lehrern und Erziehern ihre Sehgewohnheiten. Auch Ralf Keil, Programmgestalter am Theater Rüsselsheim, zieht es regelmäßig in die Schulen. „Bei uns geht jedes Kind mindestens zweimal pro Jahr ins Theater“, sagte Keil. „Ich stehe mit den Lehrern in regelmäßigem Kontakt und beteilige sie an der Auswahl der Stücke.“ Außerdem haben die Schüler in Rüsselsheim die Möglichkeit selbst auf der Bühne zu stehen. 300 Nachwuchsschauspieler studieren bei den Schultheatertagen in 15 bis 18 Workshops kleine Stücke ein, die am Ende der dreitägigen Veranstaltung aufgeführt werden.

Über die Verbindung von Kulturvermittlung und Jugendhilfe sprach der Leiter des Offenbacher Kinder-, Jugend und Kulturzentrums Sandgasse, Michael Koch. Er verstehe kulturelle Teilhabe als Menschenrecht und orientiere sich an dem Leitgedanken, dass Kultur zur Persönlichkeitsentwicklung der Jugendlichen beitrage. Dabei dürfe die Kulturarbeit jedoch nicht zu einer reinen Methode der Jugendhilfe degradiert werden. „Die Jugendlichen müssen von Objekten sozialpädagogischer Begierden zu Subjekten kultureller Angebote werden“, forderte Koch. Gerade Jugendliche aus sozialen Brennpunkten bräuchten die Erfolgserlebnisse der kulturellen Arbeit. „Sie lernen sich selbst besser kennen und erarbeiten etwas, auf das sie stolz sein können“, sagte Koch. Dabei sei es wichtig, die Jugendlichen kontinuierlich zu motivieren, immer neue Teilschritte anzubieten und Nahziele zu formulieren. „Aus einem Schnupperkurs entwickelt sich ein Workshop, dann wird das erste Konzert organisiert und im Anschluss eine CD produziert“, erläuterte Koch seine „Motivationsleiter“.

Einig waren sich die Teilnehmer der Tagung, dass der Vermittlung der Angebote im Kulturbetrieb in Zukunft ein größerer Raum eingeräumt werden müsse, wolle man nicht auf lange Sicht in der Bedeutungslosigkeit verschwinden. „In Zeiten, in denen der Besuch von Kulturveranstaltungen immer weniger zum selbstverständlichen Freizeitverhalten gehört, wird die Kulturvermittlung umso wichtiger“, sagte Konrad Dörner, Geschäftsführer der KulturRegion FrankfurtRheinMain

Quelle: op-online.de

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