Ein Kumpel aus der normalen Welt

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Beim Frankfurter „Buddy“-Projekt setzt die Drogenhilfe auf das Prinzip Freundschaft.

Frankfurt ‐ „Reinhold ist ein Stadtindianer“, sagt der Mann mit der schwarzen Windjacke und den weißen Haaren. Er heißt Harald und ist der „Buddy“ von Reinhold. Die beiden lachen sich an. Im vergangenen November haben sie sich kennengelernt und ziehen seitdem gemeinsam los. Von Kathrin Rosendorff

Ins Museum, ins Kino, in die Kleinmarkthalle. Heute haben sie sich spontan entschlossen, mit dem 36-er Bus in den Palmengarten zu fahren. Miteinander Zeit verbringen - dies ist der Kerngedanke des „Buddy Care“-Projekts der Integrativen Drogenhilfe Frankfurt. Der Begriff „Buddy“ steht hier für „Freund“ oder „Kumpel“ - also für jemanden, der zu einem hält, der sich um einen kümmert. Das Ziel: Drogensüchtige sollen mit Hilfe ihrer „Buddys“ ins soziale Leben zurückgeholt werden. Dafür treffen sie sich ein Jahr lang einmal die Woche für drei Stunden mit „Nicht-Drogis“, wie Reinhold erzählt.

„Wenn ich mich mit Harald treffe, ist das wie Urlaub vom Alltag“, sagt er. Reinhold lebt schon sein ganzes Leben in Frankfurt und kennt die Stadt wie ein Indianer die Prärie. Über seine kurz geschorenen Haare trägt der 35-Jährige eine braune New-York-Yankees-Baseballkappe. Seine Teddybär-Augen strahlen. Er freut sich, „Buddy“ Harald zu sehen. Der Saftmann auf der B-Ebene der Konstablerwache presst gerade die Orangen aus, Senioren und Banker strömen zur Rolltreppe. Hier treffen sich Harald Girke (56), das „pfälzische Landei“, das erst seit drei Jahren in Frankfurt lebt, und Reinhold Weitzdörfer, der Stadtindianer, der Ex-Junkie.

„Ein bisschen wie ein Ball im Wasser“

„Das ist eine gute Sache, dieses Projekt“, sagt er. „Endlich kann ich Gespräche, führen, die sich nicht um den nächsten Stoff drehen.“ Ein bisschen sieht er sich als Pionier für andere. „Viele Drogis sind skeptisch. Sie haben Angst, sich nicht an die Termine halten zu können.“ Und so seien auch andere Buddy-Paarungen vorzeitig schon wieder auseinander gegangen. „Manche waren einfach noch nicht stabil genug“, mutmaßt Reinhold.

Bevor er sich mit Harald getroffen hat, fühlte er sich „ein bisschen wie ein Ball im Wasser“. Ohne Struktur, ohne Perspektive. Fünf Jahre war er schwerstabhängig, hat auf der Straße geschlafen, gestohlen. Jetzt bekommt er Methadon, einen Ersatzstoff, der ihn vom Heroin fernhält und vom Arzt verabreicht wird. Das läuft seit sechs Jahren. Ein bisschen arbeitet er nebenbei: Er putzt, manchmal legt er auch als DJ in einem kleinen Punk-Schuppen auf. „Durch das tägliche zur Methadonstelle rennen, ist es schwierig, einen richtigen Job zu finden.“ Auch Freunde, die nicht ständig an den nächsten Schuss denken, hatte er lange nicht mehr. „Die meisten Leute wollen doch mit einem wie mir nichts zu tun haben. Und wenn mich jemand auf der Zeil angeguckt hat, habe ich immer gleich gedacht: Es steht auf meiner Stirn geschrieben, dass ich ein Drogi bin.“ Selbst seine Familie meidet ihn. Sein Zuhause sei nie ein warmes gewesen, und die Mutter schäme sich für ihn, sagt er und zieht seine Baseballkappe tiefer ins Gesicht. Mit Harald habe er sich aber von Anfang an verstanden.

Seit zwei Jahren sucht der Sozialarbeiter eine Anstellung

Mittlerweile sind beide im Palmengarten angekommen. „Der Harald ist so straight, sagt direkt seine Meinung, das tut gut“, betont Reinhold. Harald fühlt sich in der Wärme der Gewächshäuser des Palmengartens wohl. „Eine brasilianische Dröhnung“, scherzt er. Reinhold und er grinsen. Überhaupt verstehen die beiden, die 20 Jahre trennen, so gut, als hätten sie schon Förmchen im Sandkasten getauscht. „Das hier ist keine Sozialarbeit“, sagt Harald. „Reinhold ist ein sehr interessanter Mensch, den ich kennenlernen darf. Eine Bereicherung. Wir reden über Leben, Tod, Religion, aber auch über ganz normale Themen, die nicht hochtrabend sind“, erzählt Harald „Und Reinhold nimmt aus den Gesprächen mit, was er will.“

Über einen Zeitungsbericht ist er auf „Buddy Care“ aufmerksam geworden. Das Bild der Projekt-Patin, der Ex-Fußballnationalspielerin Steffi Jones, hat ihn angesprochen. „Ich vertraue ihr als Person. Außerdem hat sie ja selbst einen drogensüchtigen Bruder. Deswegen hatte ich gleich ein gutes Gefühl mit dem Programm“, sagt Harald. Seit zwei Jahren sucht der Sozialarbeiter eine Anstellung. Statt auf der Couch abzuhängen und Bierchen zu kippen, wollte er lieber was Sinnvolles machen. „Ich hatte keine Vorurteile. Und von Anfang an habe ich Reinhold als Mensch gesehen, nicht als Ex-Junkie.“

Harald betont, wie sehr er die Disziplin von Reinhold bewundert, und dass auch er von ihm lernen könne. Wie er sich sein Geld einteilt beispielsweise. „Er richtet es so ein, dass er nur einen Euro fürs Mittagessen zahlt, statt wie andere Leute wie „ein King durchs Leben zu gehen.“ „Einmal als ich auf einen Trip war“, erzählt Reinhold, während die beiden über die Brücke im Gewächshaus laufen, „habe ich mich eine ganze Nacht lang mit einem Poster unterhalten“.

„Bislang hat mir dafür die Kraft gefehlt.“

Jetzt kann er mit Harald - einem ungleich besseren Gesprächspartner - darüber lachen. Viele seiner Freunde, die so etwas wie seine Familie waren, sind an den Drogen oder deren Folgen gestorben, sagt er. Dann wird Reinhold ernst und zieht eine zusammengefaltete Todesanzeige aus der Hosentasche. Er streckt sie Harald entgegen. „Der war ein ganz lieber Kerl. Den kannte ich aus der Substitution“, sagt er und senkt den Kopf. Doch all diese Schicksale haben ihn nicht zum Komplett-Entzug bewegen können.

„Bislang hat mir dafür die Kraft gefehlt.“ Zu groß sei die Angst gewesen, dass er wieder zu Drogen greife. Ab Februar beginnt er mit der Entgiftung. „Die Treffen mit Harald haben mir genug Selbstbewusstsein gegeben“, betont er. „Wir sind mehr als Buddys, wir sind Freunde“, sagt Harald. Reinhold nickt und lächelt. „Er wird es schaffen“, da ist sich Harald sicher. Da vertraut er seinem Stadtindianer. 

Quelle: op-online.de

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