Wo Kunden von der Decke hängen

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Wer mal keine Lust auf Lesen hat, lässt sich dort auch mal ein Piercing stechen, wie diese junge Kundin

Sich in wenigen Stunden piercen und tätowieren lassen, sich neu einkleiden, einen Ausflug in die Fantasy-Welt machen, für erste DJ-Schritte beraten werden und sich noch eine Bong zulegen? Das alles geht in einem Laden – im Kombinat in Darmstadt. Für viele junge Leute ist das ein Traum, für viele alte wohl weniger. Von Jessica Will

Ein geniales Konzept!“, findet Kunde Nico (24). Anders als er kann man das Kombinat in Darmstadt nicht beschreiben. Unter einem Dach finden sich Tätowierer, Piercer, Comicbedarf, Hip-Hop-Bekleidung, Streetstyle-Wear, Plattenladen und Grow-Shop. Das Kombinat setzt sich aus eigenständigen Special-Interest-Läden zusammen. Jeder Shop besetzt eine Nische mit Fachkompetenz. Alleine könnten die einzelnen Händler nur schwer überleben, so unterstützen sie sich gegenseitig. Nicht nur in ökonomischer Hinsicht, mit geteilten Kosten und gemeinsamer Werbung, sondern auch mit ihrer Kundschaft. So bleibt auch mal ein Vinyl-Fan beim Grow-Shop hängen. Oder wie Florian und Dorian, die eigentlich zum Grow-Shop wollten, aber noch beim Piercer vorbei gehen. Sie sind „echt positiv überrascht“.

Das Konzept bewährt sich schon seit zehn Jahren. Damals hatte Kombinat-Initiator und Grow-Shop-Besitzer Marcus van der Kolk (39) den richtigen Riecher: „Schon damals war es absehbar, dass es immer mehr namenlose Ketten geben wird. Die Innenstädte sind völlig austauschbar geworden.“ Er hat sich mit gleichgesinnten Einzelhändlern zusammengetan, um dem etwas entgegenzusetzen. Die Zusammensetzung der Geschäfte hat sich über die Jahre zwar verändert, das Erfolgsrezept ist gleich geblieben – Vertrauen. Die einzelnen Shops müssen sich auf ihre Partner verlassen können, sie teilen die Geschäftsräume und somit auch den Zugang zu Lager und Kassen.

Besonders Subkulturen werden angesprochen

Ein weiteres Erfolgsprinzip: Das besondere Sortiment. Naaman Wakim (36) ist der Guru für die Comic-Fans. Im „Comic-Cosmos“, im Herzen des Kombinats, finden Kunden Raritäten und Sammlerstücke. Für Liebhaber von Mangas und Animes bleiben keine Wünsche offen. Wer sich gerade auf dem Weg zum Tätowierer befindet, kann sich von Design- und Art-Books inspirieren lassen. Mitbegründer Naaman beschreibt das Kombinat als das „Kaufhaus der etwas anderen Art“, da es besonders die Subkulturen anspreche. „Trotzdem versuchen wir, das Angebot auf einander abzustimmen“, sagt er. „So bieten wir Fantasy-Figuren oder Vans an, die besonders die Tätowierkunden ansprechen sollen.“

Verkäufer Larry (27) vom Hip-Hop Laden „The Streets“ hat auch mal ein Bart-Simpson-Shirt im Angebot, um die Comic-Fans anzulocken. „The Streets“ gehört seit 2007 zur Kombinat-Familie. „Für uns hat sich der Umzug gelohnt.“ Unverändert ist das Angebot an angesagten Insider-Marken. „Der Einzelhandel stirbt aus. Es gibt nur noch unpersönliche Kaufhäuser“, beklagt Larry. „Das Kombinat bietet ein breites, aber ausgesuchtes Angebot und eine familiäre Atmosphäre.“
Der Grow-Shop hat mit allem, was man zum Anbauen von Pflänzchen benötigt, wohl das außergewöhnlichste Angebot. Das „Pentagon“ profitiert weniger von dem Durchlauf, „70 Prozent der Leute fragen nach den Tätowierern und Piercern.“ Dafür liegt Thomas (41) die persönliche Beratung umso mehr am Herzen. Der Herr des Vinyls freut sich, dass junge Leute am Auflegen interessiert sind. Denn „sie sind der Treibstoff für die Branche“. Sebastian (15) hat sich das Pentagon als Anlaufstelle ausgesucht. „Ich wollte mich über erste Schritte zum Auflegen informieren und bin gut beraten worden.“ Neben angesagter elektronischer Musik finden Modebewusste auch Schuhe und Kleidung außerhalb des Mainstreams. „Jugendliche wollen sich abgrenzen.“

Auch speziellere Kundenwünsche werden erfüllt

Weitere Infos gibt es auf der Homepage des Kaufhauses.

Beliebtes Ziel im Kombinat ist der hintere Teil. Tätowierer Mönch (40) versteht das „Morbus Gravis“ als „reinen Tattoo und Piercing Laden“. Mönch sticht „alles was anfällt“. Etwas spezieller sind die Kundenwünsche bei Piercer Bauer (36). Vom Tagesgeschäft der Lippen- und Bauchnabelpiercings mal abgesehen, finden hier „Suspension“-Anhänger ihren Kick: Wer´s härter mag, kann sich mit Hilfe von Haken, die am Körper durch die Haut gezogen werden, mit einer Seilkonstruktion an der Decke aufhängen lassen. Dies geschieht nach Ladenschluss. „Dabei geht es nicht darum sich selbst etwas zu beweisen, sondern um eine neue Erfahrung des eigenen Körpers“, erklärt Bauer.

Bauer ist auch für die Planung der Kombinat-Parties verantwortlich. Die Fete zum zehnjährigen Bestehen findet im November in der „Goldenen Krone“ in Darmstadt statt. Die Party ist der Spiegel des Konzepts – die Idee geht wieder einmal auf. Das Kombinat vereint die Jugendkultur auch im übertragenen Sinne. Die Subkulturen existieren nicht nur parallel, an einem Ort, sondern auch gemeinsam.

Quelle: op-online.de

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