Die Kunst geht unter

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Kunst entwickelt Druck: Die 195 Bullaugen, die den neuen Erweiterungsbau des Städel mit Tageslicht versorgen, wölben sich in der Mitte leicht nach oben. Später wird hier ein Rasen angelegt. In Hintergrund sind das Hauptgebäude des Museums und die Skyline zu sehen.

Frankfurt ‐ Gute Nachrichten für Kunstfreunde und speziell für Liebhaber von Bildern aus der Zeit nach 1945: Bis zum Herbst nächsten Jahres wird das Städel in Frankfurt seine Ausstellungsfläche um 3000 Quadratmeter vergrößern und damit verdoppeln. Von Michael Eschenauer

Gelingen wird dies den Kunstmanagern um Städel-Chef Max Hollein durch den Bau einer 30 Millionen Euro teuren, unterirdischen Ausstellungshalle unter dem Garten des ehrwürdigen Hauses. Sie befindet sich hinter dem das Museumsufer prägenden Hauptgebäude und dem dahinter liegenden Gartenflügel.

Zehn Millionen Euro flossen in die Sanierung und Modernisierung anderer Museumsteile. Ein „leuchtendes Juwel am Tag, ein Lichtteppich in der Nacht“, lobte im Februar 2008 die Wettbewerbsjury den Siegerentwurfs des Frankfurter Architektenbüros „schneider + schumacher“. Trotzdem muss man am Museumsufer zeitweise schon ganz schön ins Schwitzen gekommen sein.

Freuen sich wie Kinder über den neuen Raum für die Kunst nach 1945: Oberbürgermeisterin Petra Roth, Museumschef Max Hollein (rechts) und der Vorsitzende der Hertie-Stiftung, Michael Endres.

Oder wie sonst soll man es verstehen, wenn der gefeierte Architekt Michael Schumacher gestern zum Richtfest den früheren Außenminister Hans Dietrich Genscher zitierte. Dem soll weiland angesichts der Probleme beim eigenen Haus der Stoßseufzer entfahren sein „Bauen ist das letzte Abenteuer der Menschheit“. Und so berichtete Schumacher, dem es beim Städel-Neubau wohl zeitweise ebenso ging, vom immensen Wasserdruck des Mains, den man nur durch die Verankerung des Kunst-Saales mit 170 je 17 Meter tiefen Bohrpfählen im Erdreich daran hindern könne, die gesamte Betonschachtel wie ein Papierschiffchen an die Erdoberfläche zu drücken.

Nicht ganz einfach sei es ferner gewesen, so Schumacher lakonisch, „ein 4.000 Quadratmeter großes, zehn Meter tiefes Loch zwischen anderen Häusern zu graben, die dabei idealerweise nicht hineinfallen“.

Glücklicher Hollein

Sei es wie es sei: Gestern war Richtfest und ein glücklicher Museumschef Hollein dankte in den gelben Gummistiefeln der Fördergemeinde im eiskalten Rohbau den hunderten Gästen und Unterstützern für ihre ideelle, fachliche und finanzielle Hilfe. Besonders den Bauarbeitern sei es zu verdanken, dass der vor 15 Monaten begonnene Rohbau pünktlich fertig wurde. Es sei ein Grundcharakteristikum des Städel seit 200 Jahren, dass sich Bürger aus Frankfurt und der Region für die Allgemeinheit engagierten, so Hollein. Dieses Prinzip habe man fortgeschrieben. Die Erweiterung sei ein Quantensprung in der Entwicklung des Kunsthauses.

Frankfurt zeige einmal mehr, dass „Kultur für uns ein Gut ist, zu dem wir uns nicht nur mit Worten, sondern auch mit Taten bekennen“, sagte Frankfurts Oberbürgermeisterin Petra Roth unter Verweis auf den Frankfurter Beitrag für den Ausbau. Allerdings sei Kultur viel mehr als „das Verbauen von Material, sondern die Begegnung zwischen den Kulturen“.

Kosten zu 90 Prozent gesichert

Bei den Kosten kam die öffentliche Hand relativ glimpflich davon. Eine Million steuerte das Land Hessen bei, von der Stadt Frankfurt flossen 13 Millionen Euro, aus dem hessischen Konjunkturpaket stammen weitere fünf Millionen Euro. Auch die Nachbarstadt Eschborn ließ sich nicht lumpen und gab vier Millionen Euro. Hertie-Stiftung, Bankhaus Metzler, Polytechnische Gesellschaft, Pricewaterhouse Coopers, Fazit-Stiftung und der Städelsche Museumsverein zählen neben anderen zum Kreis der Förderer. Die Kosten seien zu 90 Prozent gesichert, so Hollein.

Seit seiner Gründung im Jahre 1814 ist der Bestand des Städel kontinuierlich gewachsen - auf 2800 Gemälde, 600 Skulpturen und mehr als 100 000 Zeichnungen und Grafiken. Der neue Erweiterungsbau wird die Kunst nach 1945 aufnehmen. Die Sammlung ist seit 1878 in dem von Oskar Sommer, einem Semper-Schüler, errichteten Gebäude am Schaumainkai untergebracht. Trotz mehrerer Erweiterungen und Modernisierungen kam man 2006 zu dem Schluss, dass eine Erweiterung unaufschiebbar sei.

Eine Mischung aus Tages-und Kunstlicht

Der über einen unterirdischen Gang vom Haupthaus zugängliche 76 mal 52 Meter große und sechs bis acht Meter hohe neue Erweiterungsbau befindet sich acht Meter unter der Erdoberfläche. Für das Beleuchtungskonzept gibt es bereits im Vorfeld viel Lob. Unter dem Leitmotiv „Balance“ soll eine Mischung aus Tages- und Kunstlicht entstehen. Der Raum bleibt relativ offen, die Wände reichen nicht bis zur Decke. Architektur und Kunst sollen sich Raum lassen und das Publikum gleichermaßen faszinieren. Die 195 kreisrunden Deckenlichter sind zur Mitte hin nach außen gebeult, so dass ein kleiner Hügel über der Halle entsteht. Sage also niemand, Kunst könne keinen Druck machen.

Quelle: op-online.de

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