Der Kurort mit Champagnerluft

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Ein Bronzedenkmal von Kaiser Wilhelm I. steht in Bad Homburg vor dem traditionsreichen Kaiser Wilhelm Bad.

Bad Homburg - Traditionsbewusst, aber vom Staub befreit - so will Bad Homburg in diesem Jahr Jubiläum feiern: Seit 100 Jahren steht das „Bad“ vor dem Ortsnamen. Von Sabine Ränsch (dpa)

Im Mittelpunkt der Festlichkeiten soll der Kurpark mit seinen historischen Gebäuden aus der glanzvollen Zeit des Badebetriebs stehen. An diese Zeit soll angeknüpft werden, denn für die Stadt sei der Kurbetrieb auch heute absolut unverzichtbar, sagt Oberbürgermeister Michael Korwisi (Grüne).

Im November 1912 erhielt Homburg mit Zustimmung von Kaiser Wilhelm II. den Titel „Bad“. Die schon viel früher bekannten Heilquellen in dem Mitte des 19. Jahrhunderts von Peter Joseph Lenné angelegten Kurpark sprudeln noch heute, jeder kann sie kostenlos probieren und sich auch so viel davon abzapfen wie er möchte. Nach dem ersten Schluck verzieht mancher das Gesicht, denn das Wasser schmeckt je nach Zusammensetzung salzig, metallisch, muffig oder faulig. Es soll bei Blutarmut oder Magen-Darm-Problemen helfen, Bäder im Solesprudel gelten als Mittel gegen Hautkrankheiten.

Touristen aus China, Russland und Arabien anlocken

„Die Kur lebt - nur ganz anders als früher“, sagt Kurdirektor Ralf Wolter (51). Die Heilquellen, Wellness und die gute Taunusluft in Verbindung mit kulturellen Angeboten sollen künftig mehr zahlungskräftiges Publikum anlocken, auch aus China, Russland oder Arabien. „Champagnerluft und Tradition“ - so wirbt die Stadt vor dem Toren Frankfurts für sich, neuerdings auch auf chinesisch.

Zur Kaiserzeit war die Stadt am südlichen Taunusrand mondäner Treffpunkt für den europäischen Hochadel. Das Homburger Schloss, 1866 von der kinderlosen Landgrafenfamilie in den Besitz Preußens übergegangen, war kaiserliche Residenz. Regelmäßig flohen die Hohenzollern aus der Berliner Sommerhitze ins angenehme Klima am Taunusrand. Im Schloss richtete sich die Familie eine für damalige Zeiten ultramoderne Wohnung mit Wasserklosett und Telefonzelle für den heißen Draht nach Berlin ein. Die Sanierung der original erhaltenen Räume wird zwar nicht rechtzeitig zu den Jubiläumsfeiern fertig, aber dafür hat sich ein Vertreter des Hauses Hohenzollern angesagt, um an die Familientradition zu erinnern.

Zahl der Kurgäste zurückgegangen

Die Verwandtschaft kam damals auch: Aus England und Russland reisten Prinzen, Prinzessinnen und die Zarenfamilie an. Diese Gäste lockten wiederum andere betuchte Besucher in die Stadt. Für die russische Kirche legte Zar Nikolaus II. 1896 den Grundstein. Nach dem Niedergang des Kaiserreichs und der Revolution in Russland waren die goldenen Zeiten vorbei, in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts kamen Krankenkassen-Patienten. Die Einsparungen der diversen Gesundheitsreformen seit 1989 hätten die Zahl der verordneten ambulanten Badekuren in Deutschland aber auf ein Viertel sinken lassen, sagt Almut Boller, Geschäftsführerin des Hessischen Heilbäderverbands. Um den Kurbetrieb wirtschaftlich aufrecht zu erhalten, sind seitdem andere Ideen gefragt.

Bad Homburg besinnt sich auf seine Tradition und schlägt einen Bogen zurück. Heute ist es der Geldadel, den Kurdirektor Wolter im Blick hat: „Medical Wellness“ für Wohlhabende, die sich etwa nach einer Operation im nahen Frankfurt bei einer Reha-Kur in Bad Homburg erholen möchten und dort neben medizinischer Betreuung die Annehmlichkeiten eines Luxus-Urlaubs geboten bekommen. „Das Historische ins Jetzt und ins Morgen transportieren“, lautet Wolters Devise.

Angebote für Privat-Patienten ausbauen

„Wir haben die Zeichen der Zeit früh erkannt“, sagt OB Korwisi (59). Der Kurstadt-Status sei immens wichtig, nicht nur für den Kurbetrieb, sondern auch für Bad Homburg als Gesundheitsstandort und für die Lebens- und Wohnqualität. Über 100 Firmen aus der Branche gebe es in der Stadt, darunter große wie den Medizinriesen Fresenius. Nach wie vor werde es die klassische Kur geben, „aber wir müssen die Angebote für Privat-Patienten deutlich ausbauen“.

Verbands-Geschäftsführerin Boller bescheinigt Bad Homburg ein gutes Konzept, das freilich nicht für jeden Kurort passe. Nach Angaben der Stadt liegt die Zahl der Kurgast-Übernachtungen bei rund 304 000 pro Jahr, das entspreche zwei Dritteln der Gäste-Übernachtungen insgesamt. Ein wesentlicher Vorteil der Stadt sei die Nähe zu Frankfurt und dem Flughafen, sagt Kurdirektor Wolter. Das wissen auch Top-Manager von Banken und anderen Unternehmen zu schätzen - viele von ihnen wohnen in Bad Homburg.

Im Jubiläumsjahr will die Stadt die historischen Bauten ins rechte Licht setzen. Rechtzeitig werde die Konzertmuschel im Kurpark nach historischen Plänen fertig, und auch das Kurorchester werde dann wieder im Park spielen, sagt Wolter. Das Gebäude aus den 1970er Jahren wurde entfernt. Auch die Spielbank soll eine Attraktion bleiben. „Bad Homburg so wie wir es kennen, gibt es nur, weil es die Spielbank gibt“, sagt Wolter. Das 1841 eröffnete Casino gilt als „Mutter von Monte Carlo“ - die Brüder Blanc verdienten mit dem Glücksspiel Millionen und steckten in den Boomjahren gewaltige Summen in den Kurbetrieb. Einer der berühmtesten Gäste war der russische Schriftsteller Fjodor Dostojewski, Autor des Romans „Der Spieler“.

Quelle: op-online.de

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