Heimwerken ist nicht nur Männersache

Nach Herzenslust experimentieren

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Mustafa Pektas führt den Einsatz einer Schleifmaschine vor.

Frankfurt - „Lasst das mal die Männer machen! Geht lieber kochen!“ - Man sollte meinen, solche Macho-Sprüche sind Relikte aus Kaisers Zeiten oder vielleicht so eben der Wirtschaftwunderzeit entsprungen. Doch weit gefehlt. Von Silke Gelhausen-Schüßler 

Bauhaus-Mitarbeiterin Stephanie Spöck kann ein Lied davon singen. Sie und die Teilnehmerinnen bei der „Women’s Week“, den Baumarkt-Heimwerker-Kursen nur für Frauen, hören solche „Ratschläge“ auch heute noch. Die Heimwerker-Kurse für Frauen finden während der regulären abendlichen Öffnungszeiten statt - und die männliche Laufkundschaft scheint das bisweilen amüsant zu finden. „Manchmal stehen sie dann rum und glotzen“, so Spöck, „und dann kommen diese abgedroschenen Sprüche. Dadurch werden die Frauen natürlich verunsichert und trauen sich nicht richtig, selbst Hand anzulegen. “.

Christian Zott gibt erste Hilfestellung beim Fliesen legen, dann ist Selbermachen angesagt.

Abhilfe hat die Baumarkt-Kette „Bauhaus“ hier mit der „Women’s Night“ geschaffen. Diese Abende finden zusätzlich zum „Women’s Week“-Angebot am Wochenende nach Ladenschluss statt, dann gehört der Markt allein den Heimwerkerinnen. Bei Wasser, Sekt und Cocktails werden Workshops zu verschiedenen Themen von Firmenvertretern oder den eigenen Mitarbeitern angeboten. Dabei kann nach Herzenslust und ohne Zeitdruck gefragt, getestet und gewerkelt werden.

Thimo Heyer, stellvertretender Geschäftsleiter von „Bauhaus“ Frankfurt an der Hanauer Landstraße, hat schon viele Besucherinnen bei der „Women’s Night“ begrüßt. Heyer: „In der Regel kommen mindestens 60 Frauen, und um null Uhr gehen die wenigsten nach Hause. Wir haben hier schon bis halb fünf morgens gesessen.“ An jenem Abend, den die Reporterin begleitet, sind es aber nur an die 20 Teilnehmerinnen. „Das hat auch einen großen Vorteil: Jede einzelne kann viel ausprobieren“, sagt Heyer. Das Angebot reicht weit über das einfache Tapezieren hinaus, der Markt richtet sich da auch nach den Bedürfnissen der Frauen. Kommen zum Beispiel mehrere Anfragen zum Thema Elektro, dann wird für den nächsten Termin Lampenanschluss und Wechselschaltung eingeplant.

„Das wichtigste ist der Untergrund“

Heute heimwerken nur Frauen.

Diesmal stehen die Themen „Fliesen legen“, „Bohren, Dübeln, Sägen“, „Tapezieren und Streichen“ sowie „Laminat legen“ zur Auswahl. Neu ist das Thema „Auto“. Dazu dürfen die Teilnehmerinnen sogar den eigenen Wagen zwischen die Regalreihen fahren und unter Anleitung Ölstand oder Reifendruck messen. In lockerer Atmosphäre versucht Heyer den Frauen die Scheu vor der Praxis zu nehmen: „Sie können hingehen, wo Sie wollen. Wenn Sie sagen, der Herr X macht das blöd, dann gehen Sie woanders hin. Wir zeigen kurz, wie es geht, dann dürfen Sie ran!“ Vor dem Fliesen legen gibt es erst etwas Frontalunterricht, weil frau dafür einige grundsätzliche Dinge wissen muss. Fachberater Christian Zott konstatiert: „Das wichtigste ist der Untergrund. Der muss gerade und eben sein, dann funktioniert alles prächtig.“ Es ist mucksmäuschenstill auf den Bierzeltbänken, alle Teilnehmerinnen hören gespannt zu. Eine Dame macht sich eifrig Notizen zu Haftputzgips, selbstnivellierender Spachtelmasse und grünen Rigipsplatten. Zott: „Das zweitwichtigste ist die Grundierung. Dazu muss man das Saugverhalten der Fliese ermitteln.“ Vorführung mit nassem Pinsel und Demonstration der Grundierungsverpackungen folgen.

Langsam tauen die Frauen auf, und die ersten Fragen kommen: „Kann ich kleine Fliesen auf große kleben?“, „Wie fliese ich eine abschüssige Duschwanne?“, „Was mache ich mit schimmeligem Silikon im Bad?“, „Wie hieß nochmal der dritte Kleber, den wir nicht brauchen?“ - „Das ist der Epoxidharzkleber, der ist nach 20 Minuten hart...“ Der Experte weiß auf alles eine Antwort und zeigt gleich das dazu passende Produkt vom Tisch.

Natürlich sind solche Kurse für Firmenvertreter und den Baumarkt immer gutes Marketing. Die Damen stört das wenig, sie wollen schließlich wissen, welcher Artikel aus der riesigen Produktpalette für ihr Vorhaben in den Einkaufswagen wandern muss. Nach fast 30 Minuten Theorie geht es dann über zum praktischen Teil. Antje Schulte, die Kollegin von Zott - ebenfalls „Women’s-Night“-Profi in den Märkten in Frankfurt, Hanau und Gründau - erklärt den Frauen an der dafür aufgebauten Übungswand, wie man die Kacheln gleichmäßig auf die Rigipsplatte klebt. Schulte hat an alles gedacht: „Für Damen, die Angst haben, sich schmutzig zu machen, haben wir Einwegoveralls organisiert.“ Keine der Frauen greift auf dieses Angebot zurück - da ist frau vielleicht ein bisschen zu stolz dazu, sich für die paar Fliesen in Plastik zu werfen. Oder zu sparsam.

„Bestimmt nicht meine letzte Women’s Night“

Marijana traut sich als erste, den Superkleber (Handelsname) mit der Zahnkelle an die Wand zu schmieren und die weißen Fliesen unter Anleitung zu befestigen. Nach wenigen Minuten hat sie einen ganz passablen Fliesenspiegel gezaubert. „Das ist nach 2010 meine zweite Women’s Night. Letztes Mal war es für die Fliesen schon zu spät, das hole ich heute nach,“ so die 35-jährige Frankfurterin. Damals stand für sie der Zusammenzug mit dem Freund an, das gemeinsame Laminat legen hat dank der „Women’s Night“-Vorarbeit gut geklappt. Marijana: „Das Tolle hier ist, das man nach Herzenslust herumexperimentieren kann. Man hat die richtigen Materialien und Maschinen und kann Dreck machen!“ Mit ihrem neuen Hintergrundwissen will sie sich nun an die Verschönerung ihres Bads machen.

Etwas zaghafter im Probierstudio ist die zwei Jahre ältere Sinje. „Ich kann halt gar nichts“, meint sie mit entwaffnender Ehrlichkeit. „Und das ist bestimmt nicht meine letzte Women’s Night.“ Bei kleinen Reparaturen in der Mietwohnung hat sie schon sämtlich greifbare Personen des Umfelds rekrutiert: Eltern, Bekannte, Nachbarn, Handwerker. Bei jeder Kleinigkeit Hilfe zu holen, kann jedoch genauso anstrengend sein, wie die Arbeit gleich selber zu machen. Deshalb will die Marketingfachfrau unabhängiger werden, plant, mit der Freundin den „Do it yourself“-Heimwerkerkurs für Frauen bei der Volkshochschule Frankfurt zu besuchen. „Ich möchte gern streichen können oder bohren,“ wünscht sie sich.

Derweil haben sich jene Teilnehmerinnen, die mit knallblauer Fugenmasse und klebrigem Silikon nichts am Hut haben, bei der Station „Bohren, Schleifen, Sägen“ versammelt, wo sie Mustafa Pektas in die Geheimnisse der grünen Maschinenwelt einweiht. „Beim Bohrhammer schlägt ein pneumatischer Kolben auf die Bohrstange, im Gegensatz dazu hat eine Schlagbohrmaschine ein Schlagwerk mit Ratschenzahnung auf der Bohrspindel.“ Zuviel Fachchinesisch? Der Sieger ist in der Praxis schnell ermittelt: Nur mit dem kräftigen Bohrhammer lassen sich die harten Betonterrassenplatten tief genug bohren, um den Dübel überstandfrei zu versenken.

Bei jedem Workshop sollte der Spaß nicht zu kurz kommen. Das ist zwar nicht exakt geplant, ergibt sich aber irgendwann aus der Situation. Als „König der Unterhaltung“ stellt sich der Klebstoff-Fachberater heraus, der die Damen reihenweise auf einen nur durch Kleber an der Wand fixierten Stuhl Probe sitzen lässt. Seine Praxisbeispiele und Erzählstil sind derart amüsant, dass er irgendwann fünf gackernden und nach Luft schnappenden Damen gegenüber steht. Andi Goral: „Ich hatte mal einen schwäbischen Kunden, der wollte tatsächlich ein Loch im Benzintank des Rasenmähers kleben. Ich hab ihn sicherheitshalber an die Verbraucherberatung verwiesen!“ Oder: „Neulich bin ich einem älteren Herrn begegnet, dem hatte ich mal diesen Kleber verkauft. Der zeigt auf sein Gebiss und erklärt mir, damit seinen abgebrochenen Zahn zusammengeflickt zu haben: ,Es schmeckte zwar drei Tage bitter, aber hält immer noch!’“

Zurück zu Stephanie Spöck. Die ist mit Tapezieren, Streichen und dem dekorativen Lackieren von Bilderrahmen durch. Spöck resümiert: „Heute waren die Frauen recht zögerlich. Ich musste erst die Angst nehmen und zeigen, wie einfach vieles ist. Zu Hause sagt ja meist der Mann: Ich mach das! Dabei gibt es nichts, was eine Frau nicht auch könnte.“ Die junge Frau in der grauen Latzhose (Aufdruck: „Women’s Week - Schneller als Mann denkt“) kennt die Vorurteile gegenüber Frauen und Handwerk bestens aus eigener Erfahrung. In ihrer Zeit im Bauhaus wurde sie schon öfter bei Beratungsbedarf nach einem männlichen Kollegen gefragt. Die Odenwälderin: „In der Farben- und Tapetenabteilung geht es noch so, bei Fragen zu Werkzeug oder Baustoffen ist die Voreingenommenheit noch wesentlich ausgeprägter.“

Quelle: op-online.de

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