Ein Lächeln ins Gesicht gezaubert

Chilly Gonzales präsentiert sich als umwerfender Entertainer 

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„The Entertainist“ – Chilly Gonzales.

Erst einmal ein Moment der Versenkung. Chilly Gonzales kommt in einem dandyhaften Hausmantel auf die Bühne und setzt sich ans Klavier. Stille im Saal, alles ist wie bei einem Konzert der klassisch-romantischen Musik.

Frankfurt – Bei dem seit einigen Jahren in Köln lebenden Kanadier liegt die Frage nahe, ob es sich hierbei um eine Parodie des Konzertsaalrituals handelt oder ob auch er ganz einfach diesen gewissen Moment braucht, bevor er zu spielen beginnt. Schließlich hat sich Gonzales in seinen frühen Tagen in der legendären kanadischen Diaspora des Berliner Club-Undergrounds einmal als „The Entertainist“ apostrophiert.

2004 dann hatte er sein Album „Solo Piano“ veröffentlicht, acht Jahre später „Solo Piano II“ – seine derzeitige Konzertreise, in deren Zuge er in der ausverkauften Frankfurter Alten Oper gastiert hat, ist aus Anlass des Erscheinens der nun vorliegenden dritten Folge als „Solo Piano III“-Tour annonciert.

Mit seiner Klaviermusik ist der heute 46-jährige jener Musikrichtung voraus gewesen, die inzwischen als „Neoklassik“ gehandelt wird. In einer eigenständigen Art knüpft er an den musikalischen Impressionismus eines Maurice Ravel wie auch an die musique d’ameublement von Erik Satie an.

In dieser an sich schlichten, den expressiven Ausdruck meidenden Musik gibt es Momente eines wuchtigen Stakkatos oder eines quirligen Geplinkers auf den höchsten Tasten. Meistens sind die Schlusswendungen in einer Art pointiert, dass sie einem ein Lächeln ins Gesicht zaubern. Natürlich ist auch das Entertainment, wenngleich mit völlig anderen Mitteln als in den mitreißenden Meta-Rapshows, die er in seiner Berliner Zeit gegeben hat.

Wie werde ich Klavierbauer/in?

Nach zwei, drei Nummern thematisiert die Stimme von Gonzales aus dem Off den Umstand, dass er ja noch gar nicht geredet habe. Er tut dies – und fortan ist der Abend ein anderer: Eine Mischung aus Stand-up-Comedy, Rapnummern und Popsongs, großteils begleitet von der Cellistin Stella La Page und Schlagzeuger Joe Flory. In der Hauptsache spricht Gonzales über das Handwerk des Entertainers und über kompositorische Techniken wie das effektvolle Verfahren, eine musikalische Floskel in einer verschobenen Höhe zu wiederholen, die über die Jahrhunderte hinweg von Bach über Kurt Cobain und Britney Spears bis eben zu Gonzales immer wieder angewendet worden ist.

Das ist alles ausgesprochen lustig. Chilly Gonzales ist ein umwerfender Entertainer und ein feinsinniger Musiker und vor allem ein begnadeter Selbstdarsteller. Einen ganzen Abends nur am Klavier – das traut er sich nicht. Das ist schade, denn es spricht nichts gegen die Annahme, dass ein solches Konzert ganz großartig werden, und – ganz wichtig, wenn man sich als The Entertainist versteht – prächtig ankommen dürfte.

Von Stefan Michalzik

Quelle: op-online.de

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