Neue Landebahn Nordwest bringt alten Ärger zurück

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Morgen nimmt die neue Landebahn Nordwest am Frankfurter Flughafen den Betrieb auf.

Frankfurt ‐ Der Frankfurter Flughafenbetreiber Fraport hatte einen Festtag geplant, wenn am morgigen Freitag Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) die neue Landebahn Nordwest mit ihrer Regierungsmaschine in Betrieb nimmt. Daraus wird wohl nichts. Von Christian Ebner (dpa)

Statt schöner Worte über glänzende Perspektiven der Luftverkehrswirtschaft und die Innovationsfähigkeit der Volkswirtschaft jenseits von „Stuttgart 21“ steht der Dauerstreit um Fluglärm und Nachtflugverbot im Mittelpunkt des Interesses. In der vergangenen Woche haben die Richter des Hessischen Verwaltungsgerichtshofs (VGH) mit einer überraschenden Entscheidung alle Beteiligten daran erinnert, dass es für die vierte, in nur zweieinhalb Jahren betonierte Piste des größten deutschen Flughafens noch keine Rechtssicherheit gibt. Auch vier Jahre nach der Planfeststellung hat das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig immer noch nicht über die von der Landesregierung zugelassenen durchschnittlich 17 Nachtflüge entschieden. Der VGH kassierte kurzerhand die Fraport-Planung, zum 30. Oktober einfach mal loszufliegen und untersagte sämtliche Nachtflüge bis zu einer Entscheidung aus Leipzig.

Nachtflüge müssen umgestrickt werden

Ausgerechnet der Fraport-Hauptkunde und Miteigentümer Deutsche Lufthansa AG, deren ehemaliger Chef Jürgen Weber den Ausbau einst angeschoben hatte, ist nun stocksauer, weil kurzfristig hunderte Nachtflüge auf andere Zeiten oder Zielflughäfen umgestrickt werden müssen. Verluste in Millionenhöhe beim ohnehin schwächelnden Frachtgeschäft sind vorprogrammiert. Vorstandschef Christoph Franz hat sogar verlangt, die neue Bahn vorläufig nicht zu nutzen, um nach dem bisherigen Betriebsmodus weitermachen zu können, der kein generelles Nachtflugverbot kennt.

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Dabei tritt mit dem vom VGH verfügten vorläufigen Nachtflugverbot der Zustand ein, den die Landesregierung den Bürgern der dicht besiedelten Rhein-Main-Region ursprünglich versprochen hatte. Der zusätzliche Fluglärm am Tage sollte durch eine strikte Pause in der Nacht kompensiert werden, hatten sich Kommunen, Land, Fraport und andere Beteiligte im Jahr 2000 nach einer langjährigen und mühsamen Mediation geeinigt. „Wutbürger“ Stuttgarter Prägung wurden so politisch geschickt ausgebremst. Doch die Landesregierung unter Ministerpräsident Roland Koch (CDU) fühlte sich bald nicht mehr an die Beschlüsse gebunden und schrieb stattdessen die 17 Nachtflüge in die Planfeststellung, um den Bedürfnissen der Luftfahrt- und Exportindustrie nachzukommen. Wichtiges Argument sind zudem tausende zusätzliche Arbeitsplätze, die der Ausbau bringe.

„Mediationsergebnis von der Auftraggeberin mit Füßen getreten“

Wäre die Landesregierung der Empfehlung der von ihr selbst eingesetzten Mediation gefolgt, gäbe es heute weniger Unmut in der Region, meint Thomas Jühe (SPD), Bürgermeister von Raunheim und Vorsitzender der Fluglärmkommission. „Es ist bedauerlich, dass das Mediationsergebnis von der Auftraggeberin mit Füßen getreten wird.“ Die Kommunen vermissen zudem aktiven Lärmschutz und eine Lärmobergrenze in der Planfeststellung. Die Opposition im Wiesbadener Landtag wird nicht müde, der CDU/FDP-Regierung einen Verrat an Bürgerinteressen vorzuwerfen.

Die neue Bahn mit Rollwegbrücken über die Autobahn A3 nach Köln ist mit 600 Millionen Euro reinen Baukosten ein Projekt der Superlative. Ihr musste sogar ein ungünstig gelegenes Chemiewerk der Firma Ticona weichen, das für weitere 670 Millionen Euro in den nahen Industriepark Höchst verlagert wurde. Die Wiederaufforstung der gerodeten 282 Hektar Wald an anderen Stellen des Rhein-Main-Gebiets schlug mit mehr als 160 Millionen Euro zu Buche. Zusammen mit dem geplanten dritten Passagier-Terminal und weiteren Ausbauten ergibt sich laut Fraport eine Gesamtinvestition von rund vier Milliarden Euro.

Bis zu 126 Flugbewegungen pro Stunde

Mit der neuen Bahn wird der bislang eng gestrickte Frankfurter Flugplan deutlich entzerrt, weil auf dem neuen Vierbahnen-System erstmals auf zwei Pisten völlig unabhängig voneinander gelandet werden kann. Die Kapazität von derzeit 82 Flugbewegungen pro Stunde wird im Winterflugplan zunächst auf 90 hochgefahren. Im Endausbau sollen dann 126 Flugbewegungen pro Stunde möglich sein, was sich im Jahr auf rund 700.000 Flugbewegungen multipliziert und nahezu 90 Millionen Passagiere nach Frankfurt bringen soll. Vergangenes Jahr waren es erst rund 53 Millionen.

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Nach der Landebahneröffnung stehen weitere bereits genehmigte Bauprojekte an. Der Terminal-Arm A Plus ist bereits im Bau und soll ab dem nächsten Jahr die wachsende Flotte der riesigen A 380 bewältigen. Fraport rechnet bereits für 2016 mit der Eröffnung des ersten Moduls am Terminal 3 im Süden des Flughafens. Nach dem Ausbau ist in Frankfurt eben immer auch vor dem Ausbau. Schon haben sich erste Stimmen aus der Industrie gerührt, dass man über eine weitere Vergrößerung des Drehkreuzes nachdenken müsse.

Quelle: op-online.de

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