„Always Happy Landings“ Merkel macht den Anfang

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Anfangsbetrieb: Der Airbus A319 mit der Kanzlerin an Bord auf der neuen Landebahn Nordwest des Frankfurter Flughafens - im Hintergrund landet eine Lufthansa-Maschine.

Fast 14 Jahre Streit und vier Jahre Bauarbeiten gehen ins Land. Die Begleitmusik für dieses Epos liefert die Mediation - der Versuch, ein umstrittenes Großprojekt durch die Beteiligung der Bevölkerung demokratisch zu verankern. Von Michael Eschenauer

Er scheitert, als das Versprechen des Nachtflugverbots gebrochen wird. Ganz zum Schluss wabert Herbstnebel über die Bühne oder das, was einmal der Mönchswald bei Kelsterbach war. „German Airforce six two five, runway zero seven left, cleared to land. ” Der Fluglotse im Tower gibt die Regierungsmaschine, einen Airbus A 319, mit Bundeskanzlerin Angela Merkel zur Landung frei. Es ist Freitag, der 21. Oktober 2011, exakt 14:31 Uhr. Pünktlich lichtet sich der Nebel, die Sonne blitzt. Es gibt Reden, Sekt und Häppchen im beheizten Großzelt, die Sprechchöre der kaum 100 Demonstranten hinterm meterhohen Sicherheitszaun dringen kaum ins Innere. Die Landebahn Nordwest am Frankfurter Flughafen ist eröffnet. Das Stück ist vorbei. Vorhang.

Nicht jeder ist so locker drauf wie Merkel und Raab

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„Ich kann aus eigener Erfahrung bestätigen: Dies ist ein Gewinn für die Region“, sagt die Kanzlerin vor der Bühne, kurz nachdem sie Boden unter den Füßen spürt, in Mikrophone und Kameras. Lila ist ihr Jackett, schwarz die Hose und strahlend das Lächeln. Die neue Landebahn sei „Ausdruck der Zukunftsfähigkeit der Bundesrepublik als Exportnation“. Ja, so klar und einfach klingt das, wenn man auf Feldherrnhöhen fern des Schlachtgetümmels steht. Axel Raab, Sprecher der Deutschen Flugsicherung, hatte zuvor den Anflug der Kanzlerin auf einem Großbildschirm erläutert. Aus Rücksichtnahme bildete er das Flugzeug aber nicht rot wie sonst üblich oder gar grün ab, sondern türkis. Nicht jeder ist so locker drauf wie Merkel und Raab. Es gibt kritische Passagen zu hören und sorgenvolle Mienen zu besichtigen.

Zu „ökologisch und ökonomisch grotesken Maßnahmen gezwungen“

Das Riesending von oben. Lufthansa-Chef Christoph Franz, Frankfurts Oberbürgermeisterin Petra Roth, Fraport-Vorstandsvorsitzender Stefan Schulte, Bundeskanzlerin Angela Merkel und Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier (von links) posieren mit einem Bild der neuen Landebahn.

Lufthansa-Chef Christoph Franz zum Beispiel. Er reiht sich in seinem Grußwort vor hunderten geladener Gäste in die Reihe der Spaßverderber ein. Franz ist geladen: Man werde die Chancen des Ausbaues nutzen, so der Streiter gegen das Nachtflugverbot, „aber es herrscht keine Feierstunde im Unternehmen“. Der Preis für die neue Landebahn, so der Airline-Chef, der damit das Nachtflugverbot meint, sei „hoch, man möchte sagen zu hoch.“ Die von ihm befürchtete nächtliche Zwangsruhe sei ein Schlag für Lufthansa und die Cargo-Tochter, „ein schwerer Schlag gegen den Wirtschaftsstandort Deutschland“.
Nun sei man zu „ökologisch und ökonomisch grotesken Maßnahmen gezwungen“. Zum Beispiel dazu, dass man jedes Jahr 1,5 Millionen Liter Dieselkraftstoff verbrauchen werde, um Fracht mit Lastwagen vom Frankfurter Flughafen dahin zu bringen, wo man nachts starten dürfe. Zwei Millionen Liter Kerosin werde es jährlich kosten um Flugzeuge nachts über den Flughafen Köln/Bonn und nicht von Frankfurt aus in Richtung China zu schicken. Die Protestler draußen vor der Tür sehens anders und skandieren: „Schlimmer als die Pest: Landebahn Nordwest“ oder - nicht ganz so einfallsreich: „Hopp, Hopp, Hopp - Landebahn stopp!“

Interessen der Anwohner ernst nehmen

Auch Fraport-Chef Stefan Schulte spricht zwar von „großer Freude über den erfolgreichen Abschluss eines der großen Infrastrukturprojekte Deutschlands“, weist aber mit umwölkter Stirn auf „schwierige Entwicklungen“ hin. Er meint damit die jüngste Entscheidung des Verwaltungsgerichtshofs in Kassel (VGH), vorerst alle Nachtflüge zu verbieten. Schulte fordert eine Regelung für verspätete Abflüge - und zwar kurzfristig. Es könne nicht sein, „dass wir einen vollen Airbus A 380 um eine Minute nach 23 Uhr wieder umdrehen und ausladen müssen“.

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Verkehrsminister Dieter Posch (FDP) habe ihm die Klärung dieses Problems zugesagt, verrät der Manager. „Wir sind in Gesprächen“, sagt der zurückhaltend. Frankfurt sei Deutschlands „Tor zur Welt“ und deshalb bereite ihm das neue Nachtflugverbot Sorgen, so Schulte weiter. Gleichzeitig müsse man die Interessen der Anwohner ernst nehmen und die Lärmbelastung „im Griff behalten“. Die Bevölkerung unterstütze den Ausbau - „gepaart mit der Aufforderung, bei der Lärmminderung weitere Erfolge zu erzielen“, weiß Schulte. Vor seiner Rede brachte ein Bläserquintett „1. Prelude Act 1“ aus „Carmen“ zu Gehör. Besser bekannt ist das Stück als „Auf in den Kampf, Torero“.

Für Bouffier ist der Dialog mit dem Umland nicht beendet

Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) spricht vom Flughafen als „dem Herzmuskel der Region und weit darüber hinaus“. Dies sei ein „großer Tag“, so der CDU-Politiker „ein Tag der Freude für das ganze Land“. Für Bouffier ist der Dialog mit dem Umland nicht beendet. Es sei eine Verpflichtung durch aktiven und passiven Schallschutz die Belastungen zu vermindern. Er wiederholte seine Aussage, für die nächsten 20, 30 Jahre sehe er keinen weiteren Ausbau. „Was spätere Generationen entscheiden, ist deren Sache.“

Demonstrant Peter Illert ist nicht eingeladen zur Eröffnungsfeier. Er sieht nicht nur neuen Lärm am Himmel, sondern durch den Flughafenausbau auch eine „künstliche Stadt ohne Leben“ am Boden wachsen.

Um 15.37 Uhr setzt ein Airbus A321 von Lufthansa aus Hamburg mit 122 Passagieren als erste planmäßige Maschine auf der neuen Landebahn auf. Die Choreografen der Feier sind keine Anfänger: Es ist ein Versuchsflieger, ein Öko-Versuchsflieger: Eines seiner Triebwerke verbrennt biosythetischen Treibstoff.
Der Anti-Startbahn-Aktivist Peter Illert packt vor den Polizisten und Security-Leuten am Flughafen-Tor zur gleichen Zeit sein Plakat „Stoppt Airport-Expansion“ ein und macht sich auf den Rückweg. Er ist aus Dreieich mit dem Fahrrad gekommen.

Quelle: op-online.de

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