Landemanöver von Philae

Hochspannung bei Esa in Darmstadt

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Darmstadt - Landemanöver von Philae sorgt für Hochspannung bei der Esa in Darmstadt: Schwierige Mission war an Dramatik kaum zu überbieten. Und die Aufregung geht weiter. Von Axel Wölk

„Die Europäer haben ein neues Kapital in der internationalen Raumfahrtgeschichte aufgeschlagen. Zum ersten Mal überhaupt setzte ein Landegefährt auf einem Kometen auf. Dies ist ein großer Schritt für die menschliche Zivilisation“, jubelte Jean-Jacques Dordain, der Chef der Europäischen Raumfahrtorganisation (Esa). Viele Beobachter fühlten sich an die Mondlandung der USA vor mehr als 40 Jahren erinnert.

Bei der Esa liefen in Darmstadt alle Informationen zusammen und von hier aus steuern Raumfahrtingenieure die Mission. Aus dem Kontrollzentrum der Region kam um 17:02 Uhr Ortszeit der mit Hochspannung erwartete Satz: „Wir sind auf dem Kometen gelandet.“ Dem Esa-Chef des Missionsbetriebs, Paolo Ferri, fielen nach eigenen Angaben gleich zentnerweise Steine vom Herzen. „Es ist wirklich epochal und ein Wunder“, freute sich auch Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier.

Lesen Sie dazu auch den Kommentar von Redakteur Ralf Enders.

Der von der Esa entwickelte Lander Philae macht es aber äußerst spannend. Zwei Harpunen zum Festzurren wurden nicht ausgelöst, eine Düse zum Aufdrücken des Labors auf dem Kometen funktionierte nicht. Die Verbindung riss zwischendurch ab. Es gab aber auch schon Daten, darunter Bilder von der Kometenoberfläche. Schon zuvor herrschte bei der Landung eine halbe Stunde lang auf dem Esa-Gelände gebanntes Schweigen. Solange dauert es, bis Signale von der Oberfläche des rund 500 Millionen Kilometer entfernten Kometen 67P/Tschurjumow-Gerassimenko bis zur Erde reisen. Zwischenzeitlich kamen Probleme mit dem Auftrieb auf. Doch schließlich sprachen die Signale aus dem All eine deutliche Sprache: Landung geschafft. „Eventuell könnte Philae noch schief stehen“, räumte Philae-Manager Stephan Ulamec ein. Aber das hochempfindliche Landegerät habe das gefährliche und komplizierte Manöver überlebt.

Umfangreiche Daten für die Esa

In den kommenden Tagen sollen die Messgeräte des Philae umfangreiche Daten an die Erde senden. Ein Hauptziel der Esa: Der mit hochkomplizierten Kameras ausgestattete Philae soll 3D-Panoramaaufnahmen des von den Darmstädtern fast schon zärtlich „Tschuri“ getauften Kometen liefern. Das Landemanöver war dabei hochgefährlich und an Dramatik kaum zu überbieten. „Es war der riskanteste Teil der Mission und kam einem Hollywoodfilm sehr nahe“, atmete ESA-Direktor Thomas Reiter spürbar auf.

Am Morgen lösten die Techniker den Lander von der Raumsonde Rosetta. Ab diesem Zeitpunkt hatten die Experten aus dem Rhein-Main-Gebiet das Wohl und Wehe ihrer Mission nicht mehr in der Hand. Die rund sieben Stunden dauernde Landung musste vollautomatisch ablaufen. Wegen der Zeitverzögerung zwischen Erde und Rosetta wäre ein Eingreifen in jedem Fall zu spät gekommen.

Wie heikel die Mission verlief, verriet Ferri im Gespräch mit unserer Zeitung. „Ich habe höchstens drei bis vier Stunden geschlafen. Es gab viele Probleme.“ Erst um drei Uhr morgens konnten die Raumfahrtingenieure grünes Licht für den späteren Landeversuch geben.

Trotz Problemen glückt das gewagte Manöver

Eine Frage der Dimension: Ein Größenvergleich des Zielkometen Tschurjumow-Gerassimenko, der auf ein Luftbild von Darmstadt montiert wurde.

Die Gasdüse, die den Philae eigentlich auf den Kometen drücken sollte, war ausgefallen. Trotzdem glückte scheinbar das gewagte Manöver. Eine große Schwierigkeit bei der Landung war die geringe Anziehungskraft des nach seinen ebenfalls in Darmstadt vertretenen ukrainischen Entdeckern benannten Kometen Tschurjumow-Gerassimenko. Der entenförmige Komet misst gerade einmal vier Kilometer. „Der 100 Kilogramm schwere Philae wiegt dort nicht mal ein Gramm“, erläuterte Ferri. Die Harpunen gelten deshalb als äußerst wichtig und ein Abprall wäre ohne deren Einsatz denkbar. Mit der Schrittgeschwindigkeit von einem Meter in der Sekunde hatte sich der Lander dem Kometen deshalb angenähert.

„Uns bleibt jetzt keine Zeit zum Feiern“, kündigte Ferri an. Nur knapp drei Stunden Zeit gab es zunächst, um noch das Sonnenlicht auszunutzen und Philae zu positionieren. Die Batterien reichen für maximal drei Tage, in denen der backofengroße Philae neben den Panoramabildern auch noch rund 20 Zentimeter tief in das Gestein bohren und Proben an der Oberfläche nehmen soll. Wenn alles optimal läuft, ersetzen danach Solarzellen den Batteriebetrieb. Dann könnte Philae noch bis März 2015 Daten an die Raumfahrtingenieure auf der Erde senden. Die so erfolgreiche Rosetta-Mission ist trotzdem alles andere als ein Selbstläufer. An Schwierigkeiten übertreffe sie durchaus die Mondlandung von Apollo, meinte Ferri. Damals konnten Piloten das Manöver von Hand aus steuern und direkt eingreifen. Bei der jetzigen Kometenlandung dagegen mussten die Computer aus 500 Millionen Kilometern Entfernung programmiert und bei der Landung ganz auf Autopilot geschaltet werden.

Das Projekt musste zeitweilig wegen des Ausfalls einer Ariane-Rakete sogar verschoben werden. Der ursprünglich anvisierte Komet 46P/Wirtanen musste aufgegeben werden, da er durch den Zeitverzug nicht mehr zu erreichen war. Mehr als zehn Jahre reiste Rosetta durchs All: eine harte Belastungsprobe für das hochsensible Material. Im Januar wurde die Raumsonde darüber hinaus aus einem zweieinhalb Jahre währenden Tiefschlaf geweckt.

Die Landung auf dem mit 120.000 Stundenkilometern durch das All rasenden Tschuri dürfte einen absoluten Höhepunkt für die Raumfahrt in der Rhein-Main-Region markieren. Aus der ganzen Welt waren Wissenschaftler, Journalisten und andere Raumfahrtbegeisterte nach Darmstadt angereist. Kamerateams kamen von Japan über Russland bis aus den USA. Millionen Menschen loggten sich bei Esa TV ein. Die Kometenlandung war der weltweit mit Abstand beliebteste Tweet auf dem Kurznachrichtendienst Twitter. Die Darmstädter konnten das Spektakel hautnah in der Centralstation am Luisenplatz erleben. Das Veranstaltungszentrum war völlig überfüllt.

Die 1,4 Milliarden Euro teure Rosetta-Mission ist das auf absehbare Zeit wahrscheinlich ehrgeizigste Esa-Projekt. Mit Hilfe der Daten von Rosetta und Philae wollen Wissenschaftler die Geheimnisse unseres Sonnensystems ergründen. Bereits jetzt hat die seit August um Tschuri kreisende Rosetta Spuren von Wasser, Methan, Magnesium, Kohlendioxid und anderen Stoffen auf dem Kometen aufgespürt. Tschuri stammt noch aus den Anfängen unseres Sonnensystems, das etwa 4,6 Milliarden Jahre alt ist. Anhand der auf dem Kometen vermuteten Urmaterie wollen Wissenschaftler nicht weniger als das Geheimnis des Lebens entschlüsseln und vielleicht auch klären, wie Organismen auf unseren Heimatplaneten Erde kamen.

Quelle: op-online.de

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