GEW-Landesvorsitzende Birgit Koch

Mehr Engagement beim Thema Inklusion: „Was fehlt, ist ein Konzept“

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Zu große Klassen, zu wenig Pädagogen: Für die betreuungsintensive Umsetzung von Inklusion im Schulunterricht fordert die Lehrergewerkschaft GEW unter anderem mehr Personal.

Offenbach - Bei der Umsetzung der Inklusion an Hessens Schulen hakt es nach Ansicht der Lehrergewerkschaft GEW noch an vielen Stellen.

Birgit Koch, Landesvorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft GEW

Birgit Koch, die Landesvorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, sagt im Gespräch mit Redakteur Peter Schulte-Holtey: „Was fehlt, ist ein Konzept. Ein Konzept, das aufzeigt, wie das ,Bildungsland Hessen‘ in fünf, zehn, 15 Jahren die Inklusion an den Schulen gestalten will. “
Frau Koch, was ist Ihrer Meinung nach Voraussetzung für einen guten Inklusionsunterricht?
Ich hole kurz aus: In Hessen wurden 2011 mit der Einführung des inklusiven Unterrichts die zuvor vorgesehenen Standards hinsichtlich Klassengröße und Doppelbesetzung hinfällig. Im Rahmen des bis dahin bestehenden, erfolgreichen Modells des „Gemeinsamen Unterrichts“ von Kindern mit und ohne Förderbedarf gab es noch eine verbindliche Doppelbesetzung in einem Großteil des Unterrichts. Sonderpädagoginnen und -pädagogen haben so im Unterricht – und darüber hinaus – sehr eng mit den Lehrkräften der jeweiligen allgemeinen Schule zusammengearbeitet. Auch kleinere Klassen waren beim „Gemeinsamen Unterricht“ verbindlich vorgesehen. Aus Sicht der GEW Hessen ist es für das Gelingen der Inklusion essenziell, dass es kleinere Lerngruppen gibt.

An dieser Stelle setzt also Ihre Kritik an?

Ja – nur in solchen kleineren Gruppe ist eine ausreichende individuelle Förderung möglich.

Was fordern Sie ganz konkret?

Es geht uns darum, dass Sonderpädagoginnen und -pädagogen als Bestandteil von multiprofessionellen Teams fest an den allgemeinen Schulen verortet sein müssen. Eine überwiegend beratende Tätigkeit – wie zurzeit vorgesehen – reicht hingegen nicht aus. Die GEW Hessen fordert für inklusiv arbeitende Schulen eine Personalausstattung von mindestens jeweils einer sozialpädagogischen Fachkraft sowie einer Förderschullehrkraft pro drei Klassen. Von einer solchen Ressourcenausstattung sind wir leider noch weit entfernt. Hessen ist mit einer Inklusionsquote von nur einem Viertel bundesweit das Schlusslicht. Wir können nicht erkennen, dass sich die Situation mit den nun eingeführten inklusiven Schulbündnissen wesentlich verbessern wird. Die unzureichenden personellen Ressourcen werden ja nicht mehr, wenn sich die Schulleiterinnen und Schulleiter, das Beratungs- und Förderzentrum und das zuständige Staatliche Schulamt im Konsens über deren Verteilung einigen sollen. Im Übrigen hat das Staatliche Schulamt im Falle einer Nicht-Einigung das letzte Wort.

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Überall ist an den Schulen von Überlastung die Rede. Ganz grundsätzlich: Was ist Ihrer Meinung nach nötig, damit Inklusion gelingen kann?

Wir können derzeit bei der Landesregierung nicht den politischen Willen erkennen, dass die inklusive Beschulung gelingen soll. Was fehlt, ist ein Konzept. Ein Konzept, das aufzeigt, wie das „Bildungsland Hessen“ in fünf, zehn, 15 Jahren die Inklusion an den Schulen gestalten will. Im Moment wird gestückelt. Erst die Modellregion Inklusion, deren Ergebnisse nicht ausgewertet wurden, jetzt folgen die inklusiven Schulbündnisse. Fatal ist, dass dieser Mangel, diese Nicht-Steuerung, zur Folge hat, dass die Arbeit nach unten an die Schulen weiter gegeben wird. Die Schulen, die Schulleitungen, die Kolleginnen und Kollegen werden allein gelassen. Die Überlastungsanzeigen aus den Schulen sprechen eine deutliche Sprache, denn nicht nur in Sachen Inklusion wird nach dem Prinzip des Delegierens auf die Schulen verfahren; dies ist auch in anderen Bereichen der schulischen Wirklichkeit der Fall.

 

Quelle: op-online.de

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