Kochs Rücktritt I

Kommentar: Landesvater war er nie

Mit der Auswahl seines Nachfolgers ist Roland Koch sich selbst treu geblieben. Er setzt auf freundschaftliche Bande. Der bewährte Mitstreiter und Haudegen Volker Bouffier soll zunächst bis zur Wahl 2014 die hessischen Geschicke lenken. Von Frank Pröse

Das Ansehen des Innenministers hat zwar wegen einiger zum Teil rechtlich nicht haltbaren Überwachungstechniken und nicht zuletzt auch wegen der sogenannten Polizeiaffäre gelitten. Aber das ist ja nur die öffentliche Wahrnehmung. Die hat Koch schon immer nur am Rande interessiert, sonst hätte der Provokateur sich den einen oder anderen Tort nicht angetan. In der Nachfolgefrage hat Bouffier im überwiegend konservativen CDU-Kampfverband noch den größten Rückhalt. Das nutzt Koch aus.

Bouffier kann nur ein Mann des Übergangs sein. Ein Generationswechsel ist überfällig. Ob Bouffier ihn vorbereiten kann, bleibt abzuwarten. In einem Punkt aber wird der designierte Ministerpräsident seinem Vorgänger niemals das Wasser reichen können: bei der - je nach Sichtweise und ungeachtet veritabler Affären - mutigen, beziehungsweise polarisierenden Themensetzung in der politischen Debatte. An Koch scheiden sich die Geister: Die einen werden einem der wenigen Spitzenkräfte mit Profil im von Angela Merkel weich gespülten Politbetrieb nachweinen. Die anderen hoffen inständig, dass unseliges Hardliner-Imponiergehabe durchs sachliche Argumentieren ersetzt wird. Der selbst ernannte brutalstmögliche Aufklärer tritt von der politischen Bühne. Es wird viele geben, die dieser Ära nicht nachtrauern, zumal Koch einen Berg von Problemen hinterlässt, der nur schwer abzutragen sein wird.

Bei allen Unzulänglichkeiten Kochs bleibt festzuhalten: Er hat eine konservative Linie konsequent durchgesetzt. Darauf war immer Verlass, auch auf sein außergewöhnliches strategisches Talent, seinen Intellekt und das Gespür für Macht. Parteipolitisch bringt ihm das höchste Weihen ein, aber zum geliebten Landesvater hat es nicht gereicht - ebenso nicht zum Sprung nach Berlin. Denn dort regiert mit Angela Merkel eine Kanzlerin, die Koch als bösen Buben in ihr Ränkespiel einzubinden wusste, dem Machtbewussten aber eine bundespolitische Option verbaute. Diese fehlende Perspektive kann ausschlaggebend gewesen sein für Kochs Rückzug.

Mit ihm verabschiedet sich ein Großer der deutschen Politik, der keine Lust mehr hat, den Mangel zu verwalten. Angela Merkel wird das noch zu spüren bekommen. Ihr Vizekanzler Guido Westerwelle liegt jedenfalls wieder einmal völlig daneben, wenn er vom Rückzug Kochs „keine Weiterungen für Berlin“ erwartet. Da dürfte Niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulff mit seiner Einschätzung eher richtig liegen: „Ich habe damals bedauert, dass wir Friedrich Merz verloren haben, ich bedauere jetzt, dass wir Roland Koch verlieren. Man muss eben sehen, dass man gute Leute hält, und man muss sich schon Gedanken machen, wenn man gute Leute verliert, das ist einfach auch eine Botschaft des Tages.“ Und die beinhaltet zugleich, das es einsam werden kann um Helmut Kohls „Mädchen“.

Quelle: op-online.de

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