Auf ministerielle Handy-Anfrage folgten Entscheidungen in Sauna und Parlament

Langenselbold bittet zum Tanz

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Umbauarbeiten in der Langenselbolder Innenstadt. Verschönerungen nutzen dem Einzelhandel. Erstmal aber treiben sie ihn zur Verzweiflung.

Frankfurt/Rhein-Main - Die Stadt Langenselbold präsentierte sich Jahrzehntelang als eher beschaulicher Ort zwischen den beiden großen Städten Hanau und Gelnhausen. Von Dirk Kögel

Überregional Schlagzeilen machte das Gemeinwesen erst in den 70er Jahren, als die Ablagerung hochgiftigen Mülls durch den Hanauer Transportunternehmer Siegfried Plaumann auf einer gemeindeeigenen Müllkippe im Rödelberg den „Plaumann Skandal“ ins Rollen brachte und damit bundesweit die Aufmerksamkeit auf diese bis dahin landauf landab gängigen Entsorgungspraktiken lenkte. Ende der 70er Jahre wollte Main-Kinzig-Landrat Hans Rüger (CDU) der damals noch stabil von der SPD regierten Stadt eine Müllverbrennungsanlage in die Nähe des Bahnhofes setzen. Ein Vorhaben, das in den Schubladen der Kreisverwaltung verschwand. Dann herrschte wieder Ruhe in der Gemeinde. Erst als sich die Autobahnen A 45 und A 66 vor Langenselbold trafen, fand der Name der Stadt überregional eine Art Dauerpräsenz in den Verkehrsmeldungen des Hörfunks.

Jetzt allerdings erhofft sich die Stadt durchweg positive Schlagzeilen im Land, weil sie vom 5. bis 14. Juni den 49. Hessentag in ihren Mauern feiern kann. Die Planungen dafür, die im Jahr 2004 ihren Anfang nahmen, sind in den vergangenen zweieinhalb Jahren in ehrgeizige Bauprojekte und Strukturverbesserungen gemündet. Nur noch „Kleinigkeiten“ und „Nachbesserungen“ sind es, die abgearbeitet werden müssen. Bürgermeister Jörg Muth (CDU) freut sich darüber, dass beim Zeitplan „alles im grünen Bereich“ ist.

Der Ruf aus der Landeshauptstadt erging bereits im Jahr 2004, als Ministerpräsident Roland Koch auf der Suche nach einem verlässlichen Ausrichter des Hessentages 2009 war. Per Handy nahm der damalige Langenselbolder Bürgermeister Heiko Kasseckert (CDU) die ministerielle Anfrage entgegen, zeigte aber zunächst Zurückhaltung. Ihm schien ungewiss, ob die Stadt in der Lage sein könnte, diese Aufgabe zu bewältigen.

Doch Kasseckert gefällt sich in der Rolle des Machers. Beim gemeinsamen Saunieren mit seinem damaligen Bauamtsleiter Jörg Muth, so gesteht er freimütig, seien dann die Möglichkeiten zur Ausrichtung des Hessentages 2009 erstmals ernsthaft diskutiert worden. Mit dem Ergebnis, dass die Stadt es wagen sollte. Bereits im Dezember 2004 gaben die Stadtverordneten ihre Zustimmung, Langenselbold stand als Ausrichter des Hessentages 2009 fest.

Langenselbold hat Tradition: Hier führt die „IG Bachtanz“ das gleichnamige Festspiel auf, das an den historischen Widerstand der Selbolder Bauern gegen die Landesherren, vermutlich zwischen 1460 und 1465, erinnern soll.

Die zu erwartenden Zuschüsse des Landes in Millionenhöhe waren zu verlockend, „so eine Chance kriegt man nicht noch einmal,“ so der heutige Bürgermeister Jörg Muth (CDU). Über 28 Millionen Euro sind aufgrund des Hessentages in den letzten vier Jahren in Langenselbold investiert worden. Ein Volumen, das sich normalerweise über 15 bis 20 Jahre verteile, sagt Muth. Insbesondere von der Umgestaltung des alten Innenstadtbereiches erhofft er sich wichtige Impulse über den Hessentag hinaus. Denn ohne den Versuch, das Zentrum attraktiver zu gestalten, wäre „die Innenstadt mittel- bis langfristig gestorben.“ Pflaster, Pflanzkübel, neue Lampen und Bänke sollen den innerstädtischen Raum zum Lebensraum machen. Auch wenn der Weg dahin nicht nur 4,1 Millionen Euro gekostet hat, sondern über viele Monate auch schwer am Nervenkostüm von Anliegern und Gewerbetreibenden zehrte. Von „drastischen, zum Teil existenzgefährdenden Umsatzrückgängen“ sprach der Langenselbolder Handels- und Gewerbeverein bereits im Mai 2008. Zu jener Zeit waren Geschäfte durch aufgebaggerte Gehsteige und Straßen dauerhaft von ihren Kunden abgeschnitten.

Immerhin hat die Innenstadt ein neues Gesicht bekommen, das nicht nur während des Hessentages strahlen, sondern insbesondere nach dem 14. Juni auch Geschäftsleute dazu veranlassen soll, sich im Zentrum niederzulassen. Doch die, auch darüber ist sich Jörg Muth im klaren, wünschen zeitgemäße Geschäftsräume. Ein Anspruch, den die betagte Bausubstanz im betreffenden Quartier selten erfüllt. Für den Bürgermeister ist das die nächste Aufgabe: Über Förderprogramme den Hausbesitzern das Modernisieren schmackhaft zu machen und zu erleichtern. Denn da ist sich Muth im Klaren: „Mit dem Verlegen von ein paar neuen Pflastersteinen ist es noch lange nicht getan. Das muss weitergehen.“ Zumal die Stadt bei der innerstädtischen Kosmetik auch zuweilen knauserte. Beispiel: Das ehemalige Gerichtsgebäude, das Arztpraxen beherbergt, bekam einen neuen Anstrich. Aber nur dort, wo das ehrwürdige Gebäude vom Hessentagstreiben aus einsehbar ist. Die Rückfront schreit weiterhin nach neuer Farbe und muss warten. Aus Kostengründen, wie Muth sagt. Geklotzt wurde woanders.

Die Hessentagsprojekte Sportzentrum und Sporthalle schlagen mit 13,1 Millionen Euro zu Buche. Rund sieben Millionen bleiben an der Stadt hängen. Die Finanzierung über den Verkauf von neuen Bauplätzen scheint gesichert, und die Wogen über den Standort für das Mammutprojekt an der Niedergründauer Straße haben sich auch wieder geglättet. Immerhin hatten Anlieger wegen eines erhöhten Verkehrsaufkommens um die Wohnqualität ihrer Anwesen gefürchtet und sogar einen Bürgerentscheid gegen die Standortwahl angestrengt. Sie zogen aber den Kürzeren - bereits zum Hessentag geht das Stadion in Betrieb.

Etwa 560 000 Euro Fördermittel flossen in das 950 000 Euro teure Projekt Hochwasserschutz an der Gründau. Laut Jörg Muth eine längst überfällige Aufgabe. Die Hessentagsgelder aus Wiesbaden beschleunigten das Verfahren. Und für 500 000 Euro war sogar noch die Renaturierung der Gründau zu haben. Alles Maßnahmen, die entlang des kleinen Wasserlaufes hinter dem Hochwasserdamm auch ein weiteres Baugebiet für „gehobenes Wohnen“, die „Gründauaue,“ ermöglichen. Mit dem Bauplatzverkauf will die Stadt ihren Anteil an den Kosten des Sportzentrums decken. Grundstücksverkäufe aus dem bereits wachsenden Baugebiet Niedertal II könnten dazu dienen, die Hessentagsschulden auszugleichen. Denn dass alles Null auf Null ausgeht, daran glaubt Bürgermeister Muth nicht. „Ich rechne mit drei bis vier Millionen Defizit,“ sagt er, und bleibt entspannt. Die einzige Frage die sich stelle: Ob das Defizit in zwei, drei oder vier Jahren abgebaut sein werde. Eine Schuldenlast, die angesichts des strukturellen Schubs für die Stadt und der vom Rathaus damit gesehenen Entwicklungsmöglichkeiten nicht ernsthaft drückt. Vieles ist für Bürgermeister Muth durch den Hessentag angestoßen worden, was er in den kommenden Jahren Stück für Stück weiterentwickeln will. Zunächst mit der Eruierung von Marketingstrategien, um Handel und Gewerbe in die modernisierten Straßen des Langenselbolder Zentrums zu locken. „Wir werden da auch Kontakt mit Hanau aufnehmen,“ so Muth.

Jetzt geht es in Langenselbold mit Hochdruck um die Ausrichtung des Hessenfestes, das nicht nur dem Rathauschef regelmäßige Nachtschichten und den städtischen Bediensteten Überstunden und Urlaubssperren abverlangt. Ein Großteil der 43 Rathausmitarbeiter ist mit der Organisation befasst, unterstützt durch die Mitarbeiter auf 15 neu geschaffenen, befristeten Stellen. 800 Ehrenamtler sind es derzeit, die vom 5. bis zum 14. Juni notwendige Aufgaben erfüllen werden. Noch nicht ganz das von Muth anvisierte „Team 1000“.

Andere helfen, indem sie Übernachtungsmöglichkeiten anbieten. Denn das bereits früh im vergangenen Jahr von der Stadt reservierte Hotel im Ort hat seine Pforten Mitte 2008 für immer geschlossen. Privates „Bed und Breakfast“ im Ort, Unterbringungen im Jugendzentrum Ronneburg, in umliegenden Gemeinden oder im Bereich der Wolfgänger Kasernen sind jetzt die Alternativen. Camper und Wohnmobilbesitzer finden auf dem Campingplatz am Kinzigsee Plätze. Mit rund einer Million Besucher rechnet die Stadt, wenn das Wetter optimal mitspielt. Knapp 22 000 Parkplätze stehen zur Verfügung. Mit Shuttelbussen gelangen die Besucher vom 2,5 Kilometer außerhalb gelegenen Bahnhof in die Innenstadt. Der sicherste Weg, denn auf Navigationsgeräte ist während des Hessentages kein Verlass: Die Polizei wird den Verkehr immer wieder umleiten.

Das „Langenselbolder Dreieck,“ es wird vom 5. bis zum 14. Juni wieder täglich im Verkehrsfunk präsent sein.

Quelle: op-online.de

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