Langer Beifall für die Angeklagten

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Die Erben der Revolte bekunden vor dem Gerichtssaal Solidarität - sie könnten die Enkel der mittlerweile hochbetagten Angeklagten sein.

Frankfurt - Jahrzehntelang stand Sonja Suder auf den deutschen Fahndungslisten weit oben, sie galt als Top-Terroristin. Als die mittlerweile 79-Jährige am Freitag in den Frankfurter Gerichtssaal geführt wird, brandet Beifall im Zuschauerraum auf. Von Sabine Ränsch

Minutenlang klatschen Sympathisanten, viele davon sind so jung, dass sie ihre Enkel sein könnten. Einige sind aus Frankreich angereist. Ein merkwürdiges Bild.

Baseballkappe und Sonnenbrille legt Suder, die bis vor einem Jahr in Frankreich gelebt hatte, später ab. Die zierliche Frau ist dunkel gekleidet, trägt ein rosagemustertes Tuch um den Hals und hat die grauen Haare im Nacken zum Knoten gebunden. Sie wirkt ruhig, gelassen und selbstbewusst. Ihr Freund Christian Gauger (71) sitzt dagegen zusammengesunken in der Bank vor ihr, sehr blass, die Wangen eingefallen.

Linksextremistischer Terrorgruppierung angehört

Sonja Suder

Die beiden betagten Angeklagten sollen den Revolutionären Zellen (RZ) angehört haben, einer linksextremistischen Terrorgruppierung, die vor allem in den 70er und 80er Jahren mit zahlreichen Anschlägen Angst und Schrecken verbreitete. Doch die mutmaßliche Mitgliedschaft Suders bei den RZ spielt in dem Prozess nur noch indirekt eine Rolle. Sie ist verjährt - anders als der Mordvorwurf.

Vor fast 40 Jahren soll Suder den Überfall auf die Opec-Konferenz in Wien unter dem Kommando des Venezolaners Ilich Ramirez Sanchez alias Carlos entscheidend mitvorbereitet haben. Im Frankfurter Stadtwald, so die Staatsanwaltschaft, habe Suder sich konspirativ mit Hans-Joachim Klein getroffen und ihn als Attentäter gewonnen. Auch habe sie Waffen und Sprengstoff beschafft. Gauger ist hingegen nicht wegen des Opec-Attentats angeklagt.

Selbst durch einen Schuss verletzt

Tatsächlich war Klein an dem Überfall mit drei Toten am 21. Dezember 1975 beteiligt und wurde dabei selbst durch einen Schuss verletzt. Er wurde 2001 zu neun Jahren Haft verurteilt und 2009 begnadigt. Er profitierte von der Kronzeugenregelung, als er Hinweise auf Suder gab. Auch wenn Suder selber gar nicht an dem Wiener Überfall beteiligt war, sei sie doch mitverantwortlich für die drei Toten, meint die Staatsanwaltschaft.

Christian Gauger

Gesagt hat Suder am ersten Prozesstag nichts. Bevor die Anklage verlesen werden konnte, stellte die Verteidigung umfangreiche Befangenheitsanträge gegen das Gericht. Suder freute sich sichtlich über die Begrüßung der Sympathisanten, die vor dem Gerichtsgebäude Transparente mit Aufschriften wie „Freiheit für Sonja und Christian“ hochgehalten hatten. Ihren Gefährten Gauger, mit dem sie in Frankreich jahrzehntelang gelebt hatte, herzte und küsste sie im Gerichtssaal. Beide müssen sich in dem Prozess auch wegen diverser Sprengstoffanschläge Ende der 70er Jahre verantworten. Frankreich hatte Suder und Gauger vor einem Jahr ausgeliefert. Seitdem ist Suder Hessens ältester Untersuchungshäftling.

dpa

Quelle: op-online.de

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