Frankfurter Schauspiel

Shakespeares „Macbeth“: Lasst Taten sprechen

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Viel Aktion, wenig Text: Dave St-Pierre lässt Constanze Becker und Viktor Tremmel tanzen.

Frankfurt - Dem kanadischen Choreografen Dave St-Pierre ist mit Shakespeares „Macbeth“ am Frankfurter Schauspiel ein Theaterereignis gelungen. Von Stefan Michalzik 

Dieses Stück ist eine Wucht. Mit der landläufigen Erwartung an einen Shakespeare-Abend an einem deutschen Stadttheater hat es nichts gemein. Der franko-kanadische Choreograf Dave St-Pierre hat am Frankfurter Schauspiel erstmals mit dem Ensemble eines Sprechtheaters gearbeitet. Es fallen wenige Worte. Hin und wieder ein paar Sätze nur, aus der penibel am Original orientierten und zugleich sprachlich zeitgenössischen Übertragung von Thomas Brasch. Constanze Becker als Lady Macbeth ist eine Fürstin der Finsternis von herber Strenge im glitzernden schwarzen Kleid (Kostüme: Raphaela Rose). Viktor Tremmel gibt den Macbeth mit nacktem Oberkörper. Die Geschichte kennt im Grunde jeder - zur Entschlüsselung der Bilder ist das auch dienlich. Der Handlungsverlauf ist schlaglichthaft gewahrt.

Eine fundamentale Rolle spielen die Bühnenarrangements von Jürgen Bäckmann. Stetig wandelt sich der schwarze Raum. Das zentrale Element, eine Menge von Bürotischen aus Stahlrohr, wird fortwährend in neue geometrische Ordnungen gebracht. Am Anfang verstreichen die fast nackten Hexen Farbe auf Tischplatten und wälzen ihre Körper darin. Scheinwerferbrücken werden mit einer den Raum strukturierenden Wirkung herabgefahren. Das Licht wandelt sich stetig, mit einer phänomenalen Wirkung. Die elektronische Musik von Stéfan Boucher schafft Atmosphären. Sie schwelt bedrohlich, sie wummert und tackert maschinenhaft los, sie ist sakral. Videobilder gliedern die Szenen, sie sind mit der Bezeichnung von Plagen überschrieben. Ein zentrales Motiv ist der Tod.

Choreograf spricht lieber von Bewegung

Tanz - der Choreograf spricht selber lieber von Bewegung - ist bei Dave St-Pierre keine Frage der virtuosen Übung. Erstaunlich ist allerdings, welche Dynamik und Kraft die Schauspieler entfalten. Immer wieder arbeitet St-Pierre mit dem choreografischen Prinzip des Kreises. Lisa Stiegler etwa springt als Malcolm, Sohn des von Macbeth gemeuchelten Königs Duncan, mehrfach gegenläufig über das im Kreis geführte Wagenpodium mit dem Leichnam ihres Vaters. Am Schluss verfolgen Macbeth die Geister in Gestalt eines Knäuels lebensgroßer weißer Stoffpuppen. Er sucht ihnen zu entkommen, ist mit ihnen vertäut, wird mit Macht zurückgerissen. Stürzt, rappelt sich auf. Wieder und wieder.

Aus dem Zusammenklang von Bewegung, Raum und Musik schlägt Dave St-Pierre außerordentliche Intensität. Beim Applaus am Schluss wurde gejohlt, einige ältere Besucher hatte der Technosound früh aus dem Saal getrieben. In den zwei Stunden geht es nicht um spektakuläre Effekte. Starke Bilder hat St-Pierre gefunden für das Ringen des Menschen: Er verfängt sich in seiner Triebhaftigkeit, zugleich aber ist er zur reflektierenden Betrachtung fähig und erschaudert vor dem eigenen Tun. Nächste Aufführungen am 22. April sowie 1., 2., 17., 18., 22., 28. und 29. Mai. Karten gibt es unter Tel.: 069/21249494.

Quelle: op-online.de

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