Leder ist ihre Leidenschaft

+

Frankfurt ist der falsche Ort für Evelyn Toomistu-Banani. Eigentlich müsste sie in Offenbach leben. Offenbach, die Lederstadt. Von Katharina Skalli

Evelyn, die Lederdesignerin. Doch aus Tallinn hat es die 28-Jährige erst mal nur nach Frankfurt geschafft. Hier lebt sie mit Mann und Tochter und vielen Handschuhen, die in einer Kiste lagern und Evelyn zum Durchbruch in Deutschland verhelfen sollen. In einer kleinen Ecke im Wohnzimmer mit Blick auf das südliche Sachsenhausen hat Evelyn ihren Arbeitsplatz. Ein Schreibtisch. Eine neue Nähmaschine. Eine alte Nähmaschine vom Flohmarkt. Schnittmuster, Farben, Bänder, Knöpfe, Nähutensilien. Unter der Arbeitsplatte stapeln sich sorgfältig aufgerollte Stoff- und Lederbahnen.

Wer an eine Bastelecke denkt, wird den Produkten in der Kiste nicht gerecht. Feine Handschuhe, die man eher in einer edlen Pariser Boutique vermutet als in einem Karton in einem Wohnhaus in Frankfurt. Nimmt man den Pappdeckel ab, entflieht der feine Duft nach Leder. Samtig schmiegt sich das Material an die Finger und erinnert an den zarten Schmelz einer Praline. Es raschelt, wenn die Designerin die einzelnen Paare aus den dünnen Plastikhüllen befreit. Schwarzes Leder mit cremefarbener Schleife aus Satin. Edle Knopfleisten, feine Spitze, ausgestanzte Muster. Das Design der Handschuhe ist klassisch und feminin. Erinnert an Greta Garbo und Marlene Dietrich. Es sind vor allem die 20er, 30er und 40er Jahre, die die junge Modeschöpferin faszinieren. „Handschuhe haben früher mehr als heute Outfits komplettiert.“

Sie blieb in Deutschland - der Liebe wegen

Aus der Reihe tanzen die Dreifinger-Fäustlinge. „Die halten aber am wärmsten“, sagt Evelyn und zieht einen schwarzen, dick mit Lammfell gefütterten Fäustling über ihre Hand. Die drei Kammern wirken auf den ersten Blick gewöhnungsbedürftig, hat man sie erst mal an, weiß man, warum das Modell immer mehr Fans für sich gewinnt. Die an Pinguin-Flügel erinnernde Kreation sorgt für warme Finger und ermöglicht dennoch Bewegungsfreiheit. „Normale Fäustlinge schränken sehr ein“, findet die junge Estin. Ihre erste Handschuh-Kollektion entstand als Diplom-Arbeit und wird in ihrem Heimatland bereits erfolgreich verkauft.

Bis es soweit war, schaltetete sich allerdings Evelyns Leidenschaft für Deutschland dazwischen. Als 1991 die Mauer in Berlin fiel, flimmerte auch in Estland deutsches Fernsehprogramm in den Wohnzimmern. „Mit ProSieben und RTL habe ich Deutsch gelernt“, sagt die Kreative und lacht. „Ich kannte Helmut Kohl besser als die Regierung in meinem Heimatland.“ Schon damals wollte sie nirgendwo anders hin als nach Deutschland. Erklären kann sie die Liebe zu ihrer Wahlheimat nicht. „Es gibt starke Gefühle, die kann man einfach nicht erklären.“ Mit einem Stipendium wurde ihr Traum Jahre später wahr. In Tallinn hatte sie begonnen, an der Kunstakademie Lederdesign zu studieren. Mit 23 ging sie für ein Semester nach Stuttgart. „Ich habe mich wie zuhause gefühlt“, sagt sie heute. Nach einigen Semestern in Estland kam sie zurück nach Deutschland und ist geblieben. Der Liebe wegen.

Gutes Design muss seinen Zweck erfüllen

Wer besondere, warme oder passgenaue Handschuhe haben möchte, kann sie bei Evelyn oder im Onlineshop Dawanda bestellen. Außerdem bekommt man die Accesoires passenderweise im Laden des Deutschen Ledermuseums in Offenbach – oder man besucht einen der Kurse von Evelyn in Frankfurt. Mehr Informationen auf der Internetseite der Familienbildung.

In der gemeinsamen Wohnung arbeitet sie an ihren Kollektionen und Einzelaufträgen. Wer große Hände oder besonders lange oder kurze Finger hat, findet nur schwer passende Handschuhe in den großen Kaufhausketten. Evelyn arbeitet nach Maß. Wer es sich leisten kann, sucht sich das Obermaterial und das Innenfutter aus und entscheidet sich für ein Modell. Ab etwa 55 Euro ist ein handgefertigtes Unikat zu haben. Warme Hände inklusive. Evelyn sitzt so lange an einem Paar, bis alles stimmt. Dann beugt sie ihren Kopf nah an das Exemplar vor ihr auf dem Schreibtisch und beäugt jedes Detail. Ihre hellen, blauen Augen achten auf jede Signatur im Leder. „Leder ist das beste Material überhaupt“, sagt Toomistu-Banani. „Es erzählt Geschichten.“ Die kleinen Defekte, die das Material ungleichmäßig erscheinen lassen, werden unter den Händen der gelernten Lederhandwerkerin zu spannenden Effekten. „Meine Sachen sind besonders, weil ich das Handwerk gelernt habe“, erklärt sie.

Seit ihrer ersten Handschuh-Arbeit lässt sie das Thema nicht mehr los. Auf Flohmärkten stöbert sie immer wieder nach alten Exemplaren. Aus einer schmalen, mit Stoff bezogenen Box zieht sie vorsichtig ein Paar weiße Handschuhe, die so zart sind, dass man meint, sie könnten jeden Moment zerfallen. Keine groben Wärmer, die nur einen Zweck erfüllen müssen, sondern hochwertige Hand-Verschönerer, die noch heute jedes Outfit adeln würden. „Das ist für mich wie ein kleiner Schatz“, sagt sie und lugt lächelnd unter ihrem kakaobraunen Bob hervor, der wie ihre Produkte ein wenig an die 20er erinnert und ihr eine geheimnisvolle Ausstrahlung verleiht.

In fast perfektem Deutsch erklärt sie ihre Philosophie. Das fein rollende R macht es noch interessanter ihr zuzuhören. „Meine Produkte müssen auf jeden Fall ihren Zweck erfüllen. Das ist das Geheimnis guten Designs.“

Quelle: op-online.de

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare