„Leere Worthülsen über das Potenzial der Alten“

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Waltraud Keller fühlt sich ungerecht behandelt.

Wiesbaden - Joachim Gauck ist gerade mit 72 Jahren Bundespräsident geworden. Der älteste Abgeordnete im hessischen Landtag ist genauso alt.

Waltraud Keller ist sogar zwei Jahre jünger - aber die zertifizierte Gästeführerin darf künftig Besuchern nicht mehr das Landesparlament zeigen. Kurz vor der Weihnachtsfeier wurde ihr von der Landtagsverwaltung mitgeteilt, dass für Honorarkräfte eine Altersgrenze von 70 Jahren beschlossen worden sei. Das trifft nicht nur Gästeführer, sondern auch Pförtner oder Kräfte an der Garderobe.

„Ich fühle mich ungerecht behandelt“, sagt die resolute Keller. Sechs Jahre lang hat die gebürtige Wiesbadenerin zahllose Besucher durch das im alten Stadtschloss untergebrachte Parlament geführt, das 2008 einen angrenzenden neuen Plenarsaal erhalten hat. An Lob hat es dabei nicht gefehlt: So bedankten sich Lehrer im Herbst 2011 in einem Brief an Landtagspräsident Norbert Kartmann (CDU) ausdrücklich über die „kompetente und engagierte Führung“ Kellers. Nun ärgert sich die 70-Jährige über die „leeren Worthülsen“ der Politiker, die angesichts des demografischen Wandels gerne vom Potenzial der Alten reden, das die Gesellschaft nutzen müsse.

„Klassischer Fall von Altersdiskriminierung“

Für die Landtagsverwaltung mache die Altersgrenze von 70 Jahren die internen Planungen bei den freiberuflichen Kräften einfacher, sagt Kartmanns Sprecherin Heike Dederer. Sie spricht von einem „sanften Übergang zum Ruhestand“ - das gesetzliche Rentenalter liege fünf Jahre darunter. Rund 50.000 Besucher und 1000 Führungen gibt es alljährlich im Landtag. Dafür steht ein Pool von 30 Führern zur Verfügung. Neben Waltraud Keller wurden zum Jahresbeginn noch fünf andere „Ü-70“-Gästeführer aussortiert.

Einen „klassischen Fall von Altersdiskriminierung“ sieht dagegen die SPD-Landtagsfraktion. „Wir lehnen die starre Altersgrenze ab“, sagt deren parlamentarischer Geschäftsführer Günter Rudolph. Auch Landtags-Alterspräsident Horst Klee fragt sich, wieso ein gesundheitlich fitter 70-Jähriger andere nicht durch den Landtag führen dürfe. „Das sind alles Leute, die ihre Arbeit mit großem Einsatz und Engagement gemacht haben“, beschreibt der 72-jährige CDU-Abgeordnete die Opfer der Verordnung.

Die Landtagsverwaltung will hart bleiben. Vor wenigen Tagen gab es zwar eine nicht-öffentliche Sitzung des Präsidiums, die aber an der Praxis nichts geändert hat. Waltraud Keller hat noch nicht ganz aufgeben. Derweil tröstet sie sich mit Stadtführungen. Denn bei der Stadt Wiesbaden gibt es - anders als bei der Landtagsverwaltung - keine Altersbeschränkung. Sie darf auf solchen Führungen sogar das Stadtschloss mit Landtag kurz von innen zeigen, wie sie sagt. Darauf verzichtet sie im Moment lieber. „Das täte mir in der Seele weh.“

dpa

Quelle: op-online.de

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