Ausbildungsbereitschaft der Firmen konstant

Lehrlinge händeringend gesucht

Frankfurt/Offenbach - In Hessen und Offenbach sind noch zahlreiche Lehrstellen zu vergeben. Die Industrie- und Handelskammern sprechen von einer dramatischen Lage. Von Marc Kuhn 

In Hessen sind bisher viele Lehrstellen nicht besetzt worden. Gleichzeitig blieb die Bereitschaft der Betriebe, Ausbildungsplätze anzubieten, konstant. Das zeigen zwei Umfragen aus dem vergangenen Jahr, wie die Regionaldirektion Hessen der Bundesagentur für Arbeit (BA) gestern mitteilte. „Die Befragungsergebnisse zeigen, dass noch einiges passieren muss, damit beide Seiten - der junge Mensch und der Ausbildungsbetrieb - zusammenkommen und zufrieden sind“, erklärte ihr Leiter Frank Martin.

Zum Ausbildungsbeginn suchen viele hessische Unternehmen noch händeringend Lehrlinge, wie die Arbeitsgemeinschaft hessischer Industrie- und Handelskammern (IHK) berichtete. So weise die IHK-Lehrstellenbörse für Hessen noch 2 700 offene Stellen aus. „Die Zahl der nichtbesetzten Ausbildungsplätze ist im Vergleich zum Vorjahr dramatisch gestiegen“, erklärte Matthias Gräßle, Geschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft. Darauf deutet auch die Statistik der Regionaldirektion Hessen der BA hin, die mit 10 863 offenen Stellen einen Zuwachs von 16 Prozent im Vergleich zu 2013 aufweist, wie es weiter hieß. Bislang hätten in diesem Ausbildungsjahr 17 324 junge Menschen ihre Ausbildung in IHK-Unternehmen begonnen, das seien 1 073 weniger als im Vorjahr.

In Stadt und Kreis Offenbach sind 775 Lehrstellen bisher nicht besetzt worden, wie Thomas Süsser, Referent Aus- und Weiterbildung bei der hiesigen IHK berichtete. Das sei eine Zunahme von mehr als 29 Prozent gegenüber dem Vorjahr, sagte er unter Berufung auf Zahlen der Arbeitsagentur. „Das ist schon ein Pfund.“ Bei der Lehrstellenbörse der Kammer seien noch mehr als 200 unbesetzte Ausbildungsplätze gemeldet, erklärte Süsser. In diesem Ausbildungsjahr seien fast 1 940 Lehrstellen von Firmen angeboten worden, so die Statistik der Arbeitsagentur. Das sei eine Zunahme von rund zehn Prozent, berichtete Süsser. Die Zahl der Bewerber sei um vier Prozent auf mehr als 3000 gesunken. Über 1070 Lehrverträge seien unterschrieben worden. Vier Prozent weniger als im Vorjahr. 997 junge Leute seien noch auf der Suche nach einem Ausbildungsplatz.

Offene Plätze gebe es in vielen Büroberufen, in der Gastronomie und in IT-Berufen, erklärte die Arbeitsgemeinschaft. Laut Konjunkturumfragen der Kammern bezeichnet jedes dritte Unternehmen den Fachkräftebedarf als wirtschaftliches Risiko. Deshalb hätten die IHK-Unternehmen ihre Rekrutierungsaktivitäten intensiviert, indem sie mehrere Wege wählen, wie Auftritte auf Messen, in Schulen und vor allem das Internet. Zudem würden sie verstärkt Praktika anbieten. Die IHK raten Bewerbern, direkt mit den Anbietern offener Ausbildungsplätze in Kontakt zu treten. Schüler, die in ihrem Traumberuf kein Angebot mehr finden, sollten sich über die Tätigkeiten in ähnlichen Berufen informieren. Auch ein kurzes Praktikum noch in den Ferien könnte helfen, um sich über die Berufs- oder Arbeitgeberwahl klar zu werden, hieß es weiter. Jeder Bewerber sollte bei der Arbeitsagentur gelistet bleiben, um zu den Vermittlungsaktionen im Herbst eingeladen zu werden.

„Junge Menschen haben in Hessen sehr gute Chancen für eine erfolgreiche berufliche Ausbildung“, erklärte Wirtschaftsminister Tarek Al-Wazir (Grüne). Sein Haus wolle die Ausbildungsfähigkeit und -qualität kleiner Unternehmen fördern. „Unsere Programme sollen noch stärker an die demografischen Herausforderungen angepasst werden und so einen nachhaltigen Beitrag zur beruflichen Qualifizierung in Hessen leisten.“ Derweil kommen die beiden Untersuchungen laut Regionaldirektion zu dem Ergebnis, dass sich in den vergangenen zehn Jahren bei den Betrieben wenig verändert hat. So sei auch für 2013 keine Zu- oder Abnahme der Ausbildungsbereitschaft von Unternehmen zu beobachten. 30 Prozent der Firmen würden ausbilden. Besonders niedrig sei die Beteiligung bei wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Dienstleistern (22 Prozent) sowie sonstigen Dienstleistungsbetrieben (26 Prozent). Das verarbeitende und das Baugewerbe würden Spitzenwerte von 47 und 44 Prozent aufweisen.

Obwohl mehr Lehrstellen wegen fehlender Bewerber frei blieben, kommen die Forscher zu dem Ergebnis, dass knapp 80 Prozent der betroffenen Betriebe bei der Besetzung ihrer Lehrstellen keine Kompromisse eingehen. Als Gründe für das Nichtbesetzen beziehungsweise die Ablehnung eines Bewerbers seien unter anderem fehlende schulische Voraussetzungen und fehlende soziale Kompetenzen genannt worden. Zudem seien die Unternehmen in der Untersuchung auch zur Berücksichtigung leistungsschwächerer Jugendlicher befragt worden. „Während ein Viertel der Ausbildungsbetriebe Bewerber mit schlechteren schulischen Leistungen ausschließt, geben über 70 Prozent der Betriebe an, dass Bewerber ohne Abschluss bei ihnen grundsätzlich nicht in Betracht kommen.“

Quelle: op-online.de

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