Umstrittene Tierversuche an hessischen Universitäten

Leiden für die Forschung?

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Offenbach - Forscher und Tierschützer sind sich einig, dass so wenig Tiere wie möglich für Versuche herhalten sollen. Computersimulation und Tests im Reagenzglas bieten in vielen Fällen bereits eine Alternative. Von Peter Schulte-Holtey

Dennoch nimmt die Zahl der Versuchstiere weiter zu, neue Konflikte sind programmiert. Die Bilder sorgen regelmäßig für Aufsehen und jede Menge Ärger: Versuchstiere in Käfigen, Mäuse unter hellen Lampen in Labors, Äffchen mit Elektroden am Kopf. Wissenschaftler fordern seit langem, Tierversuche durch entsprechende Alternativmethoden zu ersetzen und Zellkulturen aus menschlichen Zellen zu verwenden, um die Wirkung von Produkten oder Medikamenten zu testen.

Auch hessische Universitäten beteuern, möglichst wenig mit Tierversuchen arbeiten zu wollen. Das schreiben ihnen auch EU-Regelungen und das Tierschutzgesetz vor, wonach sie auf das „unerlässliche Maß zu beschränken“ seien. Die rasant wachsenden Zahlen offenbaren aber, dass die Wissenschaftler doch vermehrt auf Tierversuche setzen. Allein in Frankfurt an der Goethe-Universität wurden 2012 mehr als 32.000 Tiere eingesetzt. In Gießen waren es laut Medienangaben etwa 20 000. Auch an den Universitäten Marburg. Darmstadt und Kassel gebe es Tierversuche.

Zunahme an Forschungsprojekten

Die Hochschulen begründen die Entwicklungen mit der Zunahme an Forschungsprojekten, die sie in den vergangenen Jahren „an Land ziehen“ konnten. „Die Hochschulen stehen stärker im Wettbewerb als früher, es gibt aber auch einfach viel mehr Forschungsprojekte“, sagte Joybrato Mukherjee, Präsident der Universität Gießen im Gespräch mit dem Hessischen Rundfunk, und verweist dabei auch auf die sogenannte Exzellenzinitiative, über die zuletzt viele neue Projekte bezahlt wurden. Wissenschaftlich sei das eine erfreuliche Entwicklung, so Mukherjee, doch „mehr tierexperimentelle Projekte bedeuten auch, dass es mehr Tierversuche gibt“.

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Auch der Tierschutzbeauftragte der Universität Frankfurt, Manfred Schubert-Zsilavecz, führt den Anstieg an seiner Hochschule vor allem auf die vielen neuen Forschungsprojekte zurück. Er verweist darauf, dass man an der Goethe-Uni sensibel mit dem Thema umgehe. Das Instrumentarium: Transparenz, kontrollierte Verfahren, Bewilligungen durch die Ethikkommission, regelmäßige Berichte an den Senat.

Kritiker sind skeptisch. Es geht um den Verdacht, dass Firmen Tierexperimente bewusst in die Hochschule „outsourcen“. Auch die Grünen-Landtagsabgeordnete Ursula Hammann beobachtet den Trend mit Argusaugen und hält es nicht für ausgeschlossen, dass sich die unpopulären Tests verlagern. Pharmafirmen seien heute daran interessiert, erst in der sogenannten „Phase 3“ in die Finanzierung neuer Medikament einzusteigen, so Schubert-Zsilavecz. In dieser Phase der Medikamentenzulassung hätten Grundlagenforschung und Tierversuche bereits stattgefunden. Im Gespräch mit unserer Redaktion machte der Professor für Pharmazeutische Chemie klar, dass er sich auch an seiner Universität mehr Anstrengungen und mehr Anreize bei der Suche nach Alternativen zu Tierversuchen wünscht.

Tatsächlich sind zuletzt dutzende Alternativen entwickelt worden. Auch Schönheits-Operationen tragen dazu bei, weil an Hautstücken experimentiert werden kann. Effekte von Pharmazeutika und Chemikalien können anhand von Zellkulturen erforscht werden. Das große Problem: Bis eine Alternativmethode anerkannt ist, muss sie viele Studien durchlaufen. Das kann bis zu 15 Jahre dauern.

Bundesweit stieg die Zahl der Versuchstiere 2012 um 5,8 Prozent auf knapp 3,1 Millionen. Anders der Trend in Südhessen: Im Dezember meldete das Regierungspräsidium Darmstadt, dass 2012 insgesamt 138.815 Wirbeltiere in Tierversuchen und zu anderen wissenschaftlichen Zwecken eingesetzt wurden; ein Rückgang um acht Prozent im Vergleich zum Vorjahr. 2011 wurden im Regierungsbezirk Darmstadt 150.873, in 2010 insgesamt 147.169 Tiere zu Versuchszwecken herangezogen.

Quelle: op-online.de

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