Leise wird es nicht

Der Stein des Anstoßes in der Region: Beim Segmentierten Anflugverfahren werden Offenbach, Mühlheim und Hanau bei Landeanflügen nachts geschont. Es kommt allerdings zu einer Mehrbelastung im Osten und Südosten von Offenbach.

Taschenspielertricks“, „bürgerfern“ und lediglich eine „marginale Lärmminderung“: Dr. Berthold Fuld, Mitglied der Fluglärmkommission und Stellvertretender Vorsitzender der Bundesvereinigung gegen Fluglärm, fand deutliche Worte. Von Jens Dörr

Er beurteilte bei der Pressekonferenz der Flughafenausbaugegner (FAG) in Frankfurt gestern die Lärmschutzmaßnahmen des Forums Flughafen und Region (FFR).

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Sieben Maßnahmen hatte das Forum vor einem Monat präsentiert, um die Menschen rund um den Frankfurter Flughafen vom Lärm zu entlasten (wir berichteten). Fazit: Selbst wenn die Maßnahmen komplett wie vorgeschlagen - und ohnehin schon seit Jahren diskutiert - umgesetzt werden, würde es insgesamt nicht leiser werden in der Region. Im Gegenteil: Aufgrund der kalkulierten Steigerung der Flugraten würde die Zahl der Hochbelästigten nach Fulds Berechnungen sogar noch um 44 Prozent ansteigen.

Vor allem die Darstellungen zum „Segmentierten Anflugverfahren“ dürften den Menschen besonders in Heusenstamm, Obertshausen und Weiskirchen die Sorgenfalten auf die Stirn treiben. Bei diesem Verfahren werden Siedlungszentren wie Offenbach und Hanau südlich umflogen (siehe auch Grafik), dafür über Heusenstamm, Obertshausen und Teile Rodgaus geflogen. Diese FFR-Maßnahme ist für die Anflüge aus östlicher Richtung vorgesehen, die in der Nacht stattfinden. „Dieses Verfahren führt nicht zu einer Lärmminderung, sondern einer Umverteilung“, bemängelte Fuld.

Nur noch neun Kilometer dem Leitstrahl folgend

Und die könnte für die genannten Städte folgendermaßen aussehen, wie der Heusenstammer Privatpilot Tobias Taetzner erläuterte: Der Punkt, ab dem die Flugzeuge nur noch 460 Meter hoch fliegen dürfen, läge 13 Kilometer von der Landebahn entfernt – am Ortseingang von Heusenstamm. Was damit zu tun hat, dass die Maschinen im Anflug einem Leitstrahl (Anflugkorridor) folgen, der von der Piste ausgestrahlt wird und angibt, wie steil sie sinken können. Im Maßnahmenpaket des FFR ist vorgesehen, dass die Flugzeuge nur noch neun statt bisher 21 Kilometer weit dem Leitstrahl folgen. Die Flugroute wird somit später als bisher gekrümmt.

Auch über Obertshausen hinweg würde die Anflugroute in einer Höhe von lediglich rund 500 Metern hinwegführen. Im Maßnahmenpaket werde diese Variante als „erster Schritt“ bezeichnet, im Kleingedruckten jedoch zugleich eingeräumt, dass das „angestrebte Entlastungspotenzial deutlich geringer“ ausfalle, monierte Taetzner. Auch der deshalb im Maßnahmenpaket ausgeführte „zweite Schritt“ löse das Problem der geringen Flughöhe über den Dächern kaum. Immerhin könnte bei diesem „zweiten Schritt“ die Notwendigkeit des horizontalen Geradeausflugs von mindestens vier Kilometern abgeschafft und dadurch die Flugroute etwas früher gekrümmt werden. In diesem Fall würde „nur“ der Ortsrand von Obertshausen und Heusenstamm überflogen. Nachteil aus Sicht Taetzners, der bei Inkrafttreten des „Segmentierten Anflugverfahrens“ aus Heusenstamm wegziehen würde: Es gäbe „deutliche Einbußen bei der Flugsicherheit“, da die Maschinen vor dem Sinkflug nicht mehr stabilisiert werden könnten. Taetzner verwendete auch den Begriff „Nicht-Präzisionsanflugsverfahren“.

Belastungen würden steigen

Generell, so präsentierte wiederum Fuld für die FAG-Fraktion, werde auch mit dem Maßnahmenpaket die Belastung der Menschen erheblich steigen. Er kritisierte auch, das FFR beziehe die Bürger nicht in die Diskussion ein, arbeite autokratisch und undurchsichtig, bediene sich zweifelhafter Berechnungen. So nannte er etwa den Aufweckreaktionswert (AWR-Wert): Menschen könnten nachts nicht nur durch wenige laute Überflüge im Schlaf gestört werden, sondern auch durch viele mit geringerer Dezibelzahl. Die Wissenschaft gehe davon aus, dass „beides ähnlich problematisch“ sei. Der Gesetzgeber aber habe sich darüber hinweggesetzt - was das FFR nutze, um rechnerisch einen geringeren AWR-Wert zu erzielen und somit eine Entlastung zu suggerieren. Unter anderem damit werde das durchs Maßnahmenpaket erzielte Ergebnis „aufgeblasen“.

Quelle: op-online.de

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