„Lasst Liebe walten!“

Lenny Kravitz ist nach musikalischer Sinnsuche wieder auf Tournee

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Viel Appeal, viel Gefühl und noch mehr Coolness: Rocksänger und Gitarrist Lenny Kravitz spielte in der Frankfurter Festhalle.

Frankfurt - Krachende Gitarren, Funkbeats und viel Coolness: Rockmusiker Lenny Kravitz ist wieder auf Tour. Im September soll sein neues Album „Raise Vibration“ erscheinen. Von Lisa Berins 

Am Mittwochabend gab’s in der Frankfurter Festhalle neben Klassikern einen kleinen Vorgeschmack auf die neue Scheibe. Eilig hat es Lenny Kravitz nicht. Gelassen schlendert das 1,70-Meter große Sexsymbol auf Block-Absätzen und in Lederschlaghose über die Bühne: wippender Gang, wippende Afro-Mähne. Dazu: funkige Rockmusik. Die Sonnenbrille sitzt. Im Hintergrund bricht Licht zwischen großen Lamellen auf die Bühne. Parkhausatmosphäre, oder sagen wir: New Yorker U-Bahn-Flair.

Mit dem bekannten Rockriff von „Fly Away“ war Lenny Kravitz zuvor auf einem Podest erschienen; in gleißendem Lichtstrahl zwischen etwas, das wie ein großer Ring – oder wie Hörner – aussieht. Es wummert und dröhnt in der Festhalle, deren schlechte Akustik Lenny in die Karten spielt: Sein Sound, seine Stimme hallen ohnehin wie das Echo in einem Tunnel.

Dass der 54-Jährige derart cool auftreten wird, war nicht unbedingt zu erwarten: In den vergangenen Jahren kriselte es bei ihm. Es gab durchwachsene Kritik an seiner Musik – zuletzt erschien 2014 das Album „Strut“ –, und in einem Interview mit dem Musikmagazin „Rolling Stone“ gab er 2017 zu, „unsicher zu sein, wo es musikalisch hingeht“. Nach 30 Jahren habe er die Musik nicht mehr gespürt. Der Auftritt in Frankfurt: Kurz war zu befürchten, er könne ein Reinfall werden.

„Let’s do this, come on!“, ruft Leonard Albert Kravitz, während sich ein heftiger Bass eingroovt: Gespielt wird die Bassgitarre von der glatzköpfigen und barfuß laufenden Gail Ann Dorsey, die auch schon mit Stars wie David Bowie und Bryan Ferry auf der Bühne stand. „American Woman“ erklingt. Die Lamellen im Hintergrund glühen rot wie ein heißer Grillrost, bevor sie in Rastafari-Farben erstrahlen: Der Song driftet in Reggae-Beats ab.

Gut, es gibt da dieses 90er-Jahre-Flair: Hauptsächlich stehen ältere Songs auf der Setlist: „I Belong To You“, „Believe“, „Always On The Run“, „Where Are We Running“. Was diese Popkamellen aber wirklich interessant macht ist, dass sie live in gigantische Improvisationsparts überfließen, die mal groovig, jazzig oder tranceartig in der Halle schweben. Die minutenlangen Sessions der Weltklasse-Band – darunter auch ein Trompeter, zwei Saxofonisten und natürlich Lenny selbst an der Gitarre – sind vielleicht so etwas wie eine experimentelle Reise zur musikalischen Seele des Rockstars. Kravitz macht jedenfalls den Eindruck, als sei er, ja: gelöst. Zu funkigen Gitarren-Wah-Wahs schlendert er wieder über die Bühne, ab und zu stiehlt sich ein James-Brown-Schwung in den Gang. Und er winkt viel: Lenny nimmt sich Zeit fürs Publikum – ein wenig wirkt es, als könne er seinen Erfolg kaum fassen. Was natürlich Quatsch ist.

Für September hat der gebürtige US-Amerikaner ein neues Album angekündigt: „Raise Vibration“ wird es heißen. Zwei Songs sind schon erschienen; auch sie gibt Kravitz in Frankfurt zum Besten. „It’s Enough!“ klingt vom Rhythmus her ein wenig wie „I Belong To You“, ist aber ein politisches Statement: gegen Rassismus, Krieg im Nahen Osten, Leid in Afrika – phrasenweise angerissene Weltproblematik. Der andere Song, „Low“ ist ruhiger. Beide Lieder sind vielleicht nicht das, was man eine musikalische Innovation nennen könnte, aber das ist erst mal egal.

Lenny Kravitz rockt die Frankfurter Festhalle: Bilder

Denn Lenny geht es um etwas anderes. Um Liebe, viel Liebe: die weiche Stimme, das Hauchen, die schön kitschigen Gesangsparts – das kauft man ihm auch nach Jahrzehnten noch ab. „’Cause it’s all just a game, we just want to be loved“, singt er da. Auch wenn Liebe eine inflationäre Popsongwährung ist: An diesem Abend hat man das Gefühl, an etwas Wahrem teilzuhaben.

Wie um das zu beweisen, hüpft Kravitz von der Bühne und läuft, nein, schlendert durch die Konzerthalle, mitten rein in die Menschenmenge. Hier ein Handschlag, da ein Autogramm, eine Umarmung – das wippende Afro-Haar im Spotlight. Gegen Ende des 20-minütigen Instrumentalparts zu „Let Love Rule“ sitzt Lenny auf einem Rang und winkt. „We got to raise vibration“ dichtet er ins Lied und: „Love is the only solution!“ Zum Schluss der zwei Stunden gibt’s das heiß ersehnte „Are You Gonna Go My Way“ – ein saftiges Stück Rockgeschichte. Von Lennys musikalischer Gefühlstaubheit – keine Spur!

Quelle: op-online.de

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