Lesen wie Gott in Frankreich

+
Bernard Friot

Frankfurt ‐ In der Bibliothek des Erwin-Stein-Hauses nahe des Frankfurter Hauptbahnhofs drängten sich mehrere Dutzend Lehrer aus der gesamten Rhein-Main-Region, um noch einen letzten Sitzplatz zu ergattern. Von Jonas Röder

Nichts Ungewöhnliches, sollte man meinen, schließlich ist das Erwin-Stein-Haus der Sitz des Staatlichen Schulamts von Frankfurt und des Amts für Lehrerbildung. Doch das Gedränge hatte seinen Grund: Der französische Kinder- und Jugendbuchautor Bernard Friot war angereist, um den Lehrern ausgewählte Werke für den Französischunterricht zu präsentieren, aus denen er auch noch lesen würde. Gleichzeitig ehrte er mit seiner Anwesenheit die Wiedereröffnung der Bibliothek „Au plaisir de lire“ für Kinder- und Jugendliteratur aus Frankreich.

Beispielhaft: Arbeitsgruppe „lesARTen“

Ihren Ursprung hat diese Bibliothek im ehemaligen Institut Français in Frankfurt, einer von vielen regionalen Einrichtungen der französischen Kulturpolitik im Ausland. Mitte der Neunziger gründete sich hier das „Bureau du Livre de Jeunesse“, um die Verbreitung französischsprachiger (Jugend-)Literatur in Deutschland zu fördern. Mit Lesungen in der gesamten Republik, Ausstellungen, Beiträgen in Funk und Fernsehen sowie der Vermittlung zwischen französischen Autoren und deutschen Verlagen unterstützte es die Arbeit aller Instituts Français bundesweit.

Dass gerade Frankfurt Zentrum dieser Entwicklung war, kam nicht von ungefähr. Michelle Cahuzac, selbst Französischlehrerin in Frankfurt und langjährige Mitarbeiterin im „Bureau du Livre de Jeunesse“, erinnert sich: „Hessen war schon immer ein Vorreiter in der Verbreitung der französischen Sprache.“

Dies reichte vom langjährigen Engagement der Stadt Frankfurt, die sich mehrfach mit der Vermietung passender Räumlichkeiten für das Institut einsetzte, bis zu all jenen, die aktiv das Bureau mitgestalteten. Beispielhaft ist hier immer noch die ehrenamtliche Arbeitsgruppe „lesARTen“. Die besteht aus sechs Lehrern und Ausbildern aus ganz Hessen und fungiert bis heute als Schnittstelle zwischen deutschen Verlagen und noch unbekannten französischen Autoren.

Sollte nicht Aus für Bildungsarbeit bedeuten

Trotz des vielfältigen Engagements wurde das Frankfurter Institut Français samt „Bureau du Livre de Jeunesse“ allerdings im vergangenen Jahr zum September hin geschlossen. Infolge von Etatkürzungen und der anstehenden Umstrukturierung der auswärtigen Kulturpolitik Frankreichs fusionierte das Institut mit der Göttinger Forschungseinrichtung „Mission Historique Francaise en Allemagne“ und stellt seither als französisches Forschungsinstitut an der Goethe-Universität Frankfurt die wissenschaftliche Arbeit in den Vordergrund.

Das Aus der kulturellen Bildungsarbeit für Schüler und Lehrer sollte dies trotz allem nicht bedeuten. Silvia Bouffier-Spindler, Leiterin des Staatlichen Schulamts, wandte sich mit Erfolg an die französische Botschaft in Berlin in Sorge um den reichen Buchbestand des „Bureau du Livre de Jeunesse“. Gemeinsam mit ehemaligen Mitarbeitern und Freunden des Frankfurter Institut Français konnte sie die Hälfte der französischsprachigen Jugendromane, Erzählungen, Comics und Sachbücher als Leihgabe sichern und sie innerhalb der hauseigenen Bibliothek des Schulamts wieder der Allgemeinheit zugänglich machen. „Das ist ein Schatz, der nicht in irgendeinem Keller vermodern soll,“ sagt Michelle Cahuzac, die inzwischen neben ihrer Lehrtätigkeit als Ansprechpartner für alle Belange der französischen Bibliothek dient, deren Bestand mehr als 5000 Bände umfasst.

Die Kinder- und Jugendbibliothek „Au plaisir de lire“ im Erwin-Stein-Haus, Stuttgarter Str. 18-24, in Frankfurt ist für alle Interessierten mittwochs zwischen 10.30 und 16.30 Uhr und nach Vereinbarung geöffnet. Tel: 069-38989 510.

Darüber hinaus hat „lesARTen“ begonnen, vierteljährige Buchvorstellungen für interessierte Lehrer und Referenten in der Region in der Bibliothek anzubieten, um so das Erbe des „Bureau du Livre de Jeunesse“ fortzuführen. Neben der Vermittlung von Autoren stellen sie in den sogenannten „Comités de Lecture“ Empfehlungen für den Französischunterricht vor und ordnen diese in den Lehrplan der verschiedenen Altersstufen ein. „All das hat sich entwickelt aus Liebe zur Sache,“ betont die Frankfurter Französisch-Lehrerin Elke Waldeier-Odenthal, die die Arbeitsgruppe nach außen hin vertritt.

Da war ist es nicht verwunderlich, dass ausgerechnet Bernard Friot zum ersten Comité in den neuen Räumlichkeiten erschienen war, um die Vorstellung einiger seiner Werke mit einer Lesung zu begleiten – als zeitweiliger Direktor des „Bureau du Livre de Jeunesse“ in Frankfurt setzte er ein Zeichen, das alle Beteiligten zu deuten wussten. Die nächste „Comité de lecture“ findet am Mittwoch, 22. September, ab 15 Uhr statt.

Quelle: op-online.de

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare