Der letzte Gruß des AfE-Turms

Ein Abschied wie Donnerhall

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Professorenvillen und Schutthaufen - ein Stillleben.

Frankfurt - Es ist kein Knall, eher ein massiver Schlag, eine Schockwelle. Die gigantische Kraft von nahezu einer Tonne Dynamit hat am Sonntagmorgen um 10.06 Uhr den AfE-Turm im Frankfurter Stadtteil Bockenheim zu Fall gebracht. Von Michael Eschenauer

Diese Energie produziert kein Bild auf der Netzhaut. Aber der Körper spürt, was geschieht, wenn 1400 Sprenglöcher explodieren und 50.000 Tonnen Stahlbeton zu Boden stürzen: Die Erschütterung, der Donner, fährt durch die Erde in die Beine, der Schalldruck trifft Ohren und Gesicht. Was die Netzhaut erreicht, ist das Bild eines fallenden Riesen und Staub, sehr viel Staub.

Nach dem ersten Schlag sinkt das Außenskelett zu Boden, der zweite trifft den Kern des Gebäudes. Vom See an der Ludwig-Erhard-Anlage vor der Messe aus gesehen, scheint sich das Hochhaus in den Boden zu schieben. Die Fotografen im Messeturm dahinter fühlen das Beben und Schwanken des Gebäudes im 17. Stock. Die Erschütterung drückt auf die Scheiben. Der AfE-Turm selbst stirbt fast lautlos. Sollte er ein letztes Seufzen ausstoßen, geht es im Donnern der Sprengladungen unter. Eine gelbbraune Staubwolke türmt sich auf, wälzt sich in die angrenzenden Straßen, steigt sogar höher als das Marriott-Hotel. Eine feine Staubschicht legt sich auf die denkmalgeschützten Gebäude und die Grünanlagen. Größere Schäden gibt es trotz der Nähe zahlreicher Häuser, des U-Bahn-Tunnels und einer Gasleitung nicht.

Uni-Turm-Sprengung in Frankfurt

Der Gigant, der Gulliver am Himmel über Bockenheim, ist fort. Kleine Wichte haben ihn erschaffen, haben in ihm gelehrt und gelernt. Irgendwann beschlossen sie, er passe nicht mehr in ihre Zeit. Am Tag des Vollzugs ist alles über ihn geschrieben und gesagt worden - sei es mit Wehmut, sei es mit Häme. Frankfurts Skyline verliert eine Zacke. „Wow! Was für ein Flash“, entfährt es dem jungen Mann neben mir. Die Menschen - nach Polizeischätzungen sind es 30.000 - stehen Sekunden nach dem Donner sprachlos, dann bricht spontaner Applaus los. Nur der Springbrunnen plätschert unbeeindruckt weiter. Ein starker Abgang.

30.000 Menschen sprachlos

Die Frankfurter und ihre Besucher erleben gestern eine besondere Art der Volksbelustigung. Es dämmert kaum, als die ersten Sprengtouristen, bewaffnet mit allem, was man für so ein Ereignis braucht - von der Kamera über die Stehleiter bis zum heißen Tee - in der Nähe des alten Uni-Campus eintreffen. Sehr viele Kinder haben das warme Bett verlassen. Die Grünanlagen vor der Messe bieten gute Sichtachsen, aber auch in den Seitenstraßen versucht man, einen letzten Blick auf den Turm zu erhaschen. Absperrbänder halten die Massen auf der Sicherheitsdistanz von 250 Metern. Megaphone knistern Unverständliches. „Keine besonderen Vorkomnisse, alle sind brav“, sagt der Mann vom Technischen Hilfswerk. Die sonst stark befahrenen Straßen vor der Messe sind zu einer riesigen Fußgängerzone geworden.

Auch die junge Familie aus Wiesbaden will sich das Spektakel nicht entgehen lassen. „Wir sind um Viertel vor sechs zu Hause los und seit kurz vor sieben hier“, berichtet Mutter Romy. Eine robuste Gruppe, zweifellos: Auf dem feuchten Boden ist eine mittlerweile ziemlich dreckige Decke ausgebreitet, man wartet ohne Sitzpolster. Romy hat ihre eineinhalb Jahre alte Tochter Anja, eingehüllt in Decken, auf dem Schoß. Die Kleine ist nicht wirklich beeindruckt von dem Getümmel um sie herum und schläft. Ihr Bruder Michael (5) ist in sein Malbuch vertieft. Wenn der Turm fällt, wird er gerade die Nase seines Seehunds vervollständigen. Neben uns steht Levent aus der Schloßstraße. Seine Wohnung ist nicht weit entfernt von Gulliver. Er kennt den AfE-Turm, seit der vor über 40 Jahren zum ersten Mal die Nase aus seiner Baugrube herausgereckt hat.

Hier fällt der AfE-Turm in Frankfurt

Hier fällt der AfE-Turm in Frankfurt

Nun sagt er ihm Lebewohl. „Eigentlich hab’ ich von ihm immer nur die Spitze gesehen.“ Jörg aus Hainburg hält die Kamera im Anschlag, ein paar Meter weiter verkaufen Irina und Tilmann selbst produzierte Ansichtskarten vom Turm zu einem Euro das Stück. Die Nachfrage ist gut. In wenigen Minuten werden die Karten Dokumente einer vergangenen Epoche sein. Für Tilmann ist das Bauwerk „Symbol selbstständigen Denkens freier, kritischer Studenten, die darin von ihren Professoren bestärkt wurden“. Doch die Zeit sei vorbei, sagt er. Das zeige auch die neue Universitätskultur des Westend-Campus. Die Atemschutzmasken liegen griffbereit als schließlich das Horn ertönt. Kurze Zeit später hat der Himmel ein Loch . . .

Quelle: op-online.de

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