Die letzte Spur des Waldmenschen

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Die Sozialarbeiter Johannes Heuser und Elfi Ilgmann-Weiß untersuchen nach Annemons Tod das Waldlager. Sie beschleicht das Gefühl, unerlaubt in eine fremde Wohnung einzudringen.

Frankfurt - Dies ist die Geschichte von Karl Annemon. Er kann sie nicht selbst erzählen, denn er wurde am 25. Februar diesen Jahres, es war Aschermittwoch, auf der Darmstädter Landstraße von einem Auto überfahren. Karl Annemon war sofort tot. Von Michael Eschenauer

Es muss stockdunkel gewesen sein an diesem Wintertag. Tagsüber hatte die Sonne geschienen, doch dann setzte Nachtfrost ein.

Gegen 19.15 Uhr wollte er die durch den Frankfurter Stadtwald führende Einfallstraße überqueren. Dabei lief er geradewegs in ein Richtung Neu-Isenburg fahrendes Auto. Ein zweiter Wagen konnte nicht rechtzeitig bremsen; so wurde Annemon noch einmal überrollt. Polizisten berichten von einem schlimm zugerichteten Leichnam.

Karl Annemon starb, wie er gelebt hatte: Einsam, unterwegs auf Pfaden quer zur Hauptrichtung, mit ein paar Einkaufstaschen in den Händen, die Kleider gegen die Kälte mit alten Zeitungen und Pizzakartons ausgestopft. Der Tod des 78-Jährigen, der im Gebiet südlich der Oberschweinstieg-Schneise nahe des Jakobiweihers in einem Waldlager hauste, setzte den Schlusspunkt unter die Geschichte von Frankfurts härtestem Einsiedler. Annemon hieß zwar anders, aber eines ist sicher: Er war nicht nur der Älteste „auf Platte“, sondern er verbrachte auch mehr Zeit als jeder andere seiner Frankfurter „Kollegen“ unter freiem Himmel. Am Ende waren es wohl 30 Jahre.

Der moderne Einsiedler lebte inmitten eines überlaufenen Naherholungsgebietes. Die „Waldgaststätte Oberschweinstiege“ ist nur ein paar hundert Meter entfernt. Trotzdem fand ihn nur selten jemand in seinem gut getarnten Lager rund um eine dicke Buche. Das war gut so; der Hausherr war nicht interessiert an Außenkontakten. Wie würde Karl Annemon seine Geschichte erzählen? Geplant war, noch zu Lebzeiten Kontakt zu dem Waldmenschen aufzunehmen. Aber das Betreuungsteam des „Frankfurter Vereins für soziale Heimstätten e.V.“ um die Sozialarbeiter Johannes Heuser und Elfi Ilgmann-Weiß blockte ab. „Der Mann wird nicht mit Ihnen sprechen, im schlimmsten Fall schreckt ihn so ein Rummel derart auf, dass er sich selbst gefährdet“, warnte Heuser. Kurz darauf kommt Karl unter die Räder. Jetzt öffnen sich Türen.

Das Haus des „Hobbits“ war kaum zu finden. Es lag gut getarnt hinter einem Drahtverhau in einem Buchengehölz.

Jedes Leben erscheint im Nachhinein wie eine Kette von Hinweisen. Ursachen und Wirkungen schimmern durch. Man sieht verkannte Zeichen, hofft auf eine Moral. Dieser Text ist eine Spurensuche. Er ist der Versuch, aus Bruchstücken das Bild eines Menschen zusammenzufügen. Er beruht auf den Aussagen der wenigen Personen, die Annemon näher kamen. Vorausgesetzt, man kann bei den widerstrebend geführten Wortwechseln von Nähe sprechen. Für eine Moral, das wurde bei den Recherchen bald klar, reicht es nicht. Allenfalls für den Eindruck, dass hier ein Mensch, der offenbar nirgends hineinpasste, schnell auf die schiefe Bahn geriet, und dass es ihm niemals mehr gelang, den Kurs zu korrigieren.

Die Aktenlage ist dünn wie das Eis auf den Pfützen im April. Der am 1. November 1930 in Dieburg geborene Karl Annemon muss in den 60er Jahren die Wärme der südhessischen Kleinstadt gegen die Anonymität der Mainmetropole vertauscht haben. In Dieburg wohnte er in der Kettelerstraße, einem besseren Viertel mit Einfamilienhäusern. Der Grund und Zeitpunkt des Wegzugs sind unbekannt. Aus den Jahren 1946 bis 1948 liegt nur der Firmenausweis einer Firma Blaseck in Eppertshausen vor.

Abgemeldet nach unbekannt

Beim Frankfurter Einwohnermeldeamt lässt sich Annemon am 25. Mai 1966 registrieren. Der damals 35-Jährige wird in das Obdachlosenwohnheim in der Waldschulstraße 20 vermittelt. „Am 3. Februar 1969 meldet er sich nach unbekannt ab. Seitdem ist dieser Mann für uns nicht mehr existent“, berichtet Rainer Orell, Leiter des Frankfurter Bürgeramtes. Spätestens zu diesem Zeitpunkt endet die bürgerliche Existenz Annemons. Es ist ein schnelles Scheitern.

Über zehn Jahre vergehen, bevor der Mann erneut aktenkundig wird. Anfang der 80er Jahre spürt ein Polizeibeamter des 8. Reviers im Sachsenhausener Forst einen Obdachlosen auf. Zuvor hatte ein Pilzsammler von der bizarren Wallanlage aus Palisaden berichtet. Es ist Annemon. Der Ordnungshüter meldet „eine scheue Person, die wohl eine bewegte Geschichte hinter sich hat, aber nicht akut gefährdet ist“. Anfang 1988 folgt ein zweiter, am 20. Mai 1993 ein weiterer Eintrag in den Sozialakten der Stadt Frankfurt. Dem verwirrt wirkenden über 60-Jährigen sei eine Seniorenwohnung angeboten worden, die er aber abgelehnt habe. Auf Nachfrage habe der Betreffende mitgeteilt, er lebe „schon lange“ im Wald.

Einsiedler Karl Annemon als Vierjähriger am 29.12.1934.

Danach ist erneut Sendepause. Annemon taucht ab, für weitere zehn Jahre gibt es keine Spuren. Am 1. November 2004 wird er von einem Polizisten aufgestöbert. Wieder ist es das Waldstück an der Oberschweinstieg-Schneise. Der verschlossen wirkende Mann habe erklärt, er habe früher in Frankfurt gelebt und seine Wohnung verloren, woraufhin ihm keine neue angeboten worden sei, berichtet Heuser nach einem kurzen Blick in die Akten. Die Abteilung für soziale Notlagen des Frankfurter Sozialamtes prüft die Lage, erwägt die Bestellung einer amtlichen Betreuungsperson, was aber verworfen wird, weil keine Eigen- oder Fremdgefährdung vorliegt. Ein psychologisches Amtsgutachten bescheinigt Annemon einen in Teilbereichen erheblich beeinträchtigten Realitätsbezug, Verfolgungswahn, Zwangs- und paranoide Störungen. Insgesamt handele es sich hier um eine ängstliche, angespannte, getriebene Persönlichkeit, so der Psychologe.

Im gleichen Jahr können die Sozialarbeiter nur knapp eine Räumung des Lagers durch die Forstverwaltung verhindern. „Wir haben denen klar gemacht, dass der Mann, wenn er hier vertrieben wird, sich möglicherweise etwas antut.“ Danach reißt die wöchentliche Überwachung des Waldmenschen nicht mehr ab. Heuser berichtet, manchmal, besonders im Winter, habe man große Sorge gehabt, ob der Greis überleben könnte. „Aber er wirkte immer gesund, wir haben ihn nicht mal husten gehört.“

Wallanlage aus Reisig und Baumstümpfen

Wenn Annemon sein Leben erzählen könnte, würden darin sicherlich seine Waldlager eine wichtige Rolle spielen. Das letzte, das er bauen sollte, war eine rund 100 Quadratmeter große, mit Palisaden, Reisig und Baumstümpfen gesicherte Wallanlage. „So etwas sieht man selten, auch wenn man oft mit Obdachlosen in Berührung kommt“, berichtet Heuser. In der Forst- und Sozialverwaltung geht man von rund 20 Personen aus, die als Waldmenschen rund um die Mainmetropole leben.

Das Passbild aus den 60er Jahren ist die letzte Aufnahme von ihm, die es gibt. Den längst abgelaufenen Ausweis hatte er zum Zeitpunkt seines Todes bei sich. Karl Annemon war ein ordentlicher Mensch geblieben.

In seinem Fort richtet sich Annemon eine Art Schlaf-Tunnel ein, sichert ihn mit Plastikplanen gegen Feuchtigkeit. Sogar Kissen und Decken haben einen Schutz aus Plastikhaut. „Tagsüber hat er meist in seiner Sitzkoje gekauert“, so Ilgmann-Weiß. Hier schrieb er Zettelchen. In dem verlassenen Lager finden die Sozialarbeiter Aberhunderte Tüten und Plastikeimer mit allen Arten von Kleidungsstücken - bis hin zum schwarzen Damenslip. Annemon sammelt besonders gerne Schuhe, Plastikflaschen und bunte Spülbürsten. Er schafft sich geradezu ein Arsenal davon an. Die Ortsbegehung nach seinem Tod fördert ein Buch über Buddhismus zutage. Die Wege rund um das Lager sind von Laub freigekehrt und eingegrenzt. „Herr Annemon war ein sehr ordentlicher Mann“, berichtet Heuser. Er habe sich sogar eine Toilette gebaut. „Wir haben nie Schmutz oder Alkohol gefunden“, so Ilgman-Weiß. Eine für die oft völlig verdreckten „Platten“ von Obdachlosen unglaubliche Tatsache. Auch habe der Waldmann stets akzeptable Kleidung getragen. Sein ordentliches Auftreten ermöglichte auch der Inhaber der Oberschweinstieg-Kneipe, Manfred Mink. „Der hat sich hier manchmal gewaschen und Pfandflaschen zum Versetzen geholt“, erinnert sich der Wirt. Wahrscheinlich versorgte sich Annemon aus den Abfall-Containern von Supermärkten oder bei Gasthäusern mit Essensresten. Von der Stadt Frankfurt nimmt er nichts, nicht mal den angebotenen Schlafsack.

Wie ein Hobbit aus Tolkiens Herr der Ringe

Er war sehr scheu. Wir haben uns meist angeschlichen, durch die Palisade gespäht und kontrolliert, ob es ihm gut geht“, so Ilgmann-Weiß. „Da konnte er einem schon leid tun, wie er da so saß.“ Der zierliche Annemon, der auch in den langen Winternächten niemals eine Lampe anzündet, wirkte, so seine Betreuer, „wie ein Hobbit“ aus Tolkiens Herr der Ringe. Der Hobbit aber ist kaum interessiert an Kontakten. „Wir haben ihn anfangs angesprochen. Aber er ist oft weggerannt“, berichtet Heuser. Annemon sei meist nachts unterwegs gewesen. Dies sei charakteristisch für psychisch Kranke: „Sie bevorzugen Tageszeiten wo für sie weniger Stress herrscht.“

Wenn der Einsiedler noch reden könnte, würde er sicher auch über Angst sprechen. Seine wenigen überlieferten Sätze geben den Blick frei in eine bizarre Welt, deren Realitätsgehalt gering, deren Bedrohungswirkung auf ihn aber umso größer gewesen sein muss. „Er hat immer davon geredet, dass draußen Krieg sei“, berichtet Heuser. Gleichzeitig verfolgte Annemon offensichtlich einen Auftrag. Er will die Öffentlichkeit aufrütteln, vor schreiendem Unrecht warnen, das in seiner Welt allgegenwärtig ist. Mit akribischer Akkuratesse schreibt er hunderte kleine Flugblätter, die in den Briefkästen, an Zäunen und auf den Straßen der nahen Wohngebiete auftauchen. „In der Sachsenhäuser Warte und im Anwesen am Jacobiweiher werden die laufend Entmieteten Deutschen bestialisch ermordet“ steht darauf. Auch das 8. Polizeirevier taucht auf. Hier fänden Folterungen statt. War der Waldmensch irgendwann aus seiner Wohnung geflogen und verarbeitete so den Schock?

Es war nicht immer leicht ein Gespräch zu führen“, berichtet Axel Kuhnhenne. „Wenn man ihn aus der Reserve locken wollte, musste man ihn auf Ärzte ansprechen.“ Der Oberkommissar des 8. Reviers fand Annemon meist über seinen Pamphleten brütend, in denen es um Konzentrationslager und Menschen-Experimente ging. Die Frage „Brauchen Sie einen Arzt?“ wurde zuverlässig abschlägig beschieden mit dem Hinweis „auf keinen Fall! Ärzte sind alle Verbrecher!“ „Vielleicht ist er als Jugendlicher unter den Nazis verfolgt worden“, sagt der 48-jährige Polizist. Er hielt den Kontakt über Jahre aufrecht. Meist war er nicht willkommen. „Warum kommen Sie immer hierher“, habe der „Entmietete vom Stadtwald“, so sein Spitzname, den Besucher manchmal angeherrscht. „Sie sehen doch, ich habe zu tun!“

Die Suche nach Angehörigen verläuft enttäuschend. Über das Beerdigungsinstitut führt die Spur zu einem Neffen in einem Dorf zwischen Marburg und Frankenberg. Der sehr gläubige 41-Jährige hat die Beerdigungskosten übernommen. Außer ihm ist kein Angehöriger bekannt. „Ich wollte nicht, dass mein Onkel anonym auf irgendeinem Friedhof beigesetzt wird, sagt Christian Annemon. Er hat Onkel Karl, der nun in einem Urnengrab mit Holzkreuz 100 Meter vom Haus seines Neffen entfernt seine letzte Ruhe gefunden hat, nur ein einziges Mal gesehen. „Es war Anfang der 70er“, erinnert er sich. Karl sei immer ein Außenseiter gewesen. Bis 1961 habe er in Diebug gelebt. „Über ihn wurde später in der Familie nicht mehr gesprochen“, sagt er und will auch nichts über den Wohnort der restlichen Familie verraten. Das gebe nur böses Blut. Karl hatte zwei Brüder und eine Schwester, von denen heute keiner mehr lebt. Die übrige Familie wisse nichts vom Schicksal Karls und interessiere sich wohl auch nicht dafür, vermutet Christian. „Hätte ich gewußt was aus ihm geworden ist, hätte ich ihn vielleicht besucht in seinem Wald“, grübelt er. Und dann: „Aber vielleicht war es auch gut, dass wir uns nie mehr getroffen haben, er wollte ja alleine sein...“.

Quelle: op-online.de

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