In letzter Konsequenz tödlich

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Spieler kämpfen in Frankfurt gegen ihre Sucht

Bad Hersfeld/Frankfurt - Ihre Geschichten gleichen sich. „Ich habe über 500.000 Euro verzockt. Ich hab' alles verspielt, was da war“, erzählt Daniel. Von Timo Lindemann und Ira Schaible

Der 36 Jahre alte Hesse hat Ähnliches erlebt wie Guido aus Niedersachsen und Ali aus Bayern. „Meine Sucht sagt mir, Du hast die Möglichkeit, das zurückzugewinnen. Das ist aber gar nicht möglich.“ Diese Erkenntnis hat Daniel erst als Patient in der Klinik für Suchtkranke in Bad Hersfeld gewonnen.

Vom Hartz-IV-Empfänger bis zum Banker, der einen sechsstelligen Betrag für das Spiel unterschlagen hat - so beschreibt Andreas Fux von einer Beratungsstelle in Kassel seine Klienten. „90 Prozent sind Männer.“ Manche spielten 36 Stunden durch, oft an mehreren Automaten gleichzeitig. „Unbehandelte Glücksspielsucht führt zum Tod“, sagt Fux. Wenn das Spiel zum zentralen Lebensinhalt wird, steht irgendwann alles auf der Kippe: Ehe, Familie, Beruf, Freunde, die Wohnung und die gesamte wirtschaftliche Existenz - viele plagen dann Depressionen und Selbstmordgedanken.

Mehrere Zusammenbrüche, Einweisungen in die Psychiatrie und zwei abgebrochene Therapien hat ein Mitvierziger aus Frankfurt hinter sich. Seit 20 Jahren ist er süchtig nach dem Kick an den bunten Daddelmaschinen. „Wenn ich zum Einkaufen losgehe und tatsächlich mit Einkäufen wiederkomme - das ist die Art von Erfolg, über die ich mich momentan freue“, zitiert die Diakonie den Mann, der bei ihr in Beratung ist und seinen Namen nicht nennen will.

Mit 15 Jahren angefangen zu spielen

„Manche kommen auf raffinierte Art und Weise mit 20 bis 50 Euro über den Monat, den Rest verspielen sie“, berichtet Therapeut Horst Witt von der Fachklinik Fredeburg in Nordrhein-Westfalen. Die Vorschläge der Bundesländer hält er für „Kosmetik“. „Die Automaten müssen raus aus den Spielhallen und rein in die Casinos, unter staatliche Kontrolle.“ Mehr als 530 000 Bundesbürger sind oder waren einer neuen Studie (PAGE) zufolge süchtige Glücksspieler, 3,7 Millionen Bürger haben Merkmale der Gefährdung gezeigt.

„Ich hab mit 15 aus Langeweile angefangen zu spielen. Es gab keine Jugendschutzkontrolle“, erzählt Guido in der Bad Hersfelder Klinik. Immer wieder bekam der 42-Jährige bei Banken Kredit. Immer länger saß er in der Spielhalle, spielte mit immer höheren Einsätzen - das ist typisch für Spielsüchtige.

Laufzeiten der Automaten verlängern

„Ich weiß jetzt, dass ich mir meine Glücksgefühle nicht beim Spielen holen muss.“ Ali aus Bayern hat den Wert eines Hauses an den Automaten verspielt. „Noch hab ich 55 000 Euro Schulden“, sagt der 47 Jahre alte Familienvater, der von seinem Arbeitgeber unterstützt wird. „Ich weiß nicht, ob ich spielfrei bin, aber ich versuche alles.“

Am gestrigen Donnerstag wollten sich die Ministerpräsidenten der Länder in Berlin mit der Spielsucht befassen. Ihnen geht es um schärfere Regeln für den Einsatz von Spielautomaten.

Für einen wirklichen Spielerschutz müssten die Laufzeiten der Automaten viel länger und die Gewinne viel niedriger sein, sagt die Chefärztin der Hersfelder Klinik, Heike Hinz. So wie in den 1980er Jahren, als das Spiel zwei Groschen kostete, drei Minuten dauerte und fünf Mark im Jackpot waren. Bei den geplanten Auflagen geht es jetzt um 15 bis 20 Sekunden und um eine Begrenzung des Gewinns auf 300 bis 500 Euro pro Stunde.

Ein Viertel hängt wieder am Automaten

„Gewonnen oder nicht - der Gewinnanreiz macht abhängig“, sagt Hinz und fordert von den Bundesländern radikalere Schritte als die geplanten.

Bis zu 400 Patienten kommen jedes Jahr in ihre Klinik. Ein Jahr nach der Entlassung werden sie gefragt, was aus ihnen geworden ist. Etwa 60 Prozent antworten. Davon sind nach eigenen Angaben 70 Prozent spielfrei. Acht Prozent hatten zwischendurch einen Rückfall und rund ein Viertel hängt wieder am Automaten. „In jeder Lotto-Bude muss ich meinen Ausweis zeigen, aber da, wo ich an einem Tag mein ganzes Monatsgehalt verspielen kann, komme ich einfach so rein“, sagt Ilona Füchtenschnieder vom Fachverband Glücksspielsucht. Die Pläne der Länder? „Ein überfälliger Schritt in die richtige Richtung.“

(dpa)

Quelle: op-online.de

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