Leuchtend grün und echt laut

Halsbandsittiche haben in Wiesbaden neue Heimat gefunden 

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Auch Alexandersittiche fühlen sich in Hessen wohl.

Wiesbaden - Der deutsche Winter kann den freilebenden Halsbandsittichen in Wiesbaden nichts anhaben. Hauptsache, es gibt genug zum Fressen. Dank der Parks in der Kurstadt mit vielen exotischen Bäumen haben die grünen Schreihälse das ganze Jahr über etwas zum Knabbern. Von Andrea Löbbecke

Mit ihrem leuchtend grünen Gefieder und prägnanten Geschrei gehören die ursprünglich südlich der Sahara und in Asien beheimateten Vögel in Wiesbaden fest zum Stadtbild. Ob tagsüber in den Parks des Biebricher Schlosses und rund um das Kurhaus in der Innenstadt – oder in der Dämmerung beim lautstarken Anflug auf die Schlafbäume auf einem Supermarkt-Parkplatz. Inzwischen leben rund 3000 Halsbandsittiche und mehrere hundert der etwas größeren Alexandersittiche in der Kurstadt, wie der Hobby-Ornithologe Detlev Franz schätzt. Auch bei niedrigen Temperaturen sind die Papageien rege unterwegs, in wenigen Wochen beginnt bereits die nächste Brutsaison.

„Winter ist nicht so ein Riesenproblem, so lange sie genügend zu Fressen haben“, erklärt der Experte. Daher sei ihre Verbreitung grundsätzlich davon abhängig, ob es Parks mit exotischen Bäumen und Sträuchern gibt, die das ganze Jahr über Früchte oder Blätter bieten. Nach einem strengen Winter sei allerdings die Brut nicht so erfolgreich. Beobachtungen zufolge wächst die Wiesbadener Halsbandsittich-Population von Jahr zu Jahr um etwa 15 Prozent, berichtet Franz. Immer wieder machen sich Grüppchen auf, um neue Lebensräume zu erobern. So sind – vermutlich von Wiesbaden aus – inzwischen unter anderem auch Mainz, Ingelheim, Flörsheim und Frankfurt von den Sittichen besiedelt.

Bundesweit lebt „Psittacula Krameri“ in mehr als zwei Dutzend Städten – vor allem in der Rhein-Main-Region und im Rheinland, wie es in einem Papier des Bundesamtes für Naturschutz heißt. Von der Behörde wird der Halsbandsittich als „potenziell invasiv“ eingestuft. Das bedeutet, die Experten beobachten weiter, ob der Vogel den Bestand alteingesessener Arten gefährdet. Es beständen Wissenslücken und Forschungsbedarf, heißt es.

Die ganz konkrete Forschung in Wiesbaden sieht so aus, dass Detlev Franz in der Dämmerung mit seinem Fernglas bewaffnet am Rande eines großen Supermarkt-Parkplatzes steht. Er zählt die Vögel, die Kamikaze-mäßig erst quer über eine vielbefahrene Kreuzung sausen und dann unter lautem Gezeter auf einem der Schlafbäume landen. Eine ganze Weile ist das Geschrei noch zu hören – dann kehrt Ruhe ein. Dass in den Zweigen hunderte Vögel sitzen, ist dann nur noch an dem weiß-grauen Belag unter den Bäumen zu erkennen. Er besteht aus den Häufchen, die die Sittiche fallen lassen.

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Das gemeinsame Übernachten bietet für die Vögel eine ganze Reihe von Vorteilen. Zunächst schützt die Gruppe den Einzelnen vor Angreifern wie etwa Raubvögeln. Zudem ist der allabendliche Treff ein Hochzeitsmarkt und gut für den Austausch von Informationen, beispielsweise über gute Futterplätze, wie Experte Franz berichtet.

Wie die Halsbandsittiche 1975 nach Wiesbaden gekommen sind – dazu gibt es nach seinen Erzählungen mindestens drei Versionen. „Allen gemeinsam ist, dass die Vögel aus Gefangenschaft stammen, entweder von Zoohändlern oder aus Einzelhaltung.“ Dass die Papageien anderen, alteingesessenen Vögeln die Brutplätze wegnehmen – diesen Vorwurf lässt Franz nicht gelten. Beispielsweise bevorzuge der Halsbandsittich eine durchschnittliche Größe beim Höhleneingang von viereinhalb Zentimetern – nur dann lässt sich das Nest gut gegen Artgenossen verteidigen. „Dohlen beispielsweise brauchen Höhlen mit einem Durchmesser von acht mal zwölf Zentimetern“, so Franz.

Auf dem Wiesbadener Supermarkt-Parkplatz können sich nicht alle über die Sittiche freuen. Einmal im Monat ist hier ein großer Flohmarkt und einige Standbetreiber bauen ihre Waren schon einen Abend vorher auf. Unter bestimmten Bäumen waren die Tische am Morgen mit weiß-grauen Häufchen übersät. Sogar mit Böllern versuchten die Händler deshalb, die Tiere zu vertreiben. Vergeblich. Inzwischen wurden aus einigen Bäumen die Kronen herausgeschnitten. Dem allabendlichen Treff tat dies keinen Abbruch.

dpa

Quelle: op-online.de

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