Lichtstrahl der 46.872 Päckchen

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Ganz unten. Auch diese Großfamilie, die in einem Bretterverschlag direkt neben Eisenbahntrassen haust, bekam Besuch aus Deutschland. Die Lage der Kinder hier ist so extrem schlecht, dass auch langjährige Mitfahrer geschockt waren.

Offenbach ‐ 46.872 Päckchen, elf Lastzüge, zwei Busse, 70 ehrenamtliche Helfer und 3000 Kilometer staubige Straßenkilometer. Der Konvoi der Aktion „Weihnachtspäckchen für Kinder in Not“ hat auch in diesem Jahr sein Ziel Rumänien erreicht und ist nach seinem siebentägigen Einsatz zurückgekehrt. Von Martina Kessler und Martin Schneider

Kinder aus ganz Deutschland hatten die kleinen Lichtstrahlen für 46.000 Altersgenossen in dem osteuropäischen Land gesammelt. Die Organisationen „Round Table Deutschland“, „Lady Circle“ und die „Kinderzukunft Rudolf-Walther-Stiftung“ übernahmen Organisation und Transport. Mit dabei waren in diesem Jahr auch 3000 Päckchen aus Offenbach und der Region.

Das kleine Mädchen in einer rumänischen Kinderklinik freut sich über Geschenke von Kindern aus Deutschland.

Es ist der erste Samstag im Dezember, genauer gesagt der 5. 12., als die Motoren in Gründau-Lieblos anspringen. Die Aktion lief bundesweit und aus ganz Deutschland kommen nun die Fahrzeuge zu diesem zentralen Treffpunkt. Bereits 24 Stunden später haben wir alle wohlbehalten das Kinderdorf der Rudolf-Walther-Stiftung im rumänischen Timisoara erreicht. Es gibt Abendessen, und dann heißt es ab in die Betten, die die Kinder für uns geräumt haben. Schon am nächsten Morgen starten die Touren ins Inland.

Unsere Fahrt führt uns mit 16 Helfern in das 200 Kilometer entfernte Petrosani, einen Ort mit 36.000 Einwohnern am Rande der Karpaten, gegründet im Jahr 1768. Für diese Strecke haben wir mit unseren drei Lastwagen fünf Stunden gebraucht. Die Infrastruktur in Rumänien lässt noch zu wünschen übrig.

Die Geschichte von Petrosani hat ihren Ursprung in den 140 Kohleminen, die es einst in der Gegend gab. Lediglich drei davon sind heute noch in Betrieb. Das hat Auswirkungen. Das Gebiet ist mit Sicherheit eine der ärmsten Gegenden, die wir jemals in Europa gesehen haben. Das kalte, regnerische Wetter sowie das Grau in Grau der Wohnsilos und Bretterbuden verstärken die Wirkung der brachliegenden Industrie.

Besuch ist eine kalte Dusche

Angekommen bei der Caritas vor Ort, laden wir erstmal unsere Lastwagen aus. Vorgesehen für Petrosani: 12.000 Päckchen sowie 75 Schulbänke, 140 Schulstühle und fünf Kindergitterbetten für das örtliche Krankenhaus. Die Schulausstattung geht direkt an eine Grundschule, wo man sich sichtlich freut, die maroden Bänke und Stühle auszutauschen. Abgegeben wurden Tische und Stühle von der Grundschule am Urselbach in Oberursel.

Es wird deutlich mehr getan für Schulen, Sozialeinrichtungen und Heime. Trotzdem sind die Verhältnisse vergleichsweise ärmlich. Umso größer ist die Freude über die Geschenke.

Abends liefern wir die Krankenhausbetten (gespendet von der Uniklinik Frankfurt) im Hospital ab, zusammen mit 80 Päckchen für die Kinderklinik. Für einige von uns, besonders für diejenigen, die das erste Mal mitfahren, ist der Besuch eine kalte Dusche. Der Standard im Kindertrakt ist einigermaßen akzeptabel. Anders der Eindruck im Operationsbereich: Die OP-Tische wirken keinesfalls vertrauenserweckend. Sie können nicht verstellt werden, und die Beleuchtung funktioniert nur vereinzelt. Ist das Rote da Rost? Der Blick in die Augen unserer deutschen Begleiter sagt uns, dass wir alle glücklich sind, dass wir uns hier wohl niemals operieren lassen müssen. Für das Hospital gab es wohl ein Sanierungskonzept - bisher aber ohne großen Erfolg. Die Kleinen der Kinderstation freuen sich jedenfalls nach anfänglicher Zurückhaltung sehr über die Geschenke. Ein langer Tag erreicht sein ersehntes Ende.

Inoffiziell 70 Prozent Arbeitslose

Der nächste Tag beginnt genauso trüb und nasskalt wie der letzte aufgehört hat. Wir teilen uns in mehrere Gruppen auf, um möglichst viele Kinder zu erreichen. Unser Team muss Päckchen an Familien verteilen, die auf der untersten Stufe angekommen sind. Früher arbeiteten 60 Prozent der Bevölkerung in den heute fast ausnahmslos geschlossenen Minen. Laut Auskunft der Caritas liegt die offizielle Arbeitslosigkeit in Petrosani bei 25 Prozent, inoffiziell bei 70. Staatliche Arbeitslosenunterstützung gibt es nur in den ersten zwei Jahren nach Eintritt der Arbeitslosigkeit, danach nichts mehr.

Die Freude der beschenkten Kinder macht auch die Helfer glücklich.

Hauptziel der Hilfsorganisationen ist es, den Kindern Bildung zu ermöglichen. Wissen ist die einzige Chance, aus dem Elend herauszukommen. Langjährige Teilnehmer des Konvois sind auf die Zustände in den Familien und den Wohnungen vorbereitet. Nicht vorbereitet sind sie auf eine Familie, die wir in einem Bretterverschlag an einer Eisenbahntrasse besuchen. Ein Zimmer, neun bis zehn Kinder, alles feucht. Die Kinder haben, auch für Laien hörbar, ausnahmslos Atemwegserkrankungen. Sanitäre Anlagen? Heute sind wir uns nicht sicher, ob wir den Mut besessen hätten, uns diese anzuschauen, wenn es sie denn überhaupt gegeben hat.

Uns berührt diese Familie sehr. Die Kinder sind angenehm, zurückhaltend, höflich und nett. Zögernd nehmen sie die Päckchen, packen sie aus – wie einen Schatz. Was sie finden, wird still untersucht: Was kann man damit machen? Was hast du bekommen? Wie schmeckt Schokolade, und wozu sind die Zahnbürsten gedacht? Oh, Papier zum Malen! Stunden könnten wir uns hier aufhalten. Wir werden später zu dieser Familie zurückkehren und unseren Proviant dort lassen.

Insgesamt hat sich die Situation gebessert

Die Tage in Petrosani gehen zu schnell vorbei. Vielen Kinder machen wir mit den Geschenken eine Freude. Wir besuchen Schulen, Kindergärten, ein Behindertenheim und Familien. Die Kinder freuen sich besonders über Kuscheltiere, Süßes, Malsachen, Autos, Puppen, aber auch über Zahnbürsten, Mützen und Schals.

Es gibt auch Positives zu berichten. Insgesamt hat sich die Situation für Kinder in Rumänien gebessert. Auch die Schulen profitieren. Immer mehr Häuser werden saniert. Die Zahl sozialer Einrichtungen hat zugenommen. Die rumänischen Politiker haben zum Teil verstanden, dass Bildung die einzige Chance ist, um junge Menschen aus dem Gefängnis der Armut zu befreien. Es gibt weniger Straßenkinder.

Posieren vor schwerem Transportgerät: Helfer von „Round Table Deutschland“, „Lady Circle“, „Kinderzukunft Rudolf-Walther-Stiftung“ und Elternbeirat Offenbach.

Vieles jedoch läuft unkoordiniert nebeneinander her. Da wird eine hochmoderne Heizungsanlage für eine Schule angeschafft, wo weiterhin faustgroße Löcher im maroden Mauerwerk klaffen. Kleinste Ausbesserungsarbeiten - etwa einen lockeren Wasserhahn zu befestigen - bleiben unerledigt. Der staatliche Wohnungsbau aber kommt voran. Schulbusse bringen Kinder vom Land in die Schulen. Es gibt mittlerweile hier und da eine recht wohlhabende Schicht. Die Veränderungen sind sichtbar, aber auch die Kluft zwischen Arm und Reich. Und sie wird breiter.

Die Antwort der Vertreterin der Caritas in Petrosani auf die Frage, was sie sich denn von der Wunschfee wünschen würde, macht deutlich: Auch an der Haltung der Rumänen muss sich etwas ändern. Der Kommunismus hat viele Menschen so geprägt, dass sie nur schwerfällig selbst aktiv werden, wenn es darum geht Missstände und Schäden zu beheben. Außerdem sehen sich viele als Einzelkämpfer. Der rumänische Staat muss ferner ein besseres steuerliches Abgabensystem schaffen, um soziale Missstände zu lindern.

Was bleibt nach so einer Fahrt? Man kann nicht jedes Kind der Welt retten, zumal wir auch in Deutschland Zeugen einer immer größer werdenden Verarmung werden. Aber man kann versuchen, zumindest stellenweise Leid zu lindern.

Quelle: op-online.de

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