Liebe zur Lyrik

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Wie wunderschön und poetisch Englisch sein kann, zeigte Leo DiCaprio in „Romeo and Juliet“.

Gedichte? Da stellen sich doch der überwiegenden Mehrheit der Bevölkerung die Nackenhaare auf. Elitäre Sprache und „Foltermittel“ wie Metrum oder Kadenz – das ist doch nur abgehobenes Zeug. Stimmt‘s? Falsch! Von Veronika Szeherova

Sind Gedichte von irgendwelchen gelangweilten Intellektuellen vor Hunderten von Jahren ausgedacht wurden, nur um uns heutige Jugend damit zu quälen? Falsch! „Nichts kann Gefühle schöner ausdrücken als ein Gedicht“, schwärmt Daniela Eckert. Mit dieser Meinung steht die 27-jährige Studentin der Amerikanistik nicht allein da. „Wann und wo es ihr passt“ schreibt sie gern Poesie, am liebsten in englischer Sprache. 20 ihrer Kommilitonen empfinden es ähnlich: Sie alle lasen vor einer Woche im Campus Westend an der Frankfurter Goethe-Universität selbst geschriebene Lyrik vor.

„Poetic Voices“ nennt sich die ungewöhnliche Reihe, die vor zwei Jahren am Institut für England- und Amerikastudien ins Leben gerufen wurde und nun das dritte Mal stattfand. Ob Freundschaft, Liebe, Verlust, Erotik, Puritaner oder ein viel zu langer Flug – die jungen Poeten sprudeln nur so über vor Einfällen. Doch die Veranstaltung ist nicht einfach ein schnödes Vorlesen von Gedichten: Selbstgemachte Musik lockert das Ganze auf, ob gesungen, mit der Gitarre oder britisch-stilecht mit dem Dudelsack. Es ist eine Art Liebeserklärung an die englische Sprache.

Im Grunde war es eine Studenten-Schnapsidee

Auch Frankfurter Studenten lieben und schreiben englische Lyrik.

Alles begann als ganz normaler sprachpraktischer Uni-Kurs. „Writing“, Schreibübungen für Englisch-Studenten. Als es ans schwierige Thema „poetry“ ging, waren die Dozenten erstaunt über die tollen Ergebnisse. Deshalb veröffentlichten sie zunächst eine Anthologie der besten Werke. „Irgendwie fanden wir es schade, die Gedichte nur zu drucken, und fanden, man müsste sie irgendwie öffentlich präsentieren“, erzählt Daniela. „Im Grunde war es eine Studenten-Schnapsidee.“ Und zwar eine erfolgreiche: Das Publikum war begeistert, die Reihe hat sich fest etabliert.

Das erste Mal wurde „Poetic Voices“ von der institutseigenen „Chaincourt Theatre Company“ organisiert, danach von den Studis selbst. „Die Orga dauert fast ein halbes Jahr“, so Daniela, die diesmal zuständig war. Doch welche Stücke vorgetragen werden, wählen nach wie vor die Lehrkräfte aus.

Inspiriert von Worten und Bildern

Wie gehen die Nachwuchs-Poeten eigentlich beim Schreiben vor? Viele haben immer ein kleines Büchlein zum Reinkritzeln dabei. „Manchmal sind es ganze Gedichte, manchmal nur kurze Zeilen und manchmal nur tolle Worte, die ich irgendwo gelesen habe“, so Daniela. Der Offenbacher Kai Heilmann und seine Kommilitonin Janna Regenauer lassen sich gern von Musikstücken, Worten oder Bildern inspirieren, die sie irgendwo aufgeschnappt haben. Und sie schwören auf gemeinsames Brainstorming: „Es hilft, wenn man sich ein Ziel setzt und die Erwartungen an ein Gedicht zusammen bespricht“, sagt Janna, die erst vor einem halben Jahr mit dem Schreiben von Lyrik begonnen hat.

Kai schreibt seit seinem 14. Lebensjahr. Nach einer Pause hat ein Seminar über den amerikanischen Poeten Robert Duncan dem Lehramts-Studenten neuen Anschub gegeben. Denn in einem sind sich alle einig: Es geht nichts über einen guten Mentor, der es vermag, verborgene Gefühle herauszulocken. Das scheint den Englisch-Dozenten der Uni Frankfurt zu gelingen...

Quelle: op-online.de

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