Lieben in Frankfurt

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Die Historikerin Silke Wustmann hat das Liebesleben der Frankfurter in den vergangenen 1200 Jahren unter die Lupe genommen. Ihr Fazit: Die Menschen waren zu allen Zeiten ähnlich emotional gepolt, aber früher waren sie eher bereit, für eine gute Beziehung zu kämpfen, statt vorschnell aufzugeben und den Partner zu wechseln.

Frankfurt - Sie ist eine Zeitreisende durch die Geschichte der Liebe. Rund 1200 Jahre decken ihre Recherchen über „Paar-Dramen“ ab. Im Stadtarchiv hat sich Silke Wustmann über alte Dokumente gebeugt und zahllose Bücher durchgearbeitet. Ihre Bilanz: Eigentlich sind wir immer noch die Gleichen. Von Michael Eschenauer

Silke Wustmann ist eine Expertin auf dem Fachgebiet „Eine Liebe in Frankfurt“. Die Historikerin veranstaltet seit zwölf Jahren Stadtführungen zu den verschiedensten lokalgeschichtlichen Themen. 25 sind es mittlerweile. „Dabei bin ich immer wieder auf Liebesbeziehungen gestoßen.“ Im Wustmannschen Computer sammelte sich unter „liebe.doc“ der Grundstock für ein Buch und eine Doppel-CD an. Beides trägt den Titel „Frankfurter Liebespaare - Romantisches und Tragisches aus 1200 Jahren“.

Insgesamt 33 Lovestories hat die 43-Jährige im Laufe der Jahre recherchiert. Man ist überrascht, wie stark das emotionale Leben vieler prominenter historischer Persönlichkeiten zeitweise oder permanent mit dem Namen Frankfurts verknüpft war.

Wie liebten die Frankfurter - von den längst versunkenen Zeiten eines Karl des Großen bis zu Erich Fromm und Frieda Reichmann. Was für Liebesschicksale und Ausprägungen dieses Gefühls kommen zum Vorschein, wenn man den Staub der Jahrhunderte zur Seite bläst? Mit welchen Drangsalen hatten die Liebenden zu ringen? Und nicht zuletzt: Kann man etwas lernen aus 1200 Jahren Liebe in Frankfurt?

Der Anker an der guten Seite des Ufers

„Ich habe dich geheiratet, um dich in Gott und nach dem Bedürfnis meines Herzens zu lieben. Und um in der fremden Welt eine Stelle für mein Herz zu haben, die all ihre dürren Winde nicht erkälten und an der ich die heimatliche Wärme des Kaminfeuers finde, an das ich mich dränge, wenn mich draußen friert. Nicht aber, um eine Gesellschaftsfrau für andere zu haben. Und ich will dein Kaminchen hegen und pflegen und Holz zulegen und pusten und schützen und schirmen gegen alles Böse und Fremde, denn es gibt nichts, was mir nächst Gottes Barmherzigkeit teurer, lieber und notwendiger ist als deine Liebe.“ „Du bist der Anker an der guten Seite des Ufers. Reißt der, so sei Gott meiner armen Seele gnädig.“

Auszüge aus zwei Briefen, die Reichskanzler Bismarck an seine Frau Johanna schrieb.

Diese Fragen stellt die oft bindungsunfähige und zugleich nach der „Liebe des Lebens“ lechzende Jugend. Und dann sagt Silke Wustmann etwas Altmodisches. Etwas, das zu der jugendlichen Historikerin gar nicht zu passen scheint: „Heute kommt mir die Liebe im Vergleich zu früheren Zeiten vielleicht sogar schwieriger vor.“ Früher hätten die Liebenden mit starren gesellschaftlichen Strukturen mannigfaltiger Art zu kämpfen gehabt. Aber feste Wände könnten auch stützen. „Früher wurde man verheiratet, und das hatte man dann so hinzu nehmen. Eine Trennung war in der Regel fast undenkbar, und so gewöhnten sich die Leute daran, an ihrer Ehe zu arbeiten, sich zu arrangieren, das Beste daraus zu machen.“ Heute, so Wustmann, sei das anders. „Die Leute werfen die Flinte zu schnell ins Korn“, klagt sie. Es herrsche zwar die totale Freiheit, aber wenn der erste Glanz im Alltag abgewetzt sei, stellten die Beteiligten oft frustriert fest, dass es das wohl nicht gewesen sein könne, und suchten nach der nächsten Liebe fürs Leben. „Heute löst man keine Probleme oder hält Konflikte durch, man wechselt einfach den Partner.“

Wohlan, so bin ich deiner los

„Wohlan, so bin ich deiner los, du freches, lüderliches Weib! Fluch über deinen sündenvollen Schoß, Fluch über deinen feilen, geilen Leib, Fluch über deine lüderlichen Brüste ... Mein Gott, mein Gott, er will sich mein erbarmen. Mein Herr hat mich befreit aus deinen Armen, wohin dein Gott, der Satan, mich hat geführt. Du drohst, du elend Weib, dich zu ermorden? Oh könntest du‘s, es stürb dein ganzer Orden. Doch spar‘ die Mühe nur, denn du bist längstens tot. Längst faulst du in dir selbst in Sünd‘ und Lügenkot. Schneidst du den Hals dir ab und springst du in die Spree? - Du findest nie ein Grab: Die Spreu schwimmt in der Höh‘.“

Clemens Brentano in einem Hass-Gedicht über seine ehemalige Ehefrau Auguste Bußmann nach der Scheidung im Jahre 1814. Vorangegangen war ein mehrjähriger nervenzermürbender Rosenkrieg, bei dem Auguste immer wieder Selbstmordversuche inszenierte. Auguste Bußmann ertränkte sich im Jahre 1832 im Main bei Frankfurt.

Insgesamt habe sich seit Karl dem Großen im Vergleich zu heute wenig geändert. Er und seine Gattin Fastroda, von deren Todeslager der Herrscher fast nicht mehr wegzubringen war, bilden den Anfang des Streifzugs. Man brauche sich, so Wustmann, nur anzuschauen, mit wie viel Augenrollen auch heute noch das Verhältnis einer reiferen Frau mit einem jüngeren Partner registriert werde. Das sei in früheren Zeiten nicht anders gewesen. Zum Beispiel bei der innigen Beziehung zwischen Goethes Mutter Catharina Elisabeth und dem jungen Schauspieler Karl Friedrich Ferdinand Unzelmann. Nichts Neues gebe es auch beim Thema emanzipierte Frauen. „Klar, man fand auch früher eine selbstständige Frau faszinierend. Geheiratet hat man aber dann doch lieber das brave Hausmütterchen, das gut kochen konnte.“ Standesunterschiede seien auch früher - besonders für höhergestellte Frauen, die einen Mann aus dem Volke liebten - ein fast unüberwindliches Hindernis gewesen. Eine Barriere, die auch heute noch, wenn auch nicht derart krass, vorhanden sei.

Eines sei sicher: „Es ist alles schon mal dagewesen.“ Aber Wustmann scheut sich dennoch, Lehren aus 1200 Jahren Frankfurter Liebesgeschichte zu ziehen. „Durch fremder Leute Erfahrungen zu lernen ist immer schwierig. Da muss man schon mal persönlich einsteigen.“

Bismarck, der Sanfte Eiserner Kanzler?

Die Liebesbriefe Otto von Bismarcks an seine Ehefrau Johanna, geborene von Puttkamer, sind der Inbegriff von Sehnsucht, Einfühlungsvermögen und Fürsorge. Die von vielen Seiten als nicht unbedingt attraktiv beschriebene, aber dafür in ihrer einnehmenden und angenehmen Art im Kreis um Bismarck sehr beliebte Frau hatte den „wilden Juncker“ mit äußerst zweifelhaftem Privatleben und zahllosen Frauengeschichten schnell für sich eingenommen. 500 Briefe, die in dieser Ehe die Seiten wechselten, sind bekannt. Sie zeugen von einer großen Achtung für die Gattin. 47 Jahre währte die Ehe. Auf seinem Sterbebett soll der verwitwete Bismarck im letzten Gebet gesagt haben „...und gib‘, dass ich meine Johanna wiederseh‘“.

Insgesamt sei es die Ausnahme, dass Liebesverhältnisse oder Ehen in Dokumenten festgehalten wurden. „Die Angelegenheit war es für die meisten Menschen nicht wert“, sagt die Forscherin. Geheiratet habe man in der Regel, weil die Familie es aus geschäftlichen Interessen für angezeigt hielt. Die Ehe diente der Familien- und Arterhaltung. „Liebe kam da zunächst nicht vor. Wenn sie sich einstellte, war es recht, wenn nicht, war es nicht so schlimm.“ Bis 1232 herrschte in Frankfurt der Heiratszwang. Das bedeutete, dass der König für seine hohen Beamten - falls diese ihn darum baten - jedes Mädchen als Gattin reklamieren konnte, ohne Mitspracherecht der Eltern. Was das Objekt des Interesses selbst von der Angelegenheit halten mochte, interessierte niemanden. Geknackt wurde das Gesetz von dem Geschäftsmann Johann von Goldstein. Der hatte auch kein Mitleid mit seiner Tochter, sondern fürchtete vielmehr, dass die hohe Mitgift vom neuen Ehemann unkontrolliert verbraten würde.

Das Buch: „Frankfurter Liebespaare“ (2. Auflage), 33 Liebesgeschichten, 196 Seiten, mit Abbildungen, B3 Verlag, Preis 16,90 Euro. Die Doppel-CD: gleicher Titel, sie umfasst zwölf Liebesgeschichten und kostet 14.90 Euro.

Alt heiratet Jung, Ewige Liebe, Hassliebe, Ehe ohne Liebe, unstandesgemäße Liebe - die Historikerin fand das alles in alten Büchern, Dokumenten oder vergilbten Briefen und rekonstruierte die Schicksale dahinter. Im Grunde blieben die Menschen immer gleich gestrickt, die Grundbedürfnisse emotionaler Art glichen sich zu allen Zeiten, sagt sie. „Wenn die Alten heute sagen, früher sei alles besser gewesen, finde ich das nur unsäglich.“

Weitere historische Eintragungen:

Bis nach Offenbach

Johann Conrad Friederich, war womöglich ein noch größerer Schwerenöter als Goethe. Geboren am 5. Dezember 1789, betörte er, kaum älter als 7 Jahre, das Nähmädchen der Familie derart, dass sie seine Hände unter ihrem Brusttuch wärmte „und auch sonst allerlei mit mir vornahm“. Nach zahllosen Liebeshändeln und einer elterlichen Verbannung nach Offenbach zwecks Disziplinierung, trieb er es mit der Frau eines Hofbeamten so dreist, dass ein Duell nur knapp vermieden wurde. Er schlug die Offizierslaufbahn in der Napoleonischen Armee ein. Aber ob in Italien, Frankreich oder Spanien immer flogen ihm die Frauenherzen zu. Als Skandalautor musste er schließlich Frankfurt verlassen. Er starb einsam und verarmt am 1. Mai 1858 in Le Havre.

Theorie und Praxis:

Eigentlich konnte es nicht gut gehen. Bei dem Psychoanalytiker Erich Fromm („Die Kunst des Liebens“) und Frieda Reichmann handelte es sich um ein Paar, dessen Hälften sich darauf spezialisiert hatten, haarklein jede Gemütsregung zu sezieren und nach Hintergründen zu forschen. Fatal für ihre Ehe: Sie taten das auch bei sich selbst. So deutete die Psychoanalytikerin und Psychotherapeutin Frieda eine Mandelentzündung vor der Hochzeit als Zeichen unbewussten körperlichen Widerstands. Als der Gatte 1931 an Tuberkulose erkrankte, glaubte sich das Paar mit einer Reaktion auf Eheprobleme und dem unterschwelligen Wunsch nach Distanz konfrontiert. Man trennte sich in Freundschaft. Fromm heiratete noch zweimal, Frieda Reichmann nie mehr.

Liebe und Tragik:

Liebe und Tragik Die ältesten Liebesbriefe in Wustmanns Besitz stammen aus dem Jahre 1598 und bilden den Auftakt zur Ehe von Johann Adolf von Glauburg und Ursula Freher. Der wohlhabende 41-jährige Witwer mit sieben Kindern hatte Vermittler und Eheanbahner bei der Suche nach einer Gattin eingeschaltet. Die 17-jährige Ursula muss eine humorvolle, offene und selbstbewusste Frau gewesen sein. Ihre Briefe sind von herzlicher Zuneigung und jungmädchenhafter Verliebtheit geprägt. 600 Namen umfasste die Gästeliste der vier Tage dauernden Hochzeit. Das Ehepaar lebte in der Junghofstraße. Ursula gebar ihrem Mann fünf Kinder. Sie starb, 29 Jahre alt, am 11. September 1610 im Kindbett. Ehemann Johann überlebte sie nur um ein Jahr und wurde neben ihr beerdigt.

Quelle: op-online.de

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