Die Lüge von der Notlage

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Ein Plakat in einer Bank in Düsseldorf warnt vor „falschen Enkeln“.

Wiesbaden - „Hallo Omi, rate mal, wer dran ist?“ - Was wie eine nette Begrüßung am Telefon klingt, ist häufig der erste Schritt einer fiesen Betrugsmasche. Mit diesem sogenannten Enkeltrick wollen Betrüger ihren Opfern ans Ersparte - und schaffen es auch immer öfter. Von Felix Frieler

„Die Täter nutzen die Hilfsbereitschaft der Senioren aus“, erklärt Josef Michael Rösch vom Polizeipräsidium Südosthessen. Am Anfang stehe meist ein Anruf: „Am Telefon geben sich die Täter als Enkel oder Enkelin aus und heucheln eine Notlage. Sie müssten sich ganz dringend Geld leihen“, sagt Rösch. Er habe schon Fälle erlebt, in denen über 70.000 Euro abgehoben worden seien und wenn die Bank nicht aufmerksam ist, sei es meistens zu spät.

„Wir versuchen deshalb die Banken und Sparkassen zu sensibilisieren: Wenn sich eine ältere Dame, die sonst immer nur 100 Euro abhebt, auf einmal einen fünfstelligen Betrag von ihrem Konto auszahlen lassen will, sollte jeder Bankangestellte zumindest höflich nachfragen, was es damit auf sich hat“, fordert Rösch.

Trick mit russischem Akzent

Eine weitere Variante des Enkeltricks: der sogenannte Schockanruf. Vor allem im Raum Marburg suchen sich Täter dafür gezielt Opfer aus, die aus den ehemaligen Sowjetstaaten stammen. Die Masche: Der Täter droht am Telefon auf Russisch, dass einem Familienangehörigen im Ausland eine lange Gefängnisstrafe bevorsteht oder eine lebensnotwendige Operation nicht durchgeführt werden kann, wenn das Opfer nicht zahlt.

„Die Betrüger sind bei ihren Lügen sehr erfindungsreich“, sagt Martin Ahlich von der Polizei Marburg. Erst in der vergangenen Woche erbeuteten dort Betrüger mehrere Tausend Euro von einer 60-Jährigen kasachischer Herkunft. Die Täter hatten behauptet, ihr Sohn habe bei einem Unfall in seiner Heimat ein junges Mädchen schwer verletzt und müsse ins Gefängnis, wenn die Mutter nicht sofort Entschädigung zahle. Nur knapp 20 Minuten nach dem Telefonat holte ein angeblicher Bruder des vermeintlichen Unfallopfers das Geld bei der verängstigten Frau ab.

Landeskiminalamt Hessen rechnet mit steigenden Zahlen

511 Fälle von Enkeltrick-Betrug wurden 2009 in Hessen registriert, für 2012 rechnet das Landeskriminalamt (LKA) Hessen mit steigenden Zahlen. Die tatsächliche Anzahl der Betrugsfälle liegt laut LKA-Sprecher Michael Bühler vermutlich noch weit darüber. „Die Dunkelziffer ist hoch, weil viele Opfer sich schämen und nicht zur Polizei gehen“, erklärt der Experte.

Nicht immer stellen sich die Betrüger geschickt genug an, um erfolgreich zu sein. Bisweilen kommt Pech hinzu, wie bei einem 22-Jährigen, der vom Friedberger Amtsgericht am Dienstag wegen besonders schweren Betruges zu eineinhalb Jahren Haft verurteilt wurde. Er stand als angeblicher Kurier bei einer Frau in Butzbach vor der Tür, um mehrere tausend Euro abzuholen. Der 52-Jährigen war zuvor am Telefon eine Lügengeschichte präsentiert worden, wonach ihr Sohn angeblich ein Kind verletzt habe und für die Behandlung sofort 16.000 Euro benötige. Die Frau erklärte sich bereit, 4500 Euro davon zu zahlen. Die Geldübergabe scheiterte aber am Misstrauen eines Bekannten der Frau - und weil auch der echte Sohn hinzukam.

Mit älter werdenden Gesellschaft wächst Kreativität der Kriminellen

Dieser Trick gehört schon zur Betrugsroutine. Aber mit der älter werdenden Gesellschaft wächst auch die Kreativität der Kriminellen. „Es gibt inzwischen unzählige Betrugs- und Diebstahlmaschen, die speziell auf Senioren zielen“, sagt Rösch. Oft versuchten Täter, in die Wohnungen ihrer Opfer zu gelangen.

Beim Glas-Wasser-Trick wird ein Schwindelanfall vorgetäuscht, beim Zetteltrick fragen die Täter nach Schreibzeug, beim Blumentrick will ein vermeintlicher Kurier einen großen Blumenstrauß für die Nachbarn in der Wohnung deponieren - wenn die Tür einmal offensteht, räumen Komplizen oder der Lockvogel selbst die Wohnung aus.

Damen zahlen aus Scham

Bei einer besonders perfiden Strategie durchkämmen Betrüger die Todesanzeigen und rufen anschließend bei den Witwen an. „Die erzählen dann etwas von Rechnungen für Erotikmagazine des Ehemannes und fordern hohe Rechnungsbeträge. Oft zahlen gerade dann ältere Damen vor allem aus Scham, weil sie die Sache schnell vom Tisch haben wollen“, warnt Rösch.

In Offenbach setzen sich rüstige Senioren jetzt gegen die Trickbetrüger zur Wehr. Immer mehr Rentner lassen sich dort von der Polizei zu Sicherheitstrainern für Senioren ausbilden. Inzwischen sind laut Offenbacher Polizei 42 Berater im Einsatz.

dpa

Quelle: op-online.de

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