Schätze unter der Abflughalle

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Während im Terminal Hektik herrscht, geht es nur wenige Meter weiter unten ruhiger zu. Dort wacht Hector Cabezas über ein spannendes Luftfahrt-Archiv. Ein Paradies für jeden Luftfahrtfan ist das Archiv, das Hector Cabezas betreut. Dort kann man stundenlang stöbern.

Frankfurt - Gedankenversunken sitzt Hector Cabezas auf einem Stuhl, in der Hand ein etwa 30 Zentimeter langes Modellflugzeug. Behutsam dreht er es, beinahe so, als befürchte er, es könne kaputt gehen. Von Lena Marie Jörger 

Das Flugzeug ist eines der Schätze, die Cabezas in seiner „Schatzkammer“, dem Airline-Archiv unterm Frankfurter Flughafen, hütet. Für ihn ist jedes Teil wertvoll. „Das sind Erinnerungen“, sagt der 79-Jährige. Fast sein ganzes Leben lang sammelt er Dinge, die einen mehr oder weniger starken Bezug zur Luftfahrt haben: Flugpläne, Gepäckanhänger, Uniformen, Pilotenabzeichen, Mousepads, Tassen, Streichholzpäckchen, Seifen und Schallplatten mit Logos von Fluggesellschaften und Hunderttausende Fotos von Flugzeugen. „Ich sammle alles“, gibt Cabezas zu und rückt seine Brille zurecht.

Vorsichtig stellt er das Flugzeug zurück in das Regal, schiebt es in eine Lücke zwischen zwei anderen Modellen. „Aus diesem Raum hier“, er deutet mit ausladender Geste über die grauen Betonwände, „will ich einen Schauraum machen.“ Neben dem Regal warten zwei Glasvitrinen darauf, gefüllt zu werden. Modelle hat Cabezas jedenfalls genug: „Über 500!“

Sammel-Leidenschaft und Ausstellungen

Die Leidenschaft für Minitatur-Flieger und das Sammeln begannen schon früh: „Als ich klein war, habe ich Modellflugzeuge, Briefmarken und Münzen gehortet“, erzählt Cabezas mit unüberhörbarem Akzent. Er wurde in Argentinien geboren. Mit 17 macht er dort die Pilotenausbildung. In einer Ecke des Archivs hängt noch heute ein Schwarz-Weiß-Foto, das einen jungen, verschmitzt grinsenden Mann mit weißer Fliegermütze und -brille zeigt – beides noch heute Teil der Sammlung. „Damals durfte ich aber noch nicht allein fliegen.“ Cabezas lacht. „Ein Auto hätten sie mich steuern lassen, aber kein Flugzeug.“ Erst ein Jahr später darf Cabezas ganz alleine abheben.

1958 verlässt er zusammen mit seinem Vater, einem Schiffbau-Ingenieur, die Heimat. Seine bis dato weiteste Reise führt ihn nach Europa. Zehn Jahre lang arbeitet er als Frachtpilot in den Niederlanden, bis er wegen der Gesundheit aufhören muss. Doch der Welt der Luftfahrt kann er nicht den Rücken kehren, zieht nach Frankfurt und wechselt ins Management verschiedener Airlines. Fast 26 Jahre lang arbeitet er für die Aeroflot. Mit 67 geht er in Rente, „in Pseudo-Rente“, wie er es nennt.

Nichtstun ist nicht sein Ding. Jeden Tag verbringt er Stunden im Archiv, sichtet, sortiert und bereitet Ausstellungen vor. Immer mit dabei: Ehefrau Paula. Die 66-Jährige, ebenfalls Argentinierin, teilt die Sammelleidenschaft ihres Mannes – zumindest versteht sie sie. Und sie hält Ordnung. „Paula ist die Spezialistin, sie hat alles geordnet“, kommentiert Cabezas. „Was mache ich nur ohne meine Frau?“

Archiv füllt sieben Räume im Keller

Auf seinen Gehstock gestützt geht Cabezas durch das Archiv, das mittlerweile sieben Räume im Keller füllt. 1984 stellte Fraport sie ihm zur Verfügung. Bis auf den neuesten Raum, in dem er seine Modelle ausstellen will, ist an den übrigen Wänden fast keine freie Stelle mehr zu sehen. Überall bunte Aufkleber, Plakate, Schaustücke. Und Fotos. Eines zeigt Hollywood-Größe und Hobbypilot John Travolta, der Cabezas einst im Airline-Archiv besuchte. Andere zeigen Cabezas selbst. „Jesus Christo!“, entfährt es ihm, als er aufzuzählen versucht, wo auf der Welt er schon überall war. Über seinem Kopf schweben meterlange Flugzeugmodelle. Und noch etwas hängt in der Luft: ein leicht muffiger Geruch, der verrät, wie alt einige Gegenstände sind.

Doch Cabezas hat über die Jahre nicht nur Materielles angesammelt, sondern auch Wissen. Er kennt Geschichte und Fakten zu unzähligen Airlines, Flugzeugtypen und Flughäfen. Immer wieder kommen Autoren vorbei, um für Fachbücher zu recherchieren. Auch diese Werke hat er archiviert.

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Cabezas geht zu einem Regal, das sich über fast die gesamte Länge des Raums erstreckt. Darin: Graue Boxen, vollgepackt mit auf Pappkartons aufgeklebten Abzeichen, teilweise von Fluglinien, die es schon lange nicht mehr gibt. Die Abzeichen stammen von Flugbegleitern und Piloten, manche freiwillig hergegeben, andere von Cabezas in seiner liebenswerten Art abgeschwatzt. So wie das, was Schauspieler Mel Gibson im Film „Air America“ trug. „Ich habe ihn einfach angeschrieben und es bekommen.“ Cabezas grinst, er gefällt sich in seiner Rolle als etwas kauziger Sammler. Schließlich hat sie ihm auch schon Ruhm eingebracht: 1992 schaffte es ein Teil seiner Sammlung ins Guiness-Buch der Rekorde. Rekordverdächtig auch: die Anzahl an Uniformen von Piloten und Stewardessen, die dem Archiv gehören. Nur eine kleine Auswahl davon hat Hector Schaufensterpuppen angezogen. Der Rest lagert in großen, weißen Pappkartons.

Das Archiv kann nach Anmeldung besichtigt werden (Tel.: 069 /70965, Email: hector.cabezas@flughafen-frankfurt.de)

Wie viele Einzelteile Cabezas besitzt, weiß er nicht. Irgendwann hat er aufgehört zu zählen. „Ich brauche drei Leben, um das alles durchzusehen und zu ordnen.“ Das Archiv ist sein Leben, sein Lebenswerk. Daran, dass er eines Tages mit dem Sammeln aufhören muss, will er nicht denken. „In Rente gehe ich vielleicht mit 110 oder 120.“

Quelle: op-online.de

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