Ehrgeizige Gewinnziele

Lufthansa im Sinkflug

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Frankfurt - Die Aktie der Lufthansa ist gestern abgestürzt, nachdem die Fluggesellschaft ihre Gewinnziele drastisch zusammengestrichen hatte. Sie waren möglicherweise von vornherein zu ehrgeizig.

Noch auf der Hauptversammlung Ende April hatte der scheidende Chef Christoph Franz die Zukunft der Lufthansa in leuchtenden Farben gemalt. Die Trendwende sei trotz Mini-Ergebnis geschafft, in den nächsten Jahren würden die Gewinne sprudeln, wenn man nur auf dem von ihm eingeschlagenen Kurs der ständigen Veränderung weiterfliege. Nach nur sechs Wochen im Amt hat der neue Lufthansa-Boss Carsten Spohr die ehrgeizigen Ziele seines in die Schweiz gewechselten Vorgängers kassiert und die Gewinnerwartungen für 2014 und 2015 um bis zu ein Drittel gekappt. Die Anleger reagierten geschockt und schickten den Kurs der Kranich-Aktie in den Sinkflug.

Die Lufthansa-Finanzchefin Simone Menne wählte dramatische Worte, um die Gründe für die herbe Enttäuschung zu beschreiben. Es handele sich um eine strukturelle Krise, ausgelöst von den expansiven, staatlich gestützten Golf-Gesellschaften und den Billigfliegern, die in Europa immer neue Punkt-zu-Punkt-Verbindungen anböten. Die Überkapazitäten drückten auf die Preise in den Lufthansa-Kernmärkten Europa und Amerika.

Gewinneinbruch von 650 Millionen Euro

Das einzige Problem: Das ist alles nicht wirklich neu oder gar überraschend. Skeptisch fragten Anlageexperten, wie damit ein Gewinneinbruch von 650 Millionen Euro im kommenden Jahr begründet werden kann. Die Antwort geben sie selbst hinter kaum noch vorgehaltener Hand: Spohr habe die allzu ehrgeizigen Ziele seines Vorgängers bei der ersten Gelegenheit einkassiert und Lufthansa auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt. „Die Ziele waren in der Tat sehr hoch und nur unter günstigen Umständen zu schaffen“, sagt Metzler-Analyst Jürgen Pieper. Spohr habe die Ziele nun so gesteckt, dass er damit kein Risiko eingehe, sie zu reißen.

Gegen die dramatische Markteinschätzung der Lufthansa sprechen nach Analysteneinschätzung auch die zuletzt positiven Nachrichten aus den Reihen der direkten Lufthansa-Konkurrenz. So ist die British-Airways-Mutter IAG nach der harten Sanierung der spanischen Iberia mit einem deutlich reduzierten Verlust ins Jahr gestartet. Die defizitäre Air France KLM legt nach Medienberichten ein neues Sparprogramm auf und blickt wieder optimistischer in die Zukunft.

Die von Menne beschriebenen Probleme sind gleichwohl existent. „Tatsächlich funktioniert die Marktkonsolidierung in Europa nicht so wie in den USA, wo inzwischen nur noch wenige Gesellschaften den Markt unter sich aufteilen“, erklärt Branchen-Analyst Eric Heymann von der Deutschen Bank. Europas Pleite-Fluggesellschaften verschwinden wegen der kostbaren nationalen Landerechte nur langsam aus dem Geschäft, bestes Beispiel ist die untote Alitalia, die möglicherweise vom Golfflieger Etihad gerettet werden soll. Auch Air Berlin als Deutschlands Nummer zwei kämpft am Tropf der Araber ums Überleben. Auf der anderen Seite drängen immer neue, zunächst extrem kostengünstige Billiganbieter ohne teure Crews und mit sparsamen Jets in den engen Markt. Aktuelle Angreifer neben den Platzhirschen Ryanair und EasyJet sind Norwegian, Vueling oder Wizz. In der Folge stehen die etablierten Gesellschaften enorm unter Druck.

OP-Leser bei Lufthansa Cargo

OP-Leser bei Lufthansa Cargo

Über Spohrs Agenda ist in den vergangenen Wochen kräftig spekuliert worden, einiges ist auch schon auf den Weg gebracht. So arbeitet Lufthansa intensiv daran, eher touristisch geprägte Fernziele neu ins Programm aufzunehmen und dafür die Flieger kostendeckender umzurüsten. In den bereits abgeschriebenen Airbus A340 soll es künftig keine First Class geben, dafür aber die neu eingeführte Premium Economy als Zwischenklasse. Deutlich mehr Service wird notwendig sein, wenn Lufthansa tatsächlich als erste westliche Airline die 5-Sterne-Bewertung des Portals Skytrax erringen will. Noch wichtiger dürfte die Entwicklung der Punkt-zu-Punkt-Verkehre in Europa werden, für die eine engere Zusammenarbeit der Töchter Swiss, AUA und Brussels Airlines rund um den Nukleus Germanwings angestrebt wird.

dpa

Quelle: op-online.de

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