Maikäfer: Hilft nur noch die Chemie?

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Flotter Dreier: Maikäfer-Attacken können in kurzer Zeit ganze Wälder entlauben.

Frankfurt/Rhein-Main - Südhessens Wald droht durch Maikäfer dramatisch geschädigt zu werden. Für 2010 werde in der Region zwischen Groß-Gerau, Darmstadt und Lampertheim mit einem weiteren starken Maikäferflug gerechnet, berichteten Forstexperten gestern in Pfungstadt.

Zur Bekämpfung wird der Einsatz eines chemischen Insektizids erwogen. Im Waldboden finden sich enorm viele Larven des Käfers. Die Engerlinge haben sich seit dem letzten Flugjahr 2006 entwickelt, sie ernähren sich von Baumwurzeln und bedrohen ganze Waldbestände. Die Käfer selbst können zwar Laubbäume kahl fressen, gesunde Bäume treiben aber neu aus. In südhessischen Wäldern finden Maikäfer wegen der Bodenverhältnisse und des niedrigen Grundwasserstandes optimale Lebensbedingungen.

Steckbrief: Maikäfer

Der Waldmaikäfer gehört zur Familie der Blatthornkäfer. Die braunen Tiere kommen im Frühjahr aus der Erde und fliegen die nächstgelegenen Laubbäume an, von deren Blättern sie sich ernähren. Bei massenhaftem Käferangriff können ganze Laubwälder kahl gefressen werden. Nicht der Käfer richtet die größten Schäden an, sondern die Larve, der Engerling. Sie lebt vier Jahre lang im Boden, ernährt sich von Wurzeln und vernichtet so die Bäume von unten. Eine wirksame Bekämpfung ist unmöglich. Vielmehr wird nach Mitteln gegen die Käfer gesucht, um sie an der Vermehrung zu hindern. Etwa zwei Wochen nach der Paarung graben sich die Maikäfer-Weibchen ins Erdreich ein und legen dort bis zu 60 Eier ab, dann sterben sie. Vier bis sechs Wochen später schlüpfen aus den Eiern die Engerlinge. Vier Jahre lang fressen sie die Wurzeln von Pflanzen aller Art. Kälte und Schnee überstehen die robusten Insekten tief im Boden gut. In ihrem letzten Sommer verpuppen sie sich in einer selbst gebauten Erdhöhle und wandeln sich zum Käfer. In dieser Gestalt überwintern sie im Boden, bis die Frühlingssonne das Zeichen zum Ausfliegen gibt.

Derzeit werde untersucht, ob im nächsten Jahr vom Hubschrauber aus der Wirkstoff Dimethoat eingesetzt werden könne, sagte Horst Gossenauer-Marohn vom Landesbetrieb Hessen-Forst. Ziel sei, die Maikäfer-Population erheblich zu reduzieren und damit die Zahl der Larven deutlich zu verringern. Aus Baden-Württemberg, wo das Mittel 2007 versprüht wurde, seien für Dimethoat keine Nebenwirkungen etwa auf Fledermäuse und Vögel bekannt. Eine Entscheidung müsse Anfang 2010 fallen. Die Untersuchungsreihe koste 900 000 Euro. Dimethoat komme auch etwa im Spargelanbau zur Anwendung.
Der Naturschutzbund (Nabu) lehnt eine chemische Bekämpfung ab. Das Mittel vergifte nicht nur Maikäfer, sondern schädige auch zahlreiche andere Insekten, darunter bedrohte Schmetterlings- und Käferarten. „Es müssen die Ursachen bekämpft werden, nicht die Symptome“, sagte der hessische Nabu-Landesvorsitzende Gerhard Eppler. Ursachen seien zum Beispiel der tiefe Grundwasserstand und die Klimaerwärmung. Die Schutzgemeinschaft Deutscher Wald (SDW) dagegen meint, angesichts der schweren Bedrohung für die Wälder sollte auch ein Gifteinsatz nicht ausgeschlossen werden. Es sei zwar nicht das beste Mittel, „aber ein Aussitzen hätte fatale Folgen“, sagte SDW-Landesgeschäftsführer Christoph von Eisenhart Rothe. „Wenn nichts passiert, wird es in nur sehr wenigen Jahren eine großflächige Entwaldung zwischen Lampertheim und Frankfurt geben.“ Seit Mitte der 1980er Jahre haben sich die Maikäfer in Südhessen stark vermehrt und immer größere Flächen befallen. Nach Untersuchungen von Hessen-Forst sind inzwischen 10 000 Hektar betroffen. Auf vielen Flächen seien die Engerlingsdichten extrem hoch. Die Tiere seien sehr vital, so dass ein natürlicher Zusammenbruch der Maikäferpopulation nicht zu erwarten sei. Der Waldzustand in weiten Teilen des Rieds sei bereits instabil, jede weitere Schwächung könne zur Auflösung ganzer Waldbestände führen.

Auch eine Lösung: „Man nehme die Maikäfer, reiße ihnen Flügeldecken und Beine ab, röste ihren Körper in heißer Butter knusprig, koche sie dann mit Hühnerbrühe ab, tue etwas geschnittene Kalbsleber hinein und serviere das Ganze mit Schnittlauch und gerösteten Semmelschnitten.“ Der Naturschutzbund (Nabu) Hessen zitiert aus einem überlieferten Rezept für Maikäfer-Bouillon.

Eine Bekämpfung der Insekten ist nur alle vier Jahre während weniger Wochen möglich, wenn die Käfer fliegen. Im letzten Flugjahr 2006 waren in Südhessen auf rund 500 Hektar ein Pilzpräparat und ein biologisches Pflanzenschutzmittel ausgebracht worden, die jedoch nicht die erwünschte Wirkung hatten. In Baden-Württemberg wurde 2007 erstmals seit 30 Jahren wieder Gift gegen Maikäfer versprüht. Auf rund 2000 Hektar wurde Dimethoat eingesetzt, um die Maikäferpopulation zu reduzieren.
(dpa)

Quelle: op-online.de

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