„Mangelware“ Arzt

Eines ist schon jetzt klar: Deutschland steuert auf einen Ärztemangel zu. Laut einer Studie des Deutschen Krankenhausinstituts (DKI) können derzeit bundesweit allein in den Kliniken 5.000 Stellen nicht mehr besetzt werden. Nach einer Umfrage der Hessischen Krankenhausgesellschaft (HKG) haben 93 Prozent der Kliniken in Hessen Probleme bei der Besetzung ihrer Arztstellen. Von Siegfried J. Michel

Hochgerechnet hat die HKG, dass an den über 170 Krankenhäusern knapp 600 Mediziner fehlen. Ein Trend der sich in den nächsten Jahren verstärken wird, da die Nachfrage nach Medizinern das Angebot übersteigt.
Der Spitzenverband der Krankenkassen hat Ärzten und Krankenhäusern jüngst vorgeworfen, ihre Warnungen seien übertrieben. So gebe es mehr Krankenhausärzte als je zuvor. Deren Zahl sei von 135.840 im Jahr 1998 auf 153.799 im Jahr 2008 geklettert, hieß es. Eine steigende Zahl von Ärzten und gleichzeitig ein Mangel? Bei einem Blick in verschiedene Statistiken löst sich dieser scheinbare Widerspruch auf. Auch zeigt sich, dass der jetzige und künftige Medizinermangel diverse Ursachen hat.

So wurde nach Angaben der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG) schon durch die Umsetzung der EU-Arbeitszeitrichtlinie ein zusätzlicher Bedarf von rund 27.000 Ärzten ausgelöst. Ein weiterer Grund sei, so die Bundesärztekammer in einer Analyse, dass durch neue diagnostische und therapeutische Methoden in den vergangenen Jahren „sich ein größeres Anwendungsfeld für die ärztliche Heilkunst ergibt“, was die Zahl der Ärzte und die Nachfrage nach ihnen ansteigen lässt. Ein weiterer wichtiger Knackpunkt ist der demographische Wandel - in der Bevölkerung und bei den Ärzten.

Altersstruktur gibt Anlass zur Besorgnis

So führt der steigende Anteil älterer Menschen zwangsläufig zu einer höheren Nachfrage nach medizinischen Leistungen. Lag der Anteil der Einwohner Deutschlands, die 60 Jahre oder älter sind, 1997 noch bei 21,8 Prozent, so stieg er 2007 laut dem Statistischen Bundesamt auf 25,3 Prozent. Ein Trend, der ungebremst weitergeht. Die Behörde prognostizierte, dass in den nächsten 20 Jahren mit bis zu 58 Prozent mehr Pflegebedürftigen und zwölf Prozent mehr Krankenhausbehandlungen zu rechnen ist.

Auch die Altersstruktur bei den Ärzten selbst gibt Anlass zur Besorgnis. Bis 2020 würden rund 24.000 Haus- und 28.000 Fachärzte in den Ruhestand gehen - bei derzeit insgesamt 120.000 Vertragsärzten, warnte der Chef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, Andreas Köhler, in einem Gespräch mit der Nachrichtenagentur dpa. In den Kliniken stünden 20.000 Chef- und Oberärzte vor der Pension. Die Bundesärztekammer bezifferte den altersbedingten Ersatzbedarf im Zeitraum von 2007 bis 2017 auf 18.000 Krankenhausärzte und 59.000 Vertragsärzte.

Arbeitsvolumen der Medizinerinnen oft geringer

Das große Debakel hierbei: Der Nachwuchs an Medizinern reicht nicht aus, um diese gravierenden Lücken zu füllen. Grund dafür ist, dass in den neunziger Jahren eine Ärzteschwemme befürchtet wurde. In der Folge wurden deshalb weniger Plätze im Studienfach Medizin angeboten. Jetzt aber lässt sich das Ruder nicht so rasch herumwerfen. Dazu kommt, dass von den derzeit 76.000 Medizinstudenten nicht einmal drei Viertel in den Dienst am Patienten gehen. Viele verzichten - unter anderem wegen der Debatte um Arbeitsbedingungen, Verdienstaussichten und überbordende Bürokratie auf eine ärztlich Tätigkeit. So steigen junge Mediziner dann zum Beispiel bei Krankenkassen oder in die Pharmaindustrie ein, manche gehen ins Ausland. Auch das Konkurrieren der verschiedenen Zweige des Gesundheitssystems um die „Mangelware“ Arzt verschärft das Problem.

Noch eine weitere wichtige Ursache: Immer mehr Frauen wenden sich der einstigen Männerdomäne zu. Laut der DKG ist der Anteil von Ärztinnen in Kliniken seit 1991 von gut 30 auf 40 Prozent gestiegen. Dieser Trend wird sich noch verstärken, denn schon heute, so die Bundesärztekammer, seien 63,4 Prozent der Medizinstudenten weiblich. Diese Frauen aber sind überwiegend nicht bereit, auf Familie und Kinder zu verzichten, wollen dies mit dem Beruf in Einklang bringen. Sie bevorzugen deshalb in der Regel kürzere Arbeitszeiten. Dies hat zur Folge, dass das Arbeitsvolumen der Medizinerinnen oft merklich geringer ist als das der männlichen Kollegen. Die Arbeit ist somit auf mehr Köpfe umzulegen.

Einen Nachholbedarf an familienfreundlichen Arbeitsbedingungen sieht - obwohl es schon gute Beispiele gibt - die Landesärztekammer Hessen. Es bestehe dringender Handlungsbedarf, um zu verhindern, dass „der ärztliche Nachwuchs abwandert oder der ärztliche Beruf weiter an Attraktivität verliert“. Bereits im Februar wurden deshalb in einem Schreiben alle hessischen Kliniken um die zügige Umsetzung familienfreundlicher Arbeitsbedingungen für Ärztinnen und Ärzte gebeten.

Quelle: op-online.de

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