Ein Mann mit viel Zeit

+
Michael Eschenauer

Schon drei Monate ist sie verschwunden, Frankfurts langjährige Oberbürgermeisterin Petra Roth. So mancher Empfang, so manche Grundsteinlegung finden nun ohne sie statt. Finden statt, ohne dass das neue Stadtoberhaupt auftaucht. Von Michael Eschenauer

Die Frankfurter, schwankend zwischen Verständnis und Kritik, schauen derzeit, wie es weitergeht. Die Folge:Peter Feldmann zählt zu den am intensivsten beobachteten Phänomenen in der Stadt. Was sagt er? Wo tritt er auf? Wo tritt er nicht auf? Und - die wichtigste Frage: Wofür steht dieser Sozialdemokrat, der vor 100 Tagen gewählt wurde, eigentlich?.

Was man weiß, ist überschaubar: Feldmann scheint der personifizierte Paradigmenwechsel gegenüber der glamourösen Vorgängerin. Er reserviert sich zwei Abende pro Woche für seine kleine Tochter, er besucht bei amtlichen Terminen lieber die einfachen Leute, er schafft es geschickt, seinen Namen mit dem Bau von 4 000 neuen Wohnungen für 1,4 Milliarden Euro zu verknüpfen, er tritt für die Ausweitung des Nachtflugverbots ein. Gerne dürfte es kommunalpolitisch etwas konkreter werden. Ist der Mann ein politisches Leichtgewicht oder ist er nur extrem gelassen?

Auch Petra Roth hat man einst unterschätzt

Vorsicht bei zu schnellen Urteilen. Auch Petra Roth hat man einst unterschätzt. Doch die Politikerin wuchs mit dem Amt. Für Ähnliches könnte auch Feldmann taugen. Zudem ihm der schwarz-grün dominierte Magistrat genug Spielraum lässt. Inhaltlich, das zeigt die Einigung auf Eckpunkte für den Etat 2013, ist man gar nicht weit voneinander entfernt. Die Koalition ist eingespielt. Produziert der Magistrat Erfolge, sonnt sich der Oberbürgermeister darin. Versagt die Stadtregierung, führt er unbotmäßige Stadträte vor. Gleichzeitig sind CDU und Grüne geschwächt, ringen um ihre Identität, nun, da die einigende Ikone Roth weg ist. Feldmann hingegen hat eine SPD hinter sich, die verzweifelt zurück an die Macht will. Das geht nur mit, niemals gegen ihn.

Lesen Sie zum Thema:

Petra Roth war das „Gesicht Frankfurts“

Und sein Fehlen bei vielen offiziellen Terminen? Die Sache hat zwei Seiten. Natürlich bietet der öffentliche Auftritt für ein Stadtoberhaupt Chancen, wichtige Dinge in Bewegung zu setzen. Andererseits kann sich Feldmann auch ein präsidiales, über dem schmutzigen Tagesgeschäft schwebendes Image aufbauen. Das wäre naheliegend, immerhin ist er gerade erst von vielen exakt wegen seiner demonstrativen, wenn auch etwas unscharfen Verortung auf Seiten der „kleinen Leute“ gewählt worden. Sie sind in der Stadtverordnetenversammlung und im Magistrat die Grundlage seiner Macht. Zu ihnen geht er jetzt und nicht zu den Premierengästen im Tigerpalast. Die wählen sowieso selten jemanden wie ihn.

Schafft es Peter Feldmann?

Auf seine große Rede warten wir noch. Seine bisherigen werden von Ohrenzeugen als „teilweise desolat“ bezeichnet. Sei’s drum. Schafft es Peter Feldmann, sich dauerhaft als Robin Hood der einfachen Leute zu installieren, steht er auf festem Boden. Darauf lässt sich manches bauen. Der Mann ist in der Orientierungsphase und er hat Zeit bis 2018. Man sollte ihn nicht unterschätzten.

michael.eschenauer@op-online.de

Quelle: op-online.de

Kommentare