Mary J. Blige in der Jahrhunderthalle

Die Predigt ihres Lebens

Frankfurt - Zwischendurch muss man sich immer mal die Ohren reiben und in die Permanent-Gänsehaut zwicken. Denn so was Großartiges gab es seit den besten Tagen von Aretha Franklin und Patti LaBelle nicht mehr zu erleben. Von Peter Müller

Auch wenn die Kulisse nicht gerade königlich sein mag: Mary J. Blige, die Queen of Modern Soul, singt sich in der Jahrhunderthalle fast in die Ohnmacht und ihre Fans mit jeder Minute tiefer in die Euphorie. Ein Konzert zum Niederknien - in beinahe intimer Atmosphäre.

Das verstehe, wer will. Zumal die 44-jährige New Yorkerin, die in Frankfurt mit pulsierendem HipHop-Soul der 1990-er Jahre („Just Fine“, „The One“, „You Bring Me Joy“) eröffnet, Eigenwerbung en masse betreibt: 50 Millionen verkaufte Tonträger, neun Grammys, 31 Nominierungen und die vielleicht symbolträchtigsten Songs ihrer Generation - mehr geht in 22 Karrierejahren eigentlich kaum. Nun gut, Miss Blige, mit Sommerhut, Stilettos und rückenfreiem Hosenanzug stylisch gewandet, hat ja schon üblere Sachen erlebt als nicht ausverkaufte Säle.

Wenn man so will, ist der fast bizarre Schlingerkurs ihres Lebens ohnehin das große Thema des Abends. Denn, so die Botschaft, was ihr über alles hinweghalf, war ihre Musik - und die zelebriert sie nun mit grandioser Stimme auf intensivste Art: Mary J. Blige singt nicht einfach, sie beschwört und beglaubigt, betört, appelliert, leidet und gestikuliert als predige sie gerade in der Gospelkirche ihrer Geburtsstadt Savannah/Georgia die Predigt ihres Lebens Den Sound zu diesem XL-Eröffnungsmedley gibt der Soul, abgemixt mit eben jenen Funk-, Rap- und R’n’B-Elementen, die ihr in den Neunzigern von Gurus wie Wyclef Jean, R. Kelly, Jay-Z oder Kanye West verordnet worden sind.

Vier knackig gute Musiker, drei Chordamen, eine atmosphärisch dichte Licht-Show und eben der furiose Soundtrack einer fabelhaften Karriere, das war’s. Und das ist weit mehr als genug. Zwei Alben bestimmen zunächst den zweiten Teil ihres Soul-Manifestes: „Share my World“, 1997 nach dem Knastgang ihres Mentors Puff Daddy in Eigenregie entstanden, brachte so etwas wie Ordnung in das Überholspur-Wirrwarr ihrer Karriere. Und das mit schleppenderen House-Rhythmen grundierte „The London Sessions“, 2014 mit britischen Szenestars wie Sam Smith, Disclosure und Emeli Sandé eingespielt, war nach eigener Aussage die nächste persönliche Wendemarke.

Zum Finale - die Lady nun in Red, der Hut schwarz - lässt sie es wieder richtig krachen: „No More Drama“, der sehr wahrscheinlich beste Song über das Aufstehen nach dem emotionalen Crash, ist ganz großes Kino: Blige reckt die Faust, windet sich auf Knien, schluchzt sich fast in Trance und schreit mit jeder Faser des Körpers diesen Song heraus, der auch dem letzten Stoiker klarmacht, warum „Soul“ Seele heißt.

Quelle: op-online.de

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