Riesenventile aus Frankfurt

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In den Hallen von Samson werden Ventile hergestellt. Insgesamt wird an sechs Standorten produziert.

Frankfurt - Mit kleinen und riesigen Ventilen macht Samson Millionen-Umsätze. Das Frankfurter Familienunternehmen setzt vor allem auf Qualität. Von Axel Wölk

Fast alle Offenbacher kennen den Namenszug „Samson“ vom Blick aus dem Wagen kurz vor der Autobahnausfahrt Kaiserlei. Doch was auf dem riesigen Firmengelände im Frankfurter Osten direkt gegenüber von Offenbach gefertigt, getüftelt und geschraubt wird, bleibt weitgehend unbekannt. Mittlerweile öffnet sich die seit 1916 alteingesessene Frankfurter Institution und der Vorstandsvorsitzende Ludwig Wiesner fand Zeit für ein Gespräch. „Mich ärgert das schon mal“, scherzt der Manager halb im Ernst über den geringen Bekanntheitsgrad seines Unternehmens. Ein Grund: Die Produkte des Unternehmens begegnen Otto Normalverbraucher so gut wie nie im alltäglichen Leben. Samson produziert, vertreibt und wartet sogenannte Regelsysteme. Dabei wird eine Zustandsgröße wie Temperatur oder Druck eines Gases - auch einer Flüssigkeit - gemessen und über ein Stellventil reguliert. Am ehesten finden Verbraucher Samson-Produkte noch an der eigenen Heizung, wo in Mehrparteienhäusern die Systeme der Frankfurter eingebaut werden. Mitunter fällt ein Ventil des Familienunternehmens bis zu sechs oder acht Meter hoch aus. Die Preisspanne ist gewaltig, ähnlich wie das Sortiment breit gefächert. Manche kleine Ventile sind für ein paar Euro zu haben. Doch massive Ventile, die in einer Pipeline Verwendung finden, können den Kunden mal bis zu 300.000 Euro kosten.

Insgesamt sieht sich Samson als Qualitäts- und nicht als Preisführer: „Wir sind nicht die billigsten.“ Da Samson-Produkte vor allem in äußerst sensiblen Bereichen wie der Chemie- und Ölbranche eingesetzt werden, müssen sie auch zu beinahe 100 Prozent ausfallsicher sein. Das klappte bisher. „Wir sind meines Wissens noch nie verurteilt worden“, weist Wiesner auf Samsons offenbar makellose Bilanz hin. Und die Ventile müssen einiges aushalten. Bei Temperaturen nahe des absoluten Gefrierpunkts bei minus 271 Grad funktionieren sie ebenso wie bei Hitzewerten jenseits der 600 Grad. In Arktis und Antarktis kurven Forschungsschiffe mit Technik aus der Region. Das Gros des Umsatzes - rund 60 Prozent - erwirtschaftet der Konzern als Zulieferer für die chemische Industrie. Namhafte Kunden sind Merck aus Darmstadt, der Industriepark Höchst, aber auch der weltgrößte Chemiekonzern BASF. Weitere Abnehmer findet Samson in der Öl- und Gasförderung, bei Solartechnik, selbst im Bergbau.

Das stärkste Wachstum erlebt das Unternehmen gerade im Öl- und Gasgeschäft. Besonders auf dem russischen Markt florieren die Umsätze. „In Russland haben wir es einfacher als in den USA“, erklärt Wiesner verblüffend. Auf dem US-Markt dominierten einheimische Anbieter und zu seinem Leidwesen weiß der Top-Manager nur zu gut: „Amerikaner denken sehr national.“ Trotzdem gibt es auf der Samson-Weltkarte nur einen markanten weißen Fleck und der ist schwarz. „In Schwarzafrika sind wir nicht vertreten.“ Das ist auch gerade dem relativ niedrigen Stand der Technik in dieser Weltregion geschuldet. Ansonsten ist Samson mit mehr als 50 Tochtergesellschaften weltweit vertreten. Es gibt rund 220 Ingenieur- und Verkaufsbüros rund um den Globus. Samson-Beschäftigte arbeiten in Rio, Houston, Tokio, aber auch im beschaulichen Neuseeland. An sechs Standorten wird produziert, darunter in Frankreich.

Doch unter den Fertigungsorten ist der Stammsitz im Frankfurter Osten die unbestrittene Nummer eins. Allein 1 500 Mitarbeiter beschäftigt Samson dort, davon rund ein Drittel, die in der Fertigung und in den Werkstätten noch klassisch mit eigenen Händen schrauben und zerspanen. Arbeiten, für die Samson händeringend Mitarbeiter sucht. Als Unternehmen, das in Frankfurt die meisten Facharbeiter nachfragt, müssen Wiesner und sein Team inzwischen um talentierte Kräfte intensiv werben. Ausbildung ist sowieso ein Muss: Rund 120 Lehrlinge bildet das Maschinenbauunternehmen aus. Werbung in eigener Sache macht Samson mit dem Prädikat Familienunternehmen. Trotz der weltweit 3800 Mitarbeiter und einem Umsatz von mehr als 530 Millionen Euro gehe es in der Samson-Welt noch familiär zu. Gründerfamilie Sandvoss trage ihr Scherflein dazu bei. Noch heute halten Familienmitglieder rund 80 Prozent der Anteile an der Aktiengesellschaft.

Das in Düsseldorf 1907 gegründete Unternehmen zog es schon relativ früh an den Main. Einer der Gründe mag gewesen sein, dass Samson schon immer der chemischen Industrie folgte, die in Frankfurt traditionell vertreten ist. Einen weiteren Faktor macht Jürgen van Santen aus, der für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig ist: Frankfurt bot nicht nur das Gelände, sondern baute auch gleich ein Haus für die Familie, das heute noch steht. „Das war eine erste Art der Wirtschaftsförderung.“ Auf dem Firmengelände gab es einen Ochsenstall, um den Transport sicherzustellen und selbst Kartoffeln wurden gepflanzt.

Aus dem Frankfurter Osten ist Samson nicht mehr wegzudenken. „Das ist auch ein Bekenntnis zum Standort Rhein-Main“, erläutert Wiesner die millionenschwere Investition in einen gerade beendeten Erweiterungsbau. Erst wenn wegen Lärmschutz nachts nicht mehr gearbeitet werden dürfte, würde ein Wegzug überhaupt erst erwogen. Samson hält sich mit seinen mehr als 100 Jahren für fit, in der Globalisierung mitzuhalten. Die Exporte in alle Welt verdeutlichen das. Man sieht sich als kräftigen Spieler auf dem Weltmarkt, der seinem Namen alle Ehre macht. Die Gründer suchten sich absichtlich den biblischen Kraftprotz Samson als Namensgeber. Im Frankfurter Osten hofft man deswegen, niemals einer Delilah zu begegnen, die dem Unternehmen den Garaus machen würde. Die biblische Figur schnitt dem Riesen die Haarpracht ab und fortan fristete dieser eine Kümmerexistenz als schwächliches Wesen. Das rasante Wachstum mit einem Stellenzuwachs von 200 Beschäftigten allein in Frankfurt in den vergangenen zwei bis drei Jahren spricht eine andere Sprache.

Quelle: op-online.de

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