Wladimir Klitschko in Weiterstadt

Die Masse liebt und schiebt

Weiterstadt - Was würde wohl Franz Beckenbauer über Wladimir Klitschko sagen? Matze Knop hatte am Samstag dazu seine eigene Theorie: „Er hat eine leichte Krampfader auf der Zunge, ist aber ein netter Kerl und super Boxer." Von Jens Dörr

Wladimir Klitschko im Möbelhaus

Wladimir Klitschko war am Samstag bei einem Möbelhaus in Weiterstadt zu Gast. Bei dem Sponsorentermin sprach der Box-Weltmeister unter anderem über seinen nächsten Kampf, der am 10. November in Hamburg stattfindet.

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Etwas anderes zu sagen, bleibe dem „Kaiser“ wegen Klitschkos Kraftvorteilen auch kaum übrig, imitierte der Comedian die lebende Fußballlegende. Knops Auftritt bildete am Samstagnachmittag den Prolog des umfangreich beworbenen Klitschko-Besuchs vor dem Möbelhaus des bayrischen Unternehmens Segmüller am Standort Weiterstadt. Nicht ganz übertrieben meinte Segmüller-Gesamtvertriebsleiter Helmut Gütebier zwar, die Hölle sei am südhessischen Standort samstags auch ohne Berufsboxer los; diesmal aber gelangte der riesige Parkplatz tatsächlich an seine Kapazitätsgrenze.

Mehr als 2000 Menschen mögen es letztlich gewesen sein, die vor der Hauptbühne auf einem abgetrennten Areal nahe des Haupteingangs weniger auf Knop als auf den ukrainischen Schwergewichtsweltmeister warteten. Das ging zunächst auch gut, als „Dr. Steelhammer“ mit viertelstündiger Verspätung und kräftig künstlich benebelt die Bühne enterte, auf der FFH-Mann Daniel Fischer und der vom RTL-Boxen bekannte Ringsprecher Gregor König fragten und moderierten. Das ging auch noch gut, als sich Klitschko brav und durchaus motiviert-sympathisch durch die Antworten kämpfte. Beim Autogramme schreiben aber drückte die Masse von hinten derart gen Absperrung vor dem Fotograben, dass gerade einige jüngere Besucher neben der Signatur des Helden auch blaue Flecken davongetragen haben dürften.

Unerwünschte Fragen

Dazwischen lag Königs Interview mit Klitschko - Fragen zu Bruder Vitali und der Klitschko-Familie für ihn wie später für die Journalisten unerwünscht. Die Masse liebte Klitschko am Samstag trotzdem - nicht nur wegen seiner 58 Siege in 61 Profikämpfen, darunter 51 Knockouts. Denn Wladimir weiß, was die Deutschen hören wollen.

Etwa das: „In der Ukraine läuft es noch nicht so gut wie in Deutschland“, spielte er auf osteuropäische Sporthallen an, die „seit den 50ern“ nicht mehr saniert worden seien. In diesem Zusammenhang betonte Klitschko sein Stiftungsengagement - und bei jeder Gelegenheit seine nächste Titelverteidigung am 10. November in Hamburg. Noch ein Leckerli für hiesige Ohren: „Wir sind eingebürgert in Deutschland“, wofür er selbstredend Applaus erntete.

Klitschkos Rat an die Eltern, die ihren Nachwuchs ins Segmüller-Gatter begleitet hatten: „Für die Kiddies ist es ganz wichtig, dass man Sport treibt. Das verändert positiv den Charakter.“ Die bekannten Schlagworte „Respekt“ und der Wert der „Bildung“ ließen ebenfalls nicht lange auf sich warten. Welchen Eindruck die kostenlose Werbeveranstaltung, von der Segmüller wie Wladimir Klitschko gleichermaßen profitiert haben dürften, letztlich hinterließ? Vielleicht am ehesten diesen: Sportler, der trotz aller offenkundigen Intelligenz, Ausstrahlung und Vorbildfunktion doch eher in den Ring gehört, trifft auf Schwergewicht im Möbelhandel, das damit das selbstkreierte „Festival der Rekorde“ ausklingen lässt. Vor den Augen eines am Ende recht beseelten Publikums - sofern es nicht in der schmerzhaften ersten Reihe stand.

Quelle: op-online.de

Rubriklistenbild: © Dörr

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