Mehr Po, mehr Brust, größere Hoden

Dieburg - Ebenso wie die Dinge, über die er spricht, kann Wilfried Hüser nicht so einfach raus aus seiner Haut - auch wenn seine Gäste sich das sicher manchmal wünschen würden. Von Barbara Hoven

Denn Hüser, Gründer der Polytech Health & Aesthetics GmbH, dem einzigen deutschen Hersteller von Silikonimplantaten, ist ein Wissender in Sachen Weichteile.  Und wenn er Laien seine kleine, hochspezialisierte Welt erklärt, benutzt er gerne Worte, die draußen in der großen Welt nur wenige jemals gehört haben.

Wenn Hüser „Gluteusimplantate“ sagt und dabei ein Gebilde mit der Form eines gigantischen Wassertropfens in seinen Händen wiegt, dann meint er eigentlich eine künstliche Pobacke. Die gibt´s im Polytech-Katalog in diversen Breiten, Längen, Tiefen, oval oder rund, zwischen 115 und 450 Gramm schwer, immer einzeln verpackt. Und grundsätzlich - für das Sitzen durchaus elementar - mit einem Silikongel gefüllt, „das durch seine festere Konsistenz den Anforderungen an die Belastungen in der Gluteusregion entspricht.“ Klingt in branchenfremden Ohren erstmal nach der Werbetrommel für Motorradfahrerhosen, beschreibt aber tatsächlich Dinge, die im Wortsinn unter die Haut gehen. Davon gibt es hier viele.

Mehr Silikonträger, als man denkt

In klinisch reinen Räumen entstehen neben den halben Hintern auch Testikularimplantate (Hoden, fünf Größen), Pektoralisimplantate (für die linke und rechte männliche Brust, je drei Größen), Waden (in moderatem oder anatomischem Profil), Polster für Kinn, Wangen, sogar für Nasen. Jedes Stück wird in Handarbeit gefertigt. Mit Hilfe von Kunststoff-Formen werden Hüllen für die Silikon-Implantate hergestellt, mit Silikongel gefüllt, gefestigt und einzeln auf Fehler untersucht. Dazu sind Silikongels für die Narbenbehandlung zu haben und auch sonst vieles, was die plastische und rekonstruktive Chirurgie an Hilfsmitteln braucht, um menschliche Körper um- oder wieder aufzubauen. Geräte für die Fettabsaugung etwa oder Kompressionsbustiers für die Nachbehandlung von Operierten.

Das alles geschieht in einer Umgebung, in der die Phantasie fast zwanghaft die Kulisse für einen Science-Fiction-Streifen über Aliens erkennen will, die am Rande einer hessischen Kleinstadt eine Nachwuchszucht betreiben, um unbemerkt eine Invasion der Erde vorzubereiten. Und auch wenn Wilfried Hüser ganz sicher kein Außerirdischer ist, sondern bei der Entwicklung seines Unternehmens immer auf dem Boden der nackten Tatsachen ruht, kann der Vergleich so absurd nicht sein. Unter den Menschen gibt es mehr Silikonträger, als man denkt. Polytech lebt gut davon. So gut, dass die 1986 in Altheim gegründete, 1987 nach Dieburg umgesiedelte und zwischenzeitlich mit der Produktion für viele Jahre nach Brasilien ausgewanderte Firma seit 2008 wieder komplett in Dieburg zu Hause ist. Für den Standort, erklärt Hüser, sprach „neben attraktiven Grundstücks- und Gebäudekosten vor allem die Nähe zum Frankfurter Flughafen.“ Außerdem habe der Imagefaktor eine Rolle gespielt. „Gerade, wenn es um den eigenen Körper geht, legen die Kunden großen Wert auf beste Qualität und hochwertige Verarbeitung“ - Wertarbeit eben. Made in Germany eben. Wirtschafts-, Finanz- sonstige Krisen? Polytech trotzt dem Trend, hat gerade von 35 auf 65 Mitarbeiter aufgestockt und will bis zum Jahresende 100 Menschen in dann vier statt bisher drei Gebäuden beschäftigen.

Brustimplantat für die Frau ist das Standbein

Nur mit Kunst-Hintern ginge das nicht. Das eigentliche Standbein des Unternehmens ist, so widersprüchlich das auch klingt, das Brustimplantat für die Frau. 576 verschiedene „Mammaimplantate“ gibt das Polytech-Repertoire her, Stückpreis zwischen 300 und 700 Euro. Und alle wollen auf ihre Alltagstauglichkeit getestet werden. Das ist nicht alleine wichtig, um medizinische Güte- und Qualitätssiegel zu bekommen. Elementar ist, dass auch in vielen Jahren nichts schief- und schon gar nichts ausläuft. Letzteres, sagt Hüser, sei quasi unmöglich. Mit flüssigem Silikon war im Grunde nur die erste Produktgeneration gefüllt, was im Ernstfall zu bösen Komplikationen führen konnte. Heute indes habe das Innenleben eines Implantats die Konsistenz eines Gummibärchens oder einer Geleefrucht, was bei einer Beschädigung im Körper ein entscheidender Vorteil sei.

Solche Sicherheit ist kein Grund, die penible Prüfung der Implantate zu vernachlässigen. Extreme Belastungen können vorkommen. Wie beispielsweise steht es um die Stabilität, wenn Silikonbrüste bei einem Autounfall gegen das Armaturenbrett knallen? Und droht den Implantaten eine Zerreißprobe, wenn sie im bewegten Oberkörper einer leidenschaftlichen Marathonläuferin stecken? Die Antwortsuche der Kunstbrustmacher unterscheidet sich nicht wesentlich von der anderer Branchen. Hier schrubbt eine Maschine ein Implantat millionenfach zwischen Metallplatten hin und her, was in etwa der Belastung von zehn Jahren Jogging entspricht, dort versucht sich eine Konstruktion mit einer Methode in der Kunst der Zerstörung, die vom Grundprinzip her der Französischen Revolution entstammt. „Hier sehen Sie unsere Guillotine“, sagt der Firmenchef beim Rundgang durch sein Reich. Mit der Polytech-Guillotine lässt sich zwar nicht wie anno 1793 ein Monarch - in diesem Falle Ludwig XVI. - einen Kopf kürzer machen. Doch wenn statt des Fallbeils auf einen Hals ein 4,4 Kilogramm schweres Gewicht auf ein Silikonkissen herabsaust, simuliert das einen Autounfall mit knapp 50 Stundenkilometern - in der Hoffnung, dass das Silikonkissen mehr aushält als seinerzeit der Halswirbel des französischen Königs.

Flut von Schadenersatzklagen

In der Weichteil-Branche zählt Polytech schon deshalb zur Königsklasse, weil es weltweit nur ein Dutzend Konkurrenten gibt. Das hat das Unternehmen der Tatsache zu verdanken, dass die Sicherheit von Silikonimplantaten in den 90er Jahren in den Vereinigten Staaten stark angezweifelt wurde - in Hüsers Rückblick eine Diskussion, die vor allem für Anwälte zum lukrativen Geschäft wurde. Das Einsetzen von Silikonimplantaten wurde zwischen 1992 und 2006 in den USA gar verboten, nur die mit Kochsalzlösung gefüllten Varianten waren erlaubt.

Hüser erinnert sich, dass damals „die reinsten Horrorgeschichten“ durch die Medien gingen. Beispielsweise das Gerücht, dass Implantate im Flugzeug ab einer gewissen Höhe explodieren könnten. „Einmal rief mich sogar eine Pilotin an und fragte, bis zu welcher Höhe sie denn noch gefahrlos fliegen könne.“ Das und die Flut von Schadenersatzklagen, die die Implantathersteller überrollte, führte dazu, dass viele Mitbewerber aufgaben.

Und dabei ist der Markt üppig. Denn es geht nicht grundsätzlich nur um Schönheit. Viele Einsätze von Implantaten haben auch eine medizinische Notwendigkeit, beispielsweise für die Rekonstruktion der Brust nach einer Krebserkrankung. Solche Operationen sind keine Seltenheit: Jährlich erkranken in Deutschland mehr als 57 000 Frauen an Brustkrebs. In etwa jedem dritten Fall raten die Ärzte zur Entfernung der gesamten Brust. Um sich nach der Amputation wieder als „vollwertige“ Frau zu fühlen und die Sicherheit im Alltag zurück zu gewinnen, entscheiden sich viele Patientinnen, die operierte Brust durch Silikonimplantate wieder aufbauen zu lassen. Sie können nicht nur ein passendes Implantat aus den Modellvarianten auswählen. Auch für die Optik der Brustwarze gibt es eine breite Farbpalette. Von Kirschrot über Pfirsich und Zitronengelb bis zu Sand oder Lachs reichen die Optionen.

Körbchengröße C ist der Favorit

Das große Repertoire bei Größe und Form der künstlichen Oberweite sei den stark variierenden Wünschen der Kunden geschuldet. „Beim Geschmack der Kundinnen ist grundsätzlich ein Nord-Süd-Gefälle erkennbar“, erklärt Hüser. „In nördlicheren Gefilden werden Implantate mit 150 bis 250 Gramm bevorzugt, im Süden auch gerne mal 300 bis 400 Gramm.“ In Deutschland ist Körbchengröße C der Favorit. Hüser hat im Lauf der Jahre erlebt, wie sich „die Mode“ wandelte: „Noch vor 15 Jahren galt in Brasilien klein als schick, und auf eine Brustvergrößerung kamen 20 Verkleinerungen. Doch dann kam ein Star namens Gisele Bündchen und verkündete der Damenwelt, dass größer schöner sei. Heute ist Brasilien der zweitgrößte Markt für Brustvergrößerungen.“

Einige Ansprüche an körperliche Attribute werden aber wohl trotz solchen Wankelmuts keine Renaissance mehr erleben. Für Speckröllchenimplantate, über die höchstens Peter Paul Rubens, der Barockmaler mit Vorliebe für Modelle mit ausladenden Formen, selig gewesen wäre, wird es sicher nie einen Markt geben.

Quelle: op-online.de

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