Mängel bei den Qualifikationen

Mehrheit der Flüchtlinge fehlen Ausbildung und Abschlüsse

Frankfurt - Tausende Flüchtlinge sind nach Hessen gekommen. Viele Unternehmen wollen sie anstellen. Doch oft hapert es bei der Qualifikation. Von Marc Kuhn

Hessens Wirtschaft setzt bei der Bekämpfung des Fachkräftemangels auf Flüchtlinge, klagt gleichzeitig aber über Defizite in ihrer Bildung. „Die schulischen und beruflichen Voraussetzungen, die die Geflüchteten mitbringen, sind auf dem hiesigen Arbeitsmarkt ohne eine zusätzliche Vorbereitung überwiegend nicht verwertbar“, sagte Volker Fasbender, Hauptgeschäftsführer der Vereinigung der hessischen Unternehmerverbände (VhU), gestern in Frankfurt. „Wir brauchen eine massive Orientierung für die Betroffenen“, ergänzte der Leiter der Regionaldirektion Hessen der Bundesagentur für Arbeit, Frank Martin. Fasbender und Martin stellten ihre Erfahrungen zum Start in die Integration von Flüchtlingen in Arbeit vor. Nach den Worten des Regionalchefs sind in den vergangenen zwölf Monaten etwa 11 000 Flüchtlinge aus Syrien, Irak, Iran, Eritrea, Pakistan, Nigeria, Somalia und Afghanistan in Hessen von Arbeitsagenturen und Jobcentern registriert worden. Rund 4 300 oder 40 Prozent davon sind arbeitslos. Der Rest sei arbeitssuchend oder falle unter sogenannte Zumutbarkeitsregelungen, weil beispielsweise Kinder unter drei Jahren betreut würden, berichtete Martin.

Nach den bisher erfassten Daten haben mehr als 80 Prozent der Flüchtlinge keine abgeschlossene Ausbildung und davon ein Großteil keinen Schulabschluss. Ein Drittel der Flüchtlinge ist unter 25 Jahren. „Hier müssen unsere Bemühungen besonders greifen und das gemeinsame Ziel muss sein, diese jungen Menschen, zumeist junge Männer, fit für den Ausbildungsstart zu machen“, forderte Martin. Die hessischen Metall- und Elektrounternehmen seien in hohem Maße bereit, Flüchtlinge über Einstiegsqualifizierungen an Ausbildung und Jobs heranzuführen und in Arbeit zu integrieren, erklärte Fasbender zu Ergebnissen einer Umfrage. „Schon jetzt haben über sechs Prozent Flüchtlinge eingestellt, über 30 Prozent haben es kurzfristig geplant. Das halten wir für erstaunlich hohe Zahlen.“ Martin rechnet nicht mit einem Wettbewerb von Flüchtlingen und Arbeitslosen um Jobs. Schließlich gebe es zurzeit etwa 40 000 freie Stellen in Hessen.

„Die Wirtschaft braucht dringend zusätzliche Arbeitskräfte und ist bereit, durch Praktika, Ausbildung und Jobs an der Integration mitzuwirken“, fügte Fasbender hinzu. „Flüchtlinge sind hoch motiviert, aber sie haben noch große Hürden vor sich. Das alles kostet Zeit, aber es ist keine Ausrede für überlange Asylverfahren, unnötige bürokratische Hürden und unorganisiertes Vorgehen.“ Fasbender bezeichnete zum Beispiel die Vorrangprüfung „als schwer handhabbares Instrument“ - dabei wird geprüft, ob Deutsche oder EU-Ausländer für einen Job infrage kommen. „Die Abschiebepraxis erschwert teilweise gelungene Integration“, kritisierte er und verlangte: „Unternehmen brauchen die Rechtssicherheit, dass eine begonnene Ausbildung abgeschlossen werden kann. Weshalb sollten wir junge Menschen, die hier gebraucht werden und auf dem besten Weg zur wirtschaftlichen Selbstständigkeit sind, wieder abschieben?“ Fasbender sagte weiter: „Erfolgreiche Ausbildung und ein Einkommen aus Beschäftigung sind die wichtigsten Grundlagen der Integration.“ Der VhU-Hauptgeschäftsführer bekräftigte den Bedarf beispielsweise von Gebäudereinigern, Systemgastronomen, im Bewachungsgewerbe, bei der Zeitarbeit und dem Hotel- und Gaststättengewerbe.

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Hessens Wirtschaft lädt am Montag zu einem sogenannten Integrationscamp ein. Auf diese Weise sollen Firmen unterstützt werden. „Das Engagement von Unternehmen, Einzelpersonen und öffentlichen und privaten Organisationen ist nicht mehr überschaubar“, erläuterte Charlotte Venema, bei der VhU für Personalpolitik zuständig. „Aber mehr gegenseitiges Wissen um gleiche oder ähnliche Aktionen, Kontakt von Unternehmen zu Initiativen, die Unterstützung leisten können, und eine bessere Vernetzung der Akteure wären ein Schritt vorwärts. Unser Ziel ist es, möglichst viele Akteure zum Erfahrungsaustausch zusammenzubringen, damit neue Netzwerke und Kooperationen entstehen können.“ Fasbender betonte, dass Deutschland die Zuwanderung von Qualifizierten brauche, um den Wohlstand zu sichern. Er verwies auf den drohenden Fachkräftemangel. Im Jahr 2013 gehörten 49 Millionen Menschen zur Gruppe der Erwerbstätigen im Alter von 20 bis 64 Jahren. „2030 werden es etwa 44 bis 45 Millionen, 2060 dann etwa 38 Millionen sein, das bedeutet minus 23 Prozent.“

Quelle: op-online.de

Rubriklistenbild: © picture alliance / dpa

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