Das Menschliche hervorbringen

Alice Sara Ott geht als Pianistin ungewöhnliche Wege

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Alice Sara Ott

Offenbach - Nächste Woche gastiert die deutsch-japanische Pianistin Alice Sara Ott in der Alten Oper Frankfurt. Aufsehen erregte sie zuvor mit dem Chopin-Projekt, das Klaviermusik an ungewöhnliche Orte brachte. Von Detlef Kinsler 

Sich am helllichten Tag auf eine Tour durch Bars, Kneipen und Theater zu begeben, auf der Suche nach Instrumenten mit Charakter, ist nicht, was normalerweise auf der Agenda klassischer Musiker steht. Doch die junge, deutsch-japanische Pianistin Alice Sara Ott und der isländische Komponist und Produzent Ólafur Arnalds wollten die Musik des von beiden geliebten Frédéric Chopin anders als gewohnt aufzunehmen. Nicht im sterilem Studioambiente, sondern in lebendigen Räumen auf Pianos mit Patina. So entstand 2014 in Reykjavik ein außergewöhnliches Album: „The Chopin Project“. Mit ausgesuchten Präludien, Nocturnes und Sonaten, die dem Perfektionsgedanken der Klassikverwalter entrissen wurden, und elegischen Streichquintetten auf Basis von Chopin-Motiven - für ein homogenes wie sinnliches Stück Kammermusik.

„Wir gehen in ein Aufnahmestudio und erwarten, dass die Klaviere tipptopp gestimmt sind, kein Ton uneben klingt, es kein unnötiges Geräusch im Saal gibt. Wir sind einfach diese cleane, perfekte Welt gewöhnt, dass alles andere als störend empfunden wird“, formuliert Ott die verbreitete Erwartungshaltung in der Klassikwelt, von der sie selbst sich gar nicht ausnimmt.

Umso mehr war das „Chopin Project“ für die 27-Jährige ein Abenteuer. „Ich habe diesem Projekt zugestimmt, weil es für mich ein großes Klangexperiment war. Es hat auch sehr viel Spaß gemacht, aber ich habe selber gemerkt, wie ich mich in manchen Klischees verfangen hatte“, erzählt die „Echo Klassik“-Preisträgerin. „Ólafur hat alle Mikrophone sehr, sehr nah an die Saiten, an die Pedale, an mich herangebracht; dann hörte ich plötzlich mein Atmen, mein Singen und mein Schnaufen. Meine erste Reaktion war: Oh, Entschuldigung. Und dann fing er an zu lachen: Das ist doch genau was wir wollen, das Menschliche in der Musik hervorzubringen. Da merkte ich, dass ich auch daran gewöhnt bin, dass alles einwandfrei ist ohne störende Geräusche. So ist es ja tatsächlich zu Chopins Zeiten nicht gewesen.“

Was die Klassikpuristen bei der CD-Veröffentlichung eher irritierte, traf den Nerv jener, die sich der Sinnlichkeit dieser Interpretation nicht entziehen konnten. Prompt gab es Anfragen für Konzerte. Die waren aber nie geplant. „Wir hatten es uns am Anfang tatsächlich nicht vorstellen können, weil es doch ein sehr intimes Projekt ist. Das wird natürlich, je größer der Saal ist, schwieriger“, schildert Ott an die anfängliche Skepsis. „Wir wussten ja auch bis zur allerersten Show nicht, was uns da letztendlich erwartet und wie das alles am Ende klingen wird.“

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Den Auftritt Anfang September im Mousonturm gestalteten die sieben Musiker in der zwanglosen Atmosphäre eines Hauskonzertes mit Flügel, präpariertem Upright Piano, Keyboards und Sampler. Drumherum drapiert die fünf Streicher, links die Geigen, rechts im Hintergrund die Celli, die Viola mittendrin. Solistin Ott kam in Nachtblau und barfuß, ihr „Assistent“ Arnalds in Socken, das Whiskyglas bei beiden griffbereit.

„Früher war das ja tatsächlich Salonmusik, zu der die Leute in die Wohnzimmer kamen, wo Musik gemacht wurde und die Menschen miteinander Spaß hatten“, stellt Ott Bezüge her. „Es war alles viel intimer. Ich bin auch gegen den Dresscode, den es im klassischen Konzertsaal gibt. Der lässt so viele Menschen versteifen, da bleiben manche Generationen sogar fern, die nicht gewohnt sind im Jackett und mit Schlips rumzulaufen. Ich bin der Meinung, dass man sich der Musik nur dann komplett öffnen kann, wenn man sich auch hundertprozentig wohl fühlt. Es gibt keine Regeln in der Musik. Man soll niemanden zeigen, wie er die Musik zu genießen hat, jeder soll seinen eigenen Weg da hineinfinden.“

Jungen Menschen die Klassik schmackhafter zu machen, dafür gibt es viele unterschiedliche Konzepte. Selbst die Deutsche Grammophon, das Klassik-Label schlechthin, hat die „Yellow Lounge“ initiiert, in deren Rahmen Alice Sara Ott vor fünf Jahren schon Chopin und auch Liszt im Disco-Raumschiff von Sven Väth, dem Frankfurter Cocoon Club, in lässiger Atmosphäre präsentierte. Mit eigenen Moderationen und Anekdoten zu den Künstlern. „Im Vergleich zu deren Leben ist das, was die Rolling Stones gemacht haben gar nix. Aber das weiß natürlich keiner“, lacht Ott. „Dabei war Mozart eine so versaute Persönlichkeit. Oder Liszt. Der hatte ja zigtausend Affären, auch eine mit Lola Montez.“ Ernste Musik, hehre Kunst, aber von Musikern, deren Biografien durchaus vieles bieten, mit dem man sich heute identifizieren kann. Alles nur ein Vermittlungsproblem.

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Ihre nächsten beiden Abende in Frankfurt gibt Alice Sara Ott wieder in einem gewohnten Rahmen für ein Klassikkonzert, die Alte Oper. Dort spielt die Münchnerin mit dem hr-Sinfonieorchester unter Andrés Orozco-Estrada Tschaikowskys „Klavierkonzert Nr. 1 b-Moll op 23“. Der erste Abend in der Reihe „Junge Konzerte“ ist Schülern, Studenten und Auszubildenden vorbehalten. Mitte November gehen Ott, Orozco-Estrada und Orchester dann auf Japantournee.

hr-Sinfoniekonzerte mit Alice Sara Ott am 4. (19 Uhr) und 5. November (20 Uhr) in der Alten Oper. Karten gibt es unter 069/1552000.

Quelle: op-online.de

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