Im Brautkleid auf dem Flugplatz

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Während Topacts wie „The Prodigy“ und „Apocalyptica“ strömten tausende Besucher zur Bühne.

Am 8. und 9. August traf sich die schwarze Szene zum bereits zehnten M'era Luna Festival auf dem Flugplatz Hildesheim-Drispenstedt. Über 23.000 Besucher reisten an, um Auftritte von Apocalyptica, Subway to Sally und The Prodigy zu erleben. Von Jan Schmitt

Wenn Festivalbesucher normalerweise morgens aus dem Zelt kriechen, dann sehen sie meistens etwas mitgenommen aus. Die Haare liegen nicht richtig, das Make-up ist verlaufen und zuviel Alkohol und plus Schlafmangel zollen auch ihren Tribut. In der "schwarzen Szene" ist das anders. Schon frühmorgens werden die ersten Reifröcke übergeworfen, die ersten Haarteile an den Kopf gebunden und sich solange gestyled, bis ein edles, futuristisches oder makaberes Aussehen erreicht ist. So verwundert es auch nicht, dass das bereits zehnte M'era Luna Festival auf dem Hildesheimer Sportflughafen eine Veranstaltung der etwas anderen Art war. Zwar trank man auch hier den ein oder anderen Schluck oder suchte nachts laut schreiend nach imaginären Personen, allerdings in den meisten Fällen bis in die Haarspitzen perfekt gestyled.

Doch nicht nur Selbstpräsentation, Schaulaufen oder die simple Suche nach Inspiration lockte die Besucher zum M'era Luna. 40 Bands aus ganz Europa sorgten für zusätzliche Motivation. Während die Hauptbühne mit den unterschiedlichsten Musikrichtungen - von Mittelalter, über Metal, bis hin zu Darkwave - lockte, befand sich der kleinere Hangar überwiegend in Hand der elektronischen Bands. Am Samstagvormittag eröffnete die Kieler Post-Punk-Band „No More" das Festival, während „Heimaterde", „Jesus on Extasy" und „Welle: Erdball" den Hangar mit rhythmischen Elektrobeats zum feiern brachten.

Während sich gegen Mittag „Krypteria"-Sängerin Ji-In Cho das Brautkleid vom Leib riss und im schwarzen Lederoutfit über die Bühne wirbelte, sorgte später am Tag „Peter Heppner" mit „Wann kommt die Flut?" für einen begeisterten Stimmenchor. Den Höhepunkt des Abends stellte wohl die finnische Metalband "Apocalyptica" dar, die, auf ihren Cellos spielend, die Menge weiter anheizten. Einzig ein wenig zu laute Drums taten dem Musikgenuss einen leichten Abbruch, waren die leiseren Cellopassagen doch kaum zu vernehmen. „Nightwish" konnte dagegen, trotz dem Status als einer der Headliner, nicht wirklich überzeugen. Sängerin Anette Olzon traf die Töne nur sporadisch, so dass sich schließlich die ganze Tontechnik verabschiedete und das Konzert für wenige Minuten unterbrochen werden musste.

Doch auch der Sonntag hatte einiges zu bieten. Nachdem „Zeromancer" mit elektronischem Rock gepunktet hatten, brillierte „Schelmish" mit mittelalterlichen Klängen, die an „In Extremo" in früheren Zeiten erinnerten. Abends näherte sich das Festival dann seinem Höhepunkt. Mit „Subway to Sally" und „The Prodigy" traten gleich zwei Headliner in Folge auf der Mainstage auf. Den Anfang machte „Subway to Sally". Nicht nur die umfassende Feuershow heizte den Zuschauern ein, als Sänger Eric Fish die Bühne betrat und Sackpfeife, Violine und Gitarre in Songs wie „Sieben", „Eisblumen" und „Falscher Heiland" einstimmten. Nachdem ein fulminanter Stimmenchor bei "Blut, Blut, Räuber saufen Blut" aufbrandete, verabschiedeten sich die Potsdamer und machten die Bühne für den letzten Akt des Festivals frei.

Die Welttournee-erfahrenen Briten von "The Prodigy" hängten nicht nur ihr eigenes Bühnenbild auf, sondern installierten ihre eigene Beleuchtungstechnik und bauten die ganze Bühne um. Als schließlich die ersten Töne aus den Boxen schallten und die Künstler die Bühne betraten, konnte sich die Menge nicht mehr zurückhalten. Zehntausende Besucher starteten einen riesigen Pogo und feierten zu Hits wie „Breathe", „Omen" und „Voodoo People", während Sänger Keith Flint sich buchstäblich auf Händen tragen ließ und MC Maxim zu Aktionen wie beispielsweise einem riesigem Strudel aus Menschen aufrief. Der Gitarrist der Band hatte dagegen anscheinend einige Probleme mit seinem Instrument und warf schon mal seine Gitarre backstage oder einen Teil des Schlagzeugs um.

Doch auch abseits der Bühne gab es einiges zu entdecken. Ein mittelalterliches Spektakel mit Feuerspeiern, Gauklern, stilechten Verkaufsständen - und natürlich viel viel Met - war ebenso vertreten wie die erste M'era Luna Modenschau mit Kleidern, Dessous und Roben von Barock bis zu SM, von verspielt bis zu uniformiert. Im Chill-Out-Zelt konnten die Besucher CD-Release-Events beiwohnen oder beim Speeddating einer Szeneflirtseite mitmachen, während ein spezieller Festival-Supermarkt mit günstigen Getränken lockte. Wer sich lieber mit neuen Accessoires oder gleich ganz neuen Outfits eindecken wollte, hatte dazu auch genug Gelegenheit - unzählige Szeneläden und Magazine lockten mit Rabatten und Sonderpreisen.

Schlussendlich war das M'era Luna eine rundum gelungene Show und hat wieder einmal gezeigt, dass es zurrecht neben dem "Wave Gothik Treffen" (WGT) das zweitgrößte Festival der schwarzen Szene ist. Wir freuen uns auf nächstes Jahr.

Quelle: op-online.de

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