Michael Thalheimer inszeniert Kleists Trauerspiel „Penthesilea“ am Schauspiel Frankfurt

Die Liebe ist ein Schlachtfeld

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Penthesilea (Constanze Becker) wird töten, was sie liebt: Achilles (Felix Rech).

Frankfurt - Michael Thalheimer hat sich am Schauspiel Frankfurt mit Wucht Heinrich von Kleists Liebesdrama „Penthesilea“ vorgenommen. Von Stefan Michalzik

Mal wieder so eine typische - und doch wie immer ob ihrer Eigentümlichkeit überraschende - Thalheimer-Bühne. Untrennbar ist die Wucht der Inszenierungen von Michael Thalheimer mit den starken Setzungen der radikal modernistischen schwarzen Räume seines Bühnenbildners Olaf Altmann und ihrer schlichten Monumentalität verbunden. Steil ragt diesmal die dreieckig plane Fläche eines Berges auf, sein Fuß nimmt die enorm breite Bühne im Frankfurter Schauspiel vollends ein. Hoch oben, in beträchtlicher Ferne, lagert - wer bei Thalheimer, wenn nicht sie? - Constanze Becker als Kleists Penthesilea. In ihren Armen hält sie den blutüberströmten Achilles (Felix Rech). Vom Ende her geht Thalheimer das von Kleist selbst als unspielbar apostrophierte Trauerspiel aus dem Jahre 1808 an. Radikal sind Liebe und Krieg in diesem Stück miteinander verknüpft. Penthesilea, die Königin der Amazonen, hat sich im Gefecht in den siegreichen Griechen Achilles verliebt. Entgegen dem Gesetz des Frauenstaats, nach dem eine Liebe nur erlaubt ist, wenn zuvor der Mann im Kampf besiegt worden ist. Um der Regel zu genügen, will Achilles in einem weiteren Kampf Penthesilea den Sieg schenken. Sie verkennt das und tötet den Geliebten. In der späten Erkenntnis bleibt ihr nichts als der eigene Tod.

Es ist viel Berichterstattung in diesem Drama. Von fern geschehener Handlung auf dem Schlachtfeld, im Sinne des klassischen Botenberichts. Das Theater muss dafür seine Lösung finden. Denkwürdig hat Hans-Jürgen Syberberg 1981 die Penthesilea in einen Monolog für die Schauspielerin Edith Clever gemünzt. Thalheimer nun hat zusammen mit seiner Dramaturgin Sybille Baschung das Personal auf drei Personen eingestrichen. Josefin Platt nimmt summarisch die Stimme mehrerer Amazonen ein. Das Paar mit seiner schicksalsgetriebenen Leidenschaft scheint sich das Geschehen um sich herum in einer erzählerischen Vergegenwärtigung zu erschließen.

Auf die Sprache fokussiertes Theater

Das geht auf. Sehr klassisch wirkt dieses auf die Sprache fokussierte Theater. In einem hohen Tragödienton wird gesprochen. Passagenweise forciert, mit Ausbrüchen. An Stellen auch mit dosiert-temperiertem Gebrüll. Da entsteht tatsächlich eine packende Dramatik. Es ist ganz still im Theater zwischen den Worten, eindreiviertel Stunden lang, ohne einen Bruch der Spannung. Constanze Becker, natürlich das Zentrum der Aufführung, ist ganz die große Tragödin. Das ist unzeitgemäß in seiner Anmutung. Nicht obsolet aber, nicht lachhaft. Einfach ein Mittelklassemann von heutiger Gestalt ist Felix Rechs Achilles, bald trägt er einen lässig-eleganten Anzug (Kostüme: Nehle Balkhausen) über dem blutigen Oberkörper. Eine Type des Durchschnitts, wie in den Krieg und in die Liebe hineingezogen von unentrinnbarer Macht wirkt er. Wenn er süffisant fragt, wie es sich denn in diesem Gemeinwesen ohne Männer mit der Fortpflanzung verhalte, ist das von einer leisen ernsten Komik.

Eine monumentale Stille gibt gleichsam die Grundierung. Darüber hinaus ist der Wechsel des Lichts das wichtigste Mittel der äußeren Dramaturgie. Zum schlimmen Schluss hin setzt ein minimalistisches Geklöppel vom Komponisten Bert Wrede ein. Dann ein banaler Popsong, laut anschwellend. Das erscheint wie eine ironische Wendung. Gewollt? Wohl kaum. Ein Missgriff. Wie Jesus am Kreuz liegt Achilles schließlich erneut in den Armen der Penthesilea, sirupzäh trieft ihr das Blut aus dem Mund. Dieses - von seinem musikalischen Fauxpas abgesehen - auf den Punkt hin gemeißelte Theater ist in seinen Mitteln vertraut. Schadet nichts. Denn es hat unvermindert Kraft, viel Kraft. Methode Thalheimer? Vielleicht. Abgenutzt hat der ausgeprägte Personalstil sich aber nun einmal nicht. Weitere Aufführungen am 9., 17., 18., 26. und 27. Dezember sowie am 6., 14., 18., 22., 24. und 28. Januar (einige sind bereits ausverkauft)

Quelle: op-online.de

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