Minderjährige Flüchtlinge

Allein in der Fremde

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Die Flüchtlingskinder bekommen Deutschunterricht. Sprachprobleme sind für die Mädchen und Jungen die größte Hürde.

Frankfurt - Mutterseelen allein und mit schrecklichen Erlebnissen kommen immer mehr Kinder und Jugendliche aus Kriegs- und Krisengebieten nach Hessen. Bis sie an einem Ort heimisch werden können, dauert es aber oft viele Monate.  Von Ira Schaible und Carolin Eckenfels

Zu lange, meinen Fachleute. Völlig auf sich allein gestellt kommen jedes Jahr Hunderte Kinder und Jugendliche aus Krisen- und Kriegsgebieten nach Hessen. Viele haben auf der Flucht Schreckliches erlebt und sind traumatisiert. Die meisten landen zunächst in Frankfurt und Gießen. Wenn ihre persönliche Situation geklärt ist, werden sie vom Regierungspräsidium Darmstadt auf Jugendhilfeeinrichtungen wie Heime und Wohngemeinschaften im ganzen Land verteilt. Doch die Kommunen und Kreise kommen ihrer Pflicht der Unterbringung nicht nach, klagen die Städte Frankfurt und Gießen. So müssen viele Jungen und Mädchen, die monate- oder gar jahrelang auf der Flucht waren, wieder warten, bis sie in Sicherheit heimisch werden können. Allein in Frankfurt sind es nach Darstellung der Stadt derzeit rund 250 junge Flüchtlinge. Weil die Heime in Frankfurt und Gießen voll sind, müssen viele provisorisch in Hotels, Wohnungen oder vorübergehend sogar in Turnhallen untergebracht werden.

„Die Aufnahmeeinrichtungen sind überfüllt, und es kommen mehr unbegleitete minderjährliche Flüchtlinge“, sagt Irmela Wiesinger vom Bundesfachverband unbegleitete minderjährige Flüchtlinge in Hessen. Zwar würden an vielen Orten neue Einrichtungen eröffnet. „Es kommt aber alles einen Ticken spät, und jetzt kumuliert das.“ Fast 780 minderjährige Flüchtlinge, die ohne Erwachsene unterwegs waren, haben die Jugendämter 2013 in Hessen in Obhut genommen, wie das Sozialministerium berichtet. Im ersten Halbjahr 2014 seien es bereits 88 Prozent mehr gewesen als im gleichen Zeitraum des Vorjahres. Allein in Frankfurt nahm das Jugendamt im vergangenen Jahr 539 Kinder und Jugendliche aus Krisen- und Kriegsgebieten in Obhut. 188 mehr als 2012. Im laufenden Jahr seien bis Ende Juli mit 521 schon fast so viele junge Flüchtlinge in Obhut genommen worden wie im gesamten Vorjahr, berichtet die Sprecherin des Jugend- und Sozialdezernats Manuela Skotnik. Die meisten kommen aus Eritrea, Afghanistan und Somalia.

Mehr als 20 an den Wochenenden

In Gießen wurden bis Ende Juli rund 180 Flüchtlinge nach dem Jugendhilferecht untergebracht - deutlich mehr als im Vorjahreszeitraum. Die Stadt ist bei Flüchtlingen wegen der Erstaufnahmeeinrichtungen besonders bekannt. Die beiden Städte sind auch die einzigen in Hessen, die eine Clearingstelle haben. Die Jugendlichen kommen in Gießen in fünf Gruppen unter, doch die sind überbelegt. „Wir platzen aus allen Nähten“, sagt Bürgermeisterin Gerda Weigel-Greilich (Grüne). „Die Prognosen und die Nachrichten sprechen dafür, dass das lange auf hohem Niveau bleibt“, sagt Skotnik aus Frankfurt. Allein im Mai und Juli nahm das Jugendamt in der Hessenmetropole jeweils mehr als 100 junge Flüchtlinge in Obhut, die mutterseelenallein in der Fremde angekommen sind. An den Wochenenden sind es oft mehr als 20. Die Stadt richte sich auf 300 Plätze plus 100 Notplätze ein. „Die Städte und Kreise müssen ihre Anstrengungen erhöhen, neue Einrichtungen anzubieten, wo Jugendliche aufgenommen werden können“, verlangt Weigel-Greilich. Auch Frankfurt fordert, „mehr Druck“ auf die Kommunen und Kreise zu machen. Sozialstaatssekretär Wolfgang Dippel (CDU) hat nach Darstellung seines Ministeriums Anfang August die Gemeinden und Kreise schriftlich aufgefordert, ihrer Pflicht bei der Unterbringung der Flüchtlinge nachzukommen.

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„Die Kommunen und Kreise bleiben nicht auf den Kosten sitzen“, betont Skotnik. Das Bundesverwaltungsamt in Köln ermittle für jeden einzelnen Jugendlichen den überörtlichen Kostenträger für die Unterbringung. „Das ist eine wichtige gesamtgesellschaftliche Aufgabe“, mahnt der Direktor des Städte- und Gemeindebunds, Karl-Christian Schelzke. „Es sind junge Menschen, die sich integrieren wollen, und die wir angesichts des demografischen Wandels brauchen.“ Eine bloße Unterbringung reiche nicht aus, die Flüchtlinge müssten auch von Psychologen und Sozialarbeitern betreut werden, um eine echte Chance zu bekommen. Die Notunterkünfte machen jedoch sogar Freizeitangebote für die jugendlichen Flüchtlinge fast unmöglich, heißt es in Gießen. Wiesinger nennt noch ein anderes Problem: „Es ist im Moment auch sehr schwierig, geeignete Sozialpädagogen zu finden.“

(dpa)

Quelle: op-online.de

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