Eine große Stimme des Schlagers

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Höchste Disziplin: Mireille Mathieu

Frankfurt - Wer, bitteschön, ist eigentlich Mireille Mathieu? Wenn man sich eines ihrer Konzerte anschaut, wie jetzt in der gut besuchten Frankfurter Alten Oper, erschließt sich das nicht. Von Sebastian Hansen 

Mit ihrer eigenen Persönlichkeit bleibt die französische Sängerin auf der Bühne bemerkenswert unerfahrbar. Ihr ganzes Auftreten, jede einzelne ihrer sparsam gesetzten Gesten: Alles erscheint geprägt durch ein außerordentliches Maß an Disziplin. Schon in den frühen Tagen ihrer größten Plattenverkaufserfolge in den späten sechziger und in den siebziger Jahren ist die Disziplin sozusagen bis in die letzte Ecke gegangen: Selbst den französischen Akzent hat sie perfektionistisch reduziert, anders als die „swingenden“ Zeitkolleginnen wie France Gall oder Françoise Hardy, die ihn kokett kultiviert haben.

Die Dramaturgie eines Wechsels zwischen den deutschsprachigen Schlagern und französischen Chansons ist bewährt, sie findet beim Publikum Anklang. Im melodramatischen Sentiment bei den französischen Liedern liegt eine Stärke. Nach der Pause lässt eine Disconummer aufhorchen, unvermutet kommt im Gesang gar ein expressives Moment zum Tragen - die Mathieu als „Röhre“, in Maßen jedenfalls. Das ist die einzige tatsächliche Überraschung an einem gleichwohl durchaus kurzweiligen Abend. Er ist angelegt auf eine große Show von internationalem Format, das wird tadellos erreicht. Bedauerlicherweise wird das Ensemble aus 14 Musikern, Sängerinnen und Sänger nicht weiter auffällig zur Geltung gebracht, da wird etwas verschenkt.

An dem einstigen gesanglichen Bravourglanz mit der metallisch timbrierten Stimme und dem charakteristischen Vibrato haben die Jahre ihre Spuren hinterlassen. Das klingt an vielen Stellen nicht mehr so glanzvoll wie einst. Da wird schon mal ein Ton diskret weggeschluckt, wo er früher groß aufgeleuchtet hat. Die verminderte Belastbarkeit der Stimme streckt die 68-Jährige professionell ökonomisch: An der einen Stelle schont sie sich, vorwiegend bei der deutschsprachigen Hit-Pflicht, in der Chansonkür singt sie dann wieder strahlkräftig aus.

Mireille Mathieu in der Alten Oper

Mireille Mathieu in der Alten Oper

Ganz bestimmt ist es nicht die große Chansonsängerin, mit der man es zu tun hat. Es ist doch reichlich Abstand zu prägenden Sängerinnen des Genres wie dem erklärten Vorbild Edith Piaf oder zu Juliette Gréco. Ihre Version von „Je ne regrette rien“ zum Schluss hin gelingt in respektabler Weise, mehr allerdings nicht. Mireille Mathieu ist eine Schlagersängerin - als solche aber ist sie fraglos eine der Großen. Nach wie vor gelingt es ihr auch in ihrem 50. Bühnenjahr, dessen Feier sie sich für diese Tournee auf die Fahnen geschrieben hat, das Publikum - viele, aber keineswegs nur alte Leute - von den Stühlen zu reißen.

Quelle: op-online.de

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