Kein Licht der Aufklärung

Darmstadt - Der Täter beteuert hartnäckig seine Unschuld. Die Aussage des Opfers ist widersprüchlich und lückenhaft. Handfeste Beweise gibt es nicht. In der Bilanz ergibt das schlechte Voraussetzungen für eine Verurteilung. Von Silke Gelhausen

So bleibt der Staatsanwaltschaft am Ende nichts anderes übrig, als für Freispruch zu plädieren – was beim Vorwurf des sexuellen Missbrauchs bitter ist.

Angeklagt ist der 48-jährige Arap Y. aus Hattersheim. Er soll von 2005 bis 2009 die heute 15-jährige S., Tochter seiner damaligen Lebensgefährtin aus Offenbach, wiederholt und teilweise mit Gewalt im elterlichen Schlafzimmer zum Geschlechtsverkehr gezwungen haben.

Der Darmstädter Richter Jens Aßling bringt die Sachlage auf den Punkt: „Dieses zweitägige Verfahren ist in vielerlei Hinsicht unbefriedigend ausgegangen. Es kann etwas passiert sein, aber auch genauso gut nicht.“ Aßling gibt dem Antrag von Staatsanwältin Wajia Ayub statt – Y. verlässt als freier Mann den Gerichtssaal. Als S. vom Ausgang der Verhandlung erfährt und auch noch ihrem vermeintlichen Peiniger auf dem Flur begegnet, bricht sie zusammen. Der verständigte Rettungsdienst bringt das Mädchen in eine Klinik.

Im Elternhaus kein offenes Ohr

Zweimal muss sie in Abwesenheit von Y. aussagen, beide Male schafft der Richter es nicht, sie zur Schilderung des Tatgeschehens zu bewegen. S. erzählt umfassend von der schwierigen Familiensituation. Y. habe sie und ihren älteren Bruder geschlagen. Sie habe immer wieder versucht, Mutter und Tante von den Übergriffen zu erzählen, aber das sei alles sehr schwierig gewesen, weil Y. fast immer anwesend war. Außerdem habe er per SMS Drohungen ausgesprochen, falls sie plaudere. In ihrem muslimischen Elternhaus kommt noch hinzu, dass die Jungfräulichkeit einen hohen Stellenwert besitzt, was den Umgang mit solchen Vorfällen nicht erleichtert. „Ich konnte nie offen und ehrlich reden!“ so S., deren leiblicher Vater gestorben ist. „Ich hatte große Angst, dass das Jugendamt mich dann aus der Familie holt.“

Angeklagter sieht sich als Opfer einer Verschwörung

„Nicht ungewöhnlich“ für die Sachverständige Anke Waleska, „Kernereignisse können bei Traumatisierten durchaus ausgeblendet werden.“ Sie selbst habe auch lange gebraucht, um an das Mädchen heran zu kommen. Sie sei immer abgewichen, bis sie endlich genug Vertrauen gefasst hatte, ihr von den Übergriffen selbst zu erzählen. Waleska: „Aus meiner Erfahrung heraus halte ich diese Schilderungen für glaubhaft.“ Für eine Verurteilung reicht das allerdings nicht, da hätte S. diese Schilderungen mindestens noch einmal selbst aussprechen müssen.

Y. sieht sich dagegen als Opfer einer Verschwörung. „Die Familie hat sich zusammengetan, um ihn zu bestrafen.“, so sein Verteidiger, „Man wollte ihn loswerden und das Mädchen musste dafür herhalten!“ Sämtliche Vorwürfe gegen seinen Mandanten seien haltlos.

Tatsächlich scheint S. nicht unbedingt freiwillig gegen Y. Anzeige erstattet zu haben. Vor der Verhandlung reden Mutter und Tante intensiv auf sie ein, versuchen Einfluss zu nehmen. S. wirkt mal sehr sicher, dann wieder zerbrechlich. Die Aufklärung des Falls blieb aus.

Quelle: op-online.de

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