Mission der blauen Engel

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„Blaue Engel“ wie Stephan Sieberg helfen Bahnreisenden, notfalls auch mit dem Gepäck.

Darmstadt Kinder von getrennt lebenden Eltern wollen bei ihrer Bahnfahrt von Mama zu Papa nicht allein bleiben. Ältere Menschen brauchen Unterstützung, wenn sie mit Bus und Bahn zu einem Arzt wollen - in solchen Fällen steht die Bahnhofsmission mit Hilfe bereit. Von Joachim Baier

Die Darmstädter Einrichtung begleitet als einzige der sechs Missionen in Hessen solche Reisende auch kostenlos über weitere Strecken, in diesem Fall im Ballungsraum Rhein-Main. „Das ist ein ganz wichtiges Angebot“, sagt die Leiterin der Bahnhofsmission, Sandra Wiedemann. „Wir können an der Haustür abholen. “ Wie etwa eine Behinderte aus Pfungstadt, die zu ihrer Schule nach Frankfurt wollte. „Wir ermöglichen ein Teilhaben am Leben. “ Träger der Bahnhofsmission ist das Diakonische Werk Darmstadt-Dieburg.

Die Vereinbarung wurde mit dem Rhein-Main-Verkehrsverbund (RMV) getroffen. Ende nächsten Jahres wird Bilanz des Pilotprojekts gezogen. „Diese Hilfe ist für diese Reisende sehr nützlich“, betont auch RMV-Sprecherin Petra Eckweiler. Die Bahnhofsmission hat die Zahl der ehrenamtlichen Helfer fast verdreifacht, auch wegen des neuen Angebots. Im vergangenen Jahr wurde in Darmstadt insgesamt rund 10 000 Mal geholfen.

Ohne Ehrenamtliche kommt eine Bahnhofsmission nicht aus. In Darmstadt gehört Stephan Sieberg zu den „blauen Engeln“, die durch ihre blaue Weste mit dem runden Emblem schon von weitem zu erkennen sind. Der 71-Jährige hat früher als Vertreter das Ausland kennengelernt. „Jeden Tag ist was Neues los“, erzählt Sieberg, als er sich auf den Weg zu den Gleisen macht. Sieberg hat sich auf den Bahnsteig genau dort postiert, wo er dann vor den Türen der Waggons steht. Er wird tatsächlich gebraucht. „Ich liebe solche Kavaliere“, bedankt sich Gordana Arsenovic, als ihr Sieberg die beiden Koffer abnimmt. Die 63-Jährige kommt aus dem Schwarzwald, will nach Wiesbaden.

Immer mehr Menschen aus Südosteuropa

Es gibt Situationen, bei denen Menschen Hilfe von der Bahnhofsmission möchten, die nicht mit dem Zug unterwegs sind. Durchschnittlich sind es zwischen fünf und zehn am Tag, berichtet die Leiterin der Darmstädter Einrichtung. Es kämen meistens ältere Männer, die mit dem Alkohol kämpfen, psychische Erkrankungen haben oder obdachlos sind. Es seien aber auch mal zwei gestrandete Kinder aufgetaucht, die ihre Mutter suchten.

Es kommen aber auch Menschen zur Bahnhofsmission, die in der Kleiderkammer in den Räumen am Bahnsteig 1 nach T-Shirts, Schuhen, Strümpfe oder Zahncreme fragen. Gerhard Krebs ist dann in der Mission für die oft ausländischen Hilfesuchenden da - auch wenn die Verständigung mangels Deutschkenntnissen oft mit Händen und Füßen erfolgt. Der 59-Jährige bekommt Hartz IV, will einfach helfen. „Ich habe einen Aushang der Bahnhofsmission im Arbeitsamt entdeckt“, erzählt er von seiner Motivation.

„Menschen aus Südosteuropa kommen immer mehr“, sagt Wiedemann. „Woher sie genauso sind, wissen wir nicht. Auch nicht, wo sie hingehen.“ Die Bahnhofsmission muss ihre Namen nicht wissen. „Wir sind offen für jeden, egal, aus welcher sozialen Schicht“, betont die 37-Jährige. „Hier können sie sich erst Mal aufhalten. Es gibt zu essen und zu trinken.“

In Hessen gibt es sechs Bahnhofsmissionen: in Frankfurt, Darmstadt, Gießen, Bad Hersfeld, Kassel und Fulda. Sie sind ein ökumenisches Projekt der christlichen Sozialverbände Diakonie und Caritas. Die Öffnungszeiten sind unterschiedlich: Viele bieten ihre Dienste tagsüber an, Frankfurt dagegen rund um die Uhr. Bundesweit gibt es über 100 Bahnhofsmissionen. Sie kümmern sich jedes Jahr um mehr als zwei Millionen Menschen. dpa

Quelle: op-online.de

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