Bürger-Alarm-Systeme

Mitmacher gesucht

Offenbach - Das Telefon als Helfer der Polizei. Bürger informieren und schützen einander. Ein Frühwarnsystem für alle - vor Trickbetrügern oder Diebesbanden. Diese sinnvollen Ziele haben elektronische Warnsysteme wie Ringmaster oder Bürger-Alarm-System. Von Ralf Enders

Allein: Es läuft in der Region nicht wie gewünscht, immer mehr Kommunen steigen wieder aus. Die Polizei in Offenbach will nun gegensteuern.

Im Juni dieses Jahres wurde ein älterer Herr vor seinem Haus in Klein-Auheim angesprochen. Ein unbekannter Täter gab sich als Sohn eines ehemaligen Arbeitskollegen aus und wollte dem Rentner minderwertige Lederjacken zu überhöhten Preisen andrehen. Das potenzielle Opfer war jedoch nach mehreren Durchsagen im Bürger-Alarm-System sensibilisiert und warf den Betrüger aus seiner Wohnung.

Mitten in der Nacht klingelt das Telefon

Anderes Beispiel: In Rodgau werden Bürger mitten in der Nacht aus dem Bett geklingelt. Die Nachricht des dortigen Ringmaster-Systems: Der Herbst steht vor der Tür, die Straßen sind nass, das Laub fällt, fahren Sie vorsichtig.

Das ist die Bandbreite dessen, was elektronische Bürgerinformationssysteme an Sinnvollem und eher Belanglosem per Sprachnachrichten am Telefon bieten. In diesem Jahr haben bereits vier Kommunen im Kreis Offenbach - Dreieich, Rodgau, Heusenstamm und Dietzenbach - die Systeme als zu belanglos, zu selten genutzt oder wegen nächtlicher Störungen als technisch unzulänglich eingestuft und die Konsequenzen gezogen; sie haben die Verträge mit den privaten Betreibern gekündigt.

In Rodgau etwa war man über technische Mängel seitens des privaten Betreibers jahrelang erbost, Anfang September hat der Magistrat gehandelt und den Austritt zum Jahresende beschlossen. Zwar habe das Unternehmen eine neue Software angekündigt, das komme jedoch zu spät: „Wir wollen nicht das Versuchskaninchen spielen“, sagte der Erste Stadtrat Michael Schüler (FDP).

Polizei ist von den Systemen „absolut überzeugt“

Die Entwicklung bereitet dem Polizeipräsidium Südosthessen in Offenbach Sorgen, wie Polizeipräsident Roland Ullmann sagt. Er und seine Kollegen seien von den Systemen nämlich „absolut überzeugt“, wie Ullmann gestern auf einer Pressekonferenz erläuterte. Die Polizei will nun gegensteuern und für die elektronischen Warnungen werben. Erster Schritt: Briefe an die Bürgermeister der ausgeschiedenen Städte, mit dem Ziel, sie zu einer Rückkehr zu bewegen.

Dabei gibt sich Ullmann durchaus selbstkritisch: Ganz unberechtigt sei die Kritik nicht, das Thema habe bei der Polizei durch Routine vielleicht die „gebotene Intensität“ verloren. Dennoch: „Die Kritik, die in den vergangenen Wochen und Monaten in den Kommunen laut geworden ist, ist eine undifferenzierte Verkürzung, die so nicht zutreffend ist.“ Die Warnung vor herbstlichen Straßenverhältnissen etwa habe den Servicecharakter, der zur Mischung der Ringmaster-Meldungen gehöre und sei wesentlich umfangreicher als die von Kritikern herausgepickte Nachricht, dass das Laub nun fällt.

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Martin Enz, im Präsidium zuständig für die „strategische Prävention“, ergänzt: „Die Hinweise umfassen zum Beispiel Warnungen vor Enkeltrick-Betrügern und vermeintlichen Lottogewinnen, Autoaufbrechern auf Friedhofsparkplätzen, aber eben auch Hinweise zur Reisezeit, Alkoholkontrollen an Fastnacht oder die Sensibilisierung für herbstliche Straßenverhältnisse.“ Die Polizei, die die potenziellen Warnmeldungen nach Relevanz auswähle, sei um eine „vernünftige Größenordnung“ von 40 bis 50 Meldungen pro Jahr bemüht. Werden es mehr, bestehe die Gefahr, dass die Empfänger überreizt weghören. In Hanau etwa wurden in diesem Jahr bislang 43 Meldungen verschickt.

Ullmann appelliert an noch nicht beigetretene oder ausgescherte Kommunen, sich den aus Polizeisicht wertvollen Warnsystemen (wieder) anzuschließen; zumal die Kosten mit 3 000 bis 8 000 Euro pro Jahr überschaubar seien. Ein Arbeitskreis prüfe derzeit Verbesserungen und Synergiepotenziale. Er sei fest davon überzeugt, dass die meisten Teilnehmer die Systeme akzeptierten und gut finden. Dies betreffe auch den kritisierten Übertragungsweg per Telefon in Facebook-Zeiten: „Bedenken sie, dass die privaten Teilnehmer oft ältere Menschen sind, die keinen Internetzugang haben.“ Gleichwohl sei die Ringmaster-App das Ziel auf lange Sicht.

Quelle: op-online.de

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