„Kopf, Herz und Hand erreichen“

Mittelkürzungen sorgen für Kritik bei Landesverbänden

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Kulturell bildenden Fächern wie Kunst, Musik und Theater drohen weitere Kürzungen an Hessens Schulen. Musikalische Grundkenntnisse werden daher eher in Musikschulen vermittelt.

Frankfurt - Den Pinsel schwingen, gemeinsames Singen im Klassenraum oder auf der Bühne mal in die Rolle des Bösewichts schlüpfen: Das alles können hessische Schüler in den Fächern Musik, Kunst und Darstellendes Spiel erleben. Von Konstanze Löw

Doch nun drohen seitens des Kultusministeriums Mittelkürzungen. Haben Fächer wie Mathematik, Biologie oder Informatik an hessischen Schulen eher eine Daseinsberechtigung als künstlerische und kulturelle Angebote? Diese Vermutung legen aktuelle Entwicklungen nahe. Die betroffenen Lehrerverbände der Fächer Kunst, Theater und Musik haben daher gestern Kritik an den Einsparungen in der kulturellen Bildung an Hessens Schulen geäußert.

Die Anzahl der wöchentlichen Unterrichtsstunden der genannten Fächer in den Grundkursen der gymnasialen Oberstufe wurde bereits von drei auf zwei reduziert. Außerdem ist im laufenden Schuljahr die Stundenzahl der Fachberater in den 16 staatlichen Schulämtern halbiert worden. Künftig sollen zudem Kürzungen von 50 Prozent an dem vom Kultusministerium geförderten PROSÜM-Projekten (Projekte und schulübergreifende Maßnahmen) durchgesetzt werden. Geplant sei, dass aus derzeit 300 Stunden, die hessischen Schulen insgesamt für kulturelle Projekte zur Verfügung stehen, 150 werden, wissen die Fachverbände. Projekte wie „Schulen in Hessen musizieren“, bei dem Schüler die Möglichkeit haben, Chor- oder Bigband-Luft zu schnuppern, sind nach Meinung der Experten gefährdet.

Doch nicht nur einige pädagogisch wertvolle Projekte stehen vor dem Aus, die Landesverbände sehen die kulturelle Bildung an Hessens Schulen im „freien Fall.“ Vor allem die Kreativität und Teamfähigkeit der Schüler leide unter der Verdrängung der Fächer, befürchtet Reinhard Wanzke. Er vertritt in der Debatte den Fachverband für Kunstpädagogik. „Kürzungen gab es schon immer, aber sie werden immer akuter“, ergänzt Dorothee Graefe-Hessler vom Bundesverband Musikunterricht Hessen (BMU). Der Präsident der Frankfurter Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Frankfurt, Thomas Rietschel, sieht den Trend, dass sich die öffentliche Hand immer mehr aus der kulturellen Bildung zurückziehe und diese Aufgabe an außerschulische Institutionen wie Musikschulen übergebe. „Das ist gefährlich. Denn so haben nicht mehr alle Schüler Zugang zu bestimmten Bildungsangeboten.“ Rietschel steht dieser Entwicklung kritisch gegenüber: „Nur kulturell bildende Fächer können Kopf, Herz und Hand erreichen.“

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Als Grund für die Kürzungen werden die von der Landesregierung geplanten Erweiterungen im Ganztagsschulbereich, Maßnahmen zur Inklusion und der erhöhte Stellenbedarf für Deutschlehrer zum Unterrichten von Flüchtlingen genannt. „Doch diese Umstrukturierungen dürfen nicht auf Kosten unserer Fächer passieren“, sagt Ruth Kockelmann vom Landesverband Schultheater in Hessen (LSH). Die Lehrerverbände sehen Hessen im bundesweiten Vergleich sowieso schlecht aufgestellt: Während hier derzeit im Fach Musik etwa 30 Referendare eingesetzt seien, seien es in Bayern etwa 400, weiß Musiklehrerin Graefe-Hessler. Was die Kürzungen bedeuten, erfährt Hochschul-Präsident Rietschel bereits jetzt: „Es ist immer schwieriger, qualifizierte junge Menschen zu finden. Ohne Fachpraxis wird es für die angehenden Studierenden schwieriger, die Eignungsprüfung an Hochschulen zu bestehen.“ Und auch Theater-Expertin Kockelmann blickt aufgrund der Kürzungen kritisch in die Zukunft. Denn wer nie Theater kennengelernt hat, wird auch später keines besuchen.

Quelle: op-online.de

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