Chaos um G8/G9

„Mogelpackung der Regierung“

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Wieder viele Unklarheiten bei G(8und G9: Der Gesetzentwurf von CDU und Grünen steht in der Kritik

Frankfurt - Hickhack ohne Ende: Kleine G8-Schüler sollen nun auch zu G9 wechseln können. Damit wären sie neun statt nur acht Jahre im Gymnasium. Doch kaum eine Schule in Hessen kann das veränderte Gesetz umsetzen. Viele Eltern sind frustriert.

Sie habe der hessischen Regierung vertraut, sagt Christina Deich aus Mittelhessen. Sie dachte, die verkürzte achtjährige Zeit im Gymnasium (G8) sei gut für ihren Sohn. Aber jetzt hat sie Angst, dass er zerbricht. Anna Zerk hingegen mag die straffe Struktur von G8. Enttäuscht sind jetzt beide Mütter (Namen jeweils geändert) - von der schwarz-grünen Landesregierung. Diese hat mit einem Beschluss im März den Eltern gerade Hoffnung gemacht: Künftig könnten auch laufende fünfte, sechste und siebte Klassen zu G9, also zu den klassischen neun Jahren im Gymnasium, wechseln. Doch darüber entscheiden sollen Schulen und Eltern. Das bringt Unruhe, und die Schulen können es kaum umsetzen. Jetzt sind die G-8-Verteidiger enttäuscht, weil sie eine weitere Runde des Hickhacks durchlaufen müssen. Und die G-9-Befürworter sind frustriert, weil ihre Kinder oft doch kein Schuljahr dazu bekommen.

Die meisten Schulen böten den Wechsel jetzt gar nicht erst an, auch wenn viele Eltern dafür seien, sagt Alix Puhl, Vorsitzende des Frankfurter Stadtelternbeirats. „Die Schulen lassen sich nicht mehr auf das Spiel ein.“ Auch Andreas Bartels, Sprecher der hessenweiten Initiative „G9“ kritisiert: „An vielen Schulen wurden die Eltern nicht gefragt, oder nur halb. Und dann wird nicht gemacht, wofür sich die Eltern ausgesprochen haben“, sagt er. „Die Behauptung der Regierung, der Elternwille sei maßgeblich, ist eine Mogelpackung.“ Der Gesetzentwurf umfasse alle rechtlich umsetzbaren Möglichkeiten, um einerseits der Wahlfreiheit der Schulen nachzukommen und andererseits den durch die Rechtsprechung garantierten Vertrauensschutz von Eltern zu gewährleisten, heißt es im Kultusministerium. Eine Lösung, die allen Wünschen und Bedürfnissen gleichermaßen gerecht werde, könne es nicht geben.

Vorwürfe von Eltern

Der Wechsel für laufende Klassen ist nur möglich, wenn nicht nur genügend Eltern ihn wollen, sondern auch mehrere Schulgremien. Dazu kommt es aber in der Praxis kaum, wie Christina Deich und Anna Zerk erfahren. Bis Ostern müssen sich die Schulen entschieden haben. In Frankfurt plant kein Gymnasium ein Parallelangebot. Drei von zwölf Gymnasien in der Stadt haben ein Konzept erstellt, nach den Osterferien stimmen die Eltern ab. Alle drei Schulen stellen einen Wechsel unter den Vorbehalt von 100 Prozent Zustimmung der Eltern zu G9, wie der Stadtelternbeirat mitteilt.

Es zeichne sich ab, dass landesweit rund 20 Schulen die fünften Klassen zu G9 wechseln lassen wollen, sagt die Vorsitzende der Direktorenkonferenz für Gymnasien, Elisabeth Waldorff. Die Kinder in G8 hätten schon vorgearbeitet, mehr Stunden absolviert, erklärt sie. Diese Stunden müssten sie nun wieder zurückgeben. „Das bedeutet eine massive Kürzung der Stunden in der Mittelstufe.“ Das möchte Anna Zerk für ihre zwei Söhne nicht. Sie besuchen in Frankfurt eine siebte Klasse. Auch dieses Gymnasium bietet G9 für diese Jahrgänge nicht an. „Meine Kinder hätten dann um elf Schule aus“, sagt Zerk. „In G8 sind die Kinder unheimlich gezwungen, sich zu sortieren. Da ist nicht so viel Zeit für Quatsch“, sagt sie.

Aus schulpsychologischer Sicht scheint weder G8 noch G9 die bessere Alternative zu sein. Die Probleme der Kinder, mit denen sie spreche, seien nie an G8 festzumachen, sagt Schulpsychologin Claudia Raykowski. Waldorff verweist auf organisatorische Gründe für Schulen: Lehrer würden abgezogen, in der Oberstufe gebe es dann kaum Auswahl an Kursen. Bartels von der „G9“-Initiative aber hält diese Argumente bei großen Schulen für angreifbar. Viele Direktoren seien auf G8 eingefahren. „Sie wollen es nicht, also machen sie es nicht.“ Diesen Vorwurf weist die Direktoren-Vertreterin zurück: „Das ist eine Unverschämtheit.“ Viele Eltern durchschauten die Folgen nicht.

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Christina Deichs Sohn geht in die siebte Klasse im G-8-System. „Die Schulleitung sagte, alle Optionen sind offen. Aber der Direktor hat so viele Probleme aufgezeigt, und die Schulgremien haben dagegen gestimmt.“ Sie hätte ihrem Jungen gern neun Jahre bis zum Abitur ermöglicht. „Er ist sehr fit, aber das Ganztagsangebot fängt ihn nicht emotional auf“, erzählt die alleinerziehende, berufstätige Mutter.

Anna Zerk sieht G8 anders. Aber auch sie ist von der Regierung enttäuscht. Die Kinder hätten sich in der Siebten gerade neu eingelebt. Da hieß es plötzlich: Jetzt geht auch G9. „Da flossen Tränen, weil die Klasse getrennt werden könnte. Die Telefoniererei zwischen den Eltern ging los, es wurde unheimlich emotional“, sagt sie. Eltern, die für G8 votierten, seien unter Druck gesetzt worden, hieß es in den Medien. Auch G-9-Befürworter seien beschimpft worden. Jetzt aber hätten alle verstanden, dass es gar nicht zur Wahl komme, sagt Puhl vom Stadtelternbeirat. „Die Eltern sind alle gemeinsam frustriert. Die Gesetzesänderung ist total für die Füße.“ Der Tumult sei umsonst gewesen, die Ernüchterung jetzt groß, so Puhl Anna Zerk: „Erst war ja wirklich der Eindruck entstanden, es könnte parallel G9 geben. Aber ein echtes G9 wäre das nicht.“

(dpa)

Quelle: op-online.de

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